Nach der Entscheidung

Damit wir uns nicht mißverstehen: Wir werden bis Weihnachten nicht wissen, ob Wodarg oder Drosten recht haben/hatten. Wir haben schon jetzt nicht einmal genug Test-Kits (und nicht genug Labore), um die Verdachtsfälle zu überprüfen. Geschweige denn haben wir ausreichend Tests, um die wirklich relevanten Daten zu erheben, denn dazu brauchten wir ja in repräsentative Daten aus einer statistisch ausreichend großen Gesamtmenge – und zwar eben nicht nur erkennbar Betroffener. Ohne diese Daten wissen wir weder, wie verbreitet Covid bereits ist, noch wie gefährlich das Virus ist. Diese Daten können wir aber derzeit nicht erheben. Siehe oben. Wir haben gar keine Möglichkeit.

Die Debatte, ob unsere globale Lockdown-Entscheidung „richtig“ ist/war, können wir daher jetzt gar nicht führen. Bei Bedarf können wir uns ja zu Weihnachten darüber streiten. Wichtig ist aber: ob nun vernunftgesteuert, panisch oder instinktiv, wir haben Fakten geschaffen. Ob nun instinktiv, vernünftig, panisch, wie auch immer: Wir haben entschieden. Wie der Fahrer eines Autos, der auf einer vierspurigen Schnellstraße einem aus dem Straßenbegleitgrün auftauchenden Schatten ausweicht (Waschbär? Kühlschrank? Wer weiß?) – ausweicht nach links. Also in den Gegenverkehr, in diverse Busse. Der Schaden ist groß, aber es ist müßig, sich über die Sinnhaftigkeit dieses Manövers zu streiten, es ist ja passiert.

Das hat Konsequenzen. Und einige davon erkennen wir bereits, mit Blick nach vorn.

Im Moment sehen wir nur bis zu unserer eigenen Nasenspitze („Mein Auto ist kaputt“), vielleicht sogar durch die Frontscheibe die Autos der anderen („Viele kaputte Autos, alles steht.“) Manche kommen sogar auf die Idee, einen Krankenwagen zu rufen (BGE, Kredite, Nothilfe). Es liegt in unserer Natur, die weiterreichenden Folgen nicht zu sehen. In einem der Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn liegt allerdings ein Patient, der nun das Krankenhaus nicht mehr lebend erreichen wird. Herr K., ein 94jähriger Patient mit 4 Vorerkrankungen, Krebs, Diabetes, 4 Stenten und Cholera, der sich eben zusätzlich eine Lungenentzündung eingefangen hat und jetzt wegen eines Unfalls nicht mehr rechtzeitig in die Klinik kommen wird. Dieser Patient ist das System, in dem wir leben. Dieses System stirbt jetzt vor unseren Augen.

Wir dachten bis eben, eine Welt ohne diesen zusammengeflickten Schwerkranken wäre „alternativlos“, aber das ist nicht der Fall. Und wir werden nach dem Schock und der kurzen Trauer völlig neue Wege finden. Bessere Wege. Sofern wir uns sofort klarmachen, was geschehen ist – und was jetzt geschehen wird. Machen wir uns das nicht klar, verharren wir in Angst, Schockstarre und Sorge, „es“ könnte auch und treffen, werden wir eintreten in eine finstere Zeit. Ziehen wir hingegen umgehend die richtigen Lehren aus dem Tod des Alten, steuern wir auf ein helles Zeitalter zu.

Die Gefahr, dass es dunkel wird, ist natürlich groß. Die kurzfristigen Folgen dieses Unfalls sind dramatisch, alles ist neu, und wir können mit Veränderungen generell nicht umgehen, Veränderungen machen uns höllische Angst. Die Gefahr ist also groß, dass wir ängstlich alles mit uns machen lassen, was vorgebliche Retter jetzt ansagen. Dass wir auf all unsere Bürgerrechte verzichten, dass wir uns alle zwangsimpfen lassen, dass wir uns alle hoch verschulden und Viertjobs annehmen, um die entstandenen Kojunkturschäden zu beheben und unsere Banken und Versicherungen zu retten. Das wäre falsch.

Richtig hingegen ist es, jetzt anzuerkennen, dass der greise Zausel im Krankenwagen schon lange fällig war und nur mit enormem Aufwand von uns allen am Leben erhalten werden konnte – auf Kosten unserer Gesundheit. Jetzt ist er so gut wie tot.

Oder? Könnten wir nicht doch … den Rettungshelikopter …? Alle Sauerstoffflaschen, die es auf der Erde gibt, zusammenkratzen, um unserem 94jährigen Herrn K. das vorzeitige Ableben zu ersparen? Er braucht dann bestimmt auch weiter Blutkonserven, gewonnen aus gesunden Menschen, die beim Transfer, wie bisher, sterben.

Mal gucken, wofür wir uns jetzt entscheiden …


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10 Antworten auf Nach der Entscheidung

  1. Judy Horney sagt:

    Lieber Herr Böttcher,
    ich finde es völlig ok, dass sie sich nach einem entbehrungsreichen Leben mit schwerer Krankheit viel mit dem Tod beschäftigt haben und zu dem Schluss gekommen sind, dass es ok für sie wäre, an Corona zu sterben. Finden Sie, Sie dürfen das auch für andere erkrankte und alte Menschen mitentscheiden, wie die sich zum Tod verhalten sollen? Sie argumentieren nur aus einer Perspektive. Ich finde das empathielos. Und auch etwas vermessen, wenn sie glauben, dass sie schlauer sind als weltweite Regierungen. Sie sind bestimmt sehr schlau, aber vermutlich nicht so schlau, um die komplexe Situation zu überblicken. Meiner Meinung nach können das gerade nur Politiker und Virologen, die die Zusammenhänge besser kennen als Sie. Ich wünsche ihnen noch ein langes Leben, damit sie vielleicht mit 90 sagen können: „Gott sei Dank, bin ich damals nicht an diesem Virus gestorben.“

  2. Sven Böttcher sagt:

    Liebe Frau Horney, ich fühle mich dezent mißverstanden. Liegt bestimmt an mir, also gestatten Sie mir die Klarstellung: Es wäre für mich gar nicht „ok“, zu sterben, weder an Corona noch an sonstwas, ich lebe sehr gern. Sofern ich mit 90 noch selbst klarkomme, gern auch sehr lange.

    „Finden Sie, Sie dürfen das auch für andere erkrankte und alte Menschen mitentscheiden, wie die sich zum Tod verhalten sollen?“
    ??? Fände ich nicht. Im Gegenteil, ich finde, das sollte der/die Einzelne selbst entscheiden dürfen. Darf er oder sie aber nicht. Im übrigen ist mir sehr bewusst, dass Sterben wie das Begleiten des Sterbens geliebter Menschen leidvoll sind. Und ich leide mit Ärzten, die diese Entscheidung treffen müssen.

    „Sie sind (…) vermutlich nicht so schlau, um die komplexe Situation zu überblicken. Meiner Meinung nach können das gerade nur Politiker und Virologen, die die Zusammenhänge besser kennen als Sie.“

    Wie ich oben schlau oder unschlau schrieb, haben unsere Politiker, Experten und wir eine Entscheidung getroffen. Mich beschäftigen die bereits absehbaren dramatischen Folgen. Ich verstehe, dass Ihnen das empathielos vorkommt, da wir ja jetzt offenkundig fast alle an Covid sterben müssen. Sollte das so sein, sind meine Überlegungen für das Danach natürlich überflüssig. Weshalb Politiker und Virologen die tatsächliche Datenlage als existenzielle Bedrohung für den Fortbestand der Menschheit einschätzen, ist mir aber tatsächlich nicht klar, da haben Sie recht.

  3. Andi sagt:

    Empathielos finde ich:
    1. Wenn alte, sterbende Menschen alleine sterben müssen, weil sie keinen Besuch empfangen dürfen, weil nicht ausreichend Schutzkleidung für eventuelle Besucher da ist.
    2. Wenn viele Selbstständige pleite gehen, mit hohen Schulden, weil das neu eingerichtete lokal geschlossen bleiben muss.
    3. Wenn viele Leute ihre Arbeit verlieren und nicht wissen, wie sie ihre Verbindlichkeiten bezahlen sollen.
    4. Wenn Kindern so große Angst gemacht wird, dass sie sich nicht mehr trauen ihre alten Großeltern zu besuchen, weil ihnen gesagt wird, dass das die Großeltern töten könnte.
    5. Wenn alte, schwer kranke Menschen nicht sterben dürfen und mit aller Macht am Leben erhalten werden, auch wenn sie die letzten Jahre nur noch im Bett verbringen, an die Decke starren und den Tod herbeisehnen.
    6. Wenn alte Menschen im Pflegeheim maximal eine Stunde am Tag besucht werden dürfen.
    Schluß mit der Aufzählung, sonst komme ich bis hundert.
    Wenn jemand wie Herr Böttcher nüchtern die Zahlen nennt, die nicht von ihm erfunden, sondern von den regierungsberatenden „Fachleuten“ herausgegeben werden und deren Bedeutung und Folgen nennt, finde ich das gut. Schade, dass es Menschen wie Judy Horney gibt, die das unabdingbare Schicksal alter Menschen hinaus zu zögern über das Wohl vieler Millionen Menschen stellt.
    Die Welt wird nach Corona anders sein, das glaube ich auch.
    Nur besser wird sie nicht.

  4. Rechnen hilft! sagt:

    Lieber Sven Böttcher,
    wenn Sie Ihr Beispiel zu Ende denken, plädieren Sie für Darwinismus und Euthanasie.

    Corona ist nicht nur für den alten Zausel gefährlich, den der Transport ins Krankenhaus vermutlich sowieso ins Grab bringt, sondern für jeden mit Vorerkrankungen insbesondere mit Vorerkrankungen der Lunge (und ja, es wäre schlimm, wenn Luftverschmutzung dazu gehört, dagegen wäre der derzeitige Lockdown aber die beste Maßnahme).

    Corona ist für jeden gefährlich, der krank ist und kein Bett und keinen Arzt findet.

    3 Leute, die von einem Infizierten angesteckt werden, sind in 20 Tagen ganz Europa. Ein Prozent davon ist die halbe Bundesrepublik.

    Jetzt beim Lockdown wäre ein guter Zeitpunkt, sich Exponentialrechnung mal wieder anzuschauen. Youtube hat gute Erklärungen.

    • Sven Böttcher sagt:

      Mönsch, Rechner. Gucken Sie sich mal Pueyos Zahlen an, das ist alles potenziell viel schlimmer. Gibt trotzdem nur ne 4, denn der alte Zausel im Text ist unser System, deshalb heißt Herr K. ausgeschrieben Kaputtalismus. Ich rege höflich einen Blick über den Tellerrand an, ok? (Ich hab ihren Kommentar auch nur freigeschaltet, weil ich diese Billigprovokationen so beknackt finde, da dürfen bitte viele mitdenKopfschütteln:).

      • Rechnen hilft! sagt:

        Ok. Ich habe ein Problem mit Ihren Metaphern.
        Also, Sie meinen vermutlich Waschbär, dem man bekannterweise nicht ausweichen soll, um nicht Menschen zu gefährden. So jetzt habe ich also den Fehler gemacht, den Waschbär zu retten, töte im Gegenverkehr einen alten Zausel, der es dann aber doch verdient, zu sterben, obwohl ich eigentlich hätte weiterfahren sollen und den Waschbär töten.
        Also, was denn nun.
        Völlig schräg wird es dann, wenn ich an Blutkonserven von Gesunden denken soll, die den alten Zausel am Leben halten, was in unserem „System“ tatsächlich der Fall ist, da unsere Krankenhäuser – zum Glück – noch – keinen Unterschied machen müssen, wer es verdient am Leben erhalten zu werden, wer nicht.
        Und der Unfall dann als Gesundung interpretiert wird, wenn wir es nur schaffen, den alten Zausel sterben zu lassen.
        Sie arbeiten mit Sprache, ich denke Sie wissen, dass Sie mit dem Wort „System“ in komischer politischer Gesellschaft sind?

        • Sven Böttcher sagt:

          Also. Die schiefe Metapher sollte beschreiben: Wir wissen nicht, wie gefährlich Covid ist (Waschbär oder Kühlschrank. Es geht hier, sorry, um Ihr Leben als Fahrer, nicht um den Waschbär oder Kühlschrank, und jetzt sagen Sie bitte nicht „Menschen sind keine Waschbären!“ Weiß ich.) Wir haben beschlossen, der Gefahr auszuweichen. Gut.
          Folge des Ausweichmanövers ist nun eine … gewisse Problematik, was unser global organisiertes System (neutral) betrifft. Dieses System stößt seit längerem an gewisse Grenzen, der immanente Wachstumzwang ist etwas … unglücklich (inzwischen, denn anfangs war der Kapitalismus doch eine wunderbare Idee), da wir die vorhandenen Ressourcen übernutzen. Vieles von dem, was wir tun, dient inzwischen nicht mehr unserem Glück, sondern allein dem Funktionieren des … Systems (neutral).
          Dieses System (neutral) ist jetzt ein bisschen angeschlagen. Oder sehr. Deshalb rege ich die Frage an, ob wir die Gelegenheit nutzen sollten, ein menschenfreundlicheres System (neutral) zu etablieren und das alte … in Frieden zu beerdigen.
          Meinen Sie, wir sollten den alten Zausel K. weiter am Leben erhalten?
          (Den Standpunkt kann man vertreten, Sie wären damit nicht allein).

          • Annette S sagt:

            Naja, „in Frieden“ ist eben ein Euphemismus. Sie arbeiten mit einem Ton, der wohl distanzierend wirken soll, wobei die Grausamkeit, die darin anklingt, einige möglicherweise produktive Punkte derKritik am System unterläuft. (Grausamkeit als Durchblick oder Vernunft zu verkaufen, ist ja auch nix Neues.) Unsere „Alten“ und Menschen mit Vorerkrankungen auf Symptome des Systems zu reduzieren – das kommt nicht gerade als Empathie rüber. Und mit dem abstrakten Begriff „Sterben“ machen Sie sich es recht einfach. Es geht hier ja nicht um sanftes Entschlafen. (Ich habe vor ein paar Jahren meinen Mann durch respiratory distress und das Sterben begleitet.) Wie wäre denn „kollektives Ersticken-Lassen mit Handhalten?“
            Meine 88-jährige Tante, die ich als eine von 4 Alten aus meiner Familie versorge, begrüsste mich gestern mit den Worten, „Wir gehören nun also zu denen, die nicht mehr beatmet werden sollen.“ Wie ist das auszuhalten – für sie, für mich? Wie begegnen Sie den Menschen aus Ihrem Umfeld, die da betroffen sind? Wie ist es uns möglich, all diese Angst und Verzweiflung – unsere eigene, die der andern – zu halten? Da hätte ich gern Unterstützung. Wahrscheinlich nicht nur ich.

          • Sven Böttcher sagt:

            Niemand von uns kann die Entscheidung über Leben und Tod eines anderen Menschen fällen. Es gibt nach meinem Gefühl nichts Schlimmeres, als diese Entscheidung treffen zu müssen. Das gilt generell, nicht nur jetzt.
            Ich schreibe nachher noch was Längeres in den Blog und würde darin gern auf Ihre verständliche Kritik an meiner brutal wirkenden Ausdrucksweise eingehen. Es liegt mir fern, Menschen verletzen zu wollen (was ich wohl gerade tue), aber wir stehen überall vor Entscheidungen, die wir nicht treffen können und wollen. Handeln müssen wir aber, und sei es durch Unterlassen.
            Ich nehme die Entscheidung zur Kenntnis, dass unser gesamtes Krankensystem sich jetzt auf Covid-Erkrankte vorbereitet. Ich bin aber auch den ganzen Tag in Kontakt mit Ärzten und sehe die Konsequenzen. Nach meiner Ansicht wird unsere Reaktion auf Covid viel mehr Menschen umbringen, als Covid es je vermocht hätte.
            All das ist schwer oder gar nicht auszuhalten. Nicht nur in diesem Punkt bin ich „bei Ihnen“, auch in Gedanken.

  5. Michael sagt:

    Lieber Sven,
    vielleicht hättest Du bei deiner Allegorie zu Herrn K. noch ausführen sollen, dass es bei ihm nicht um den netten Rentner von nebenan, sondern um einen tyrannischen Alten handelt, der sich Zeit seines Lebens vom Blut und der Lebensenergie seiner Mitmenschen ernährt und Millionen Tote auf dem Gewissen hat. Dann hielte sich das Mitgefühl von so manchem oberflächlich Lesenden sehr wahrscheinlich in engeren Grenzen. Ich jedenfalls hoffe sehr, dass wir den Mut und die Kraft finden uns ein Leben ohne ihn vorzustellen.

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