Lebensmittelpunkte (cont.)

Aus der ernährungswissenschaftlichen Gerüchteküche dringen mal wieder dicke Nebelschwaden, drum plädiere ich nochmals dafür, diesbezüglich „-wissenschaft“ durch „-glaube“ zu ersetzen. Die neusten Heilsversprechen von „Paleo Mom“s und Mainstream-Gurus klingen zwar irgendwie einleuchtend, aber ein paar Fragen zur „Steinzeitdiät“ werden offenkundig nicht gestellt. Zum Beispiel die, weshalb Fleisch plötzlich nicht mehr als entzündungsfördernd gilt (Stichwort: Arachidonsäure). Bislang galt für uns Entzündete doch eher die „mediterrane“ Variante als vielversprechend, also die mit Gemüse, Obst und – wenn überhaupt – Fisch (Omega), plötzlich heißt´s (ausgelöst auch durch Dr. Terry Wahls’ MS-Wundergenesung): Fleisch. Viel Fleisch.

Das könnte leider halbgar sein. Zwar steht Carnitin (in seinen besseren Acetyl-L-Varianten) schon länger auf der Liste der mutmaßlich hilfreichen Stoffe, aber das bedeutet ja nicht, dass wir uns jetzt alle kopfüber in die Cabanossi-Theke stürzen sollten). Und die Verkürzung auf „unsere Vorfahren haben das auch so gemacht und waren gesund“ ist gleich aus diversen Gründen kompletter Stuß, weil a) die Lebenserwartung des durchschnittlichen Neandertalers 35 Jahre betragen haben dürfte, b) der Typ nicht den ganzen Tag sitzend unterwegs war, sondern joggend (gesund) in der Sonne (auch gesund: Vitamin D) und c) die Gesamtbevölkerung unseres Planeten zu damaligen Diätzeiten ungefähr der heutigen Einwohnerzahl von Hannover entsprochen haben dürfte. „Steinzeiternährung“ als zivilisatorisches Heilversprechen ist daher schon aus letztgenanntem Grund stumpfer Stuß, denn Rinder und Schweine wachsen nicht auf Wasserflächen, und an Land könnten wir schlicht und ergreifend nicht noch mehr von den Dingern abstellen. Der Rest des elitären Hype erledigt sich aus ethischen Gründen, sowieso – und so entpuppt sich „Paleo“ als modischer Unfug resp. fette Mogelpackung.

Was nichts an der Arbeitshypothese ändert, ein gelegentlicher Sonntagsfiletbraten von glücklich groß gewordenen Rindern könne dem durchschnittlichen Omnivoren nicht schaden. Aber den Rest fassen wir doch einfach quintessentiell zusammen als: Viel Obst und Gemüse, viel Bewegung in frischer Luft und Sonne, wenig Zucker und Kohlehydrate, keine Milch, wenig Wein – dafür Liebe, gute Laune und gute Gedanken. So bleibt man lange gesund.

Wenn ich den Satz noch ein bißchen ausbaue, ist der im Buchhandel immerhin 24,99 wert, aber zum Glück arbeiten auf der Baustelle ja schon viele fleißige andere nicht ganz echte Experten.

(Gut, ja, okay, ich bleib da mal dran … schon klar, wenn man das alles richtig würzt und vorher Ingwer isst, dann wird das alles gar nicht so schlimm mit der fiesen Säure … aber das ändert doch nix am Grundproblem, dass wir alle schon jetzt viel zu viel Fleisch essen, oder?)

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