Zwischenhalt aus voller Sockenschußfahrt

Zugegeben, ich war kurz sauer auf Frau P. vom FA S., weil die mir eine Zweiwochenfrist zum Einspruch gegen ihre Ablehnung meines Widerspruchs (hahaha, herrlich) eingeräumt hatte – und dann zwei Wochen in den Urlaub gefahren war. Nachdem ich sie aber jetzt doch erreicht habe, bin ich versöhnt. Zwar ist mein Antrag endgültig von Frau P. abgelehnt worden (also die Anerkennung der privaten Beschulungskosten für meine jüngste Tochter als „außergewöhnliche Belastung“, wegen des vorangegangenen Mordversuchs, siehe unten: das ist keine außergewöhnliche Belastung). Aber Frau P. sieht das ja gar nicht so. Selbst. Sie hält die Belastung für absolut außergewöhnlich unerträglich und versteht auch, dass mich das ruiniert, aber das kann sie eben auch nicht ändern. Gibt ja keine Gesetzeslücke, die ihr das erlaubte.

Frau P. und ich konnten uns sehr schnell auf die Kurzfassung meinerseits einigen. „Der Gesetzgeber will also, dass gemobbte, hochbegabte, höchst wunderbare und originelle Kinder entweder sterben oder in einer geschlossenen landen und von ordentlich Personal mit Psychopharmaka gefüttert werden? Nur dann darf – in den Anstaltsräumen – privat unterrichtet und der finanzielle Aufwand für die Eltern als Belastung berücksichtigt werden?“

„Das ist richtig.“

Finde ich nicht. Aber gut. Oder auch nicht. Jedenfalls schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Es zeigt sich ja zunehmend, dass der Gesetzgeber nicht irgendwas verbockt hat, sondern das alles sehr ernst meint. Die Kinder springen jüngst vermehrt von Balkonen oder bringen sich mit 11 eben einfach um. Selber Schuld, hätten ja auch statt dessen die Karriere als Zombies in Zwangsjacken wählen und sich nützlich machen können im Wachstumsmotor. Ich konnte das aber nicht zulassen, jedenfalls nicht bei meiner Tochter. Weil ich sie liebe. Mehr als mich selbst, falls das jemanden interessiert.

Ich konnte aber darüber auch nie schreiben. Weil ich Angst hatte. Vor diesem, jenem und noch was anderem. Da aber nun der Vorgang beerdigt ist, nicht meine Tochter (die sehr glücklich lebt), will ich die Eckdaten der Geschichte doch abschließend noch kurz nachreichen. Bei Interesse. Denn 2016/2017 schrieb ich mit selbst hinter die Ohren und eben nicht in dieses Blog (ich sag ja, Feigling):

Mann, bin ich manchmal doof. Ich kann nicht mal richtig lesen. Dabei steht´s doch über dem Eingang: Schulbehörde. Nicht Schülerbehörde. Aber um mich Dussel zu erleuchten, musste erst ein Mitarbeiter dieser Einrichtung meiner Gattin gegenüber explizit ausführen, seiner Behörde sei das Kindeswohl allenfalls zweitrangig, erstrangig sei die Einhaltung der Schul(gebäude)pflicht.

Jetztverstehe ich das alles. Doof. Ich hätte eben nichtEnde 2014 die Kriminalpolizei verständigen sollen, als meine Tochter in der ersten großen Pause um Haaresbreite diese Nähnadel verschluckt hätte, die ihr ein/e gymnasiale/r Mitschüler/in geschickt ins Pausen-Franzbrötchen drapiert hatte. Die Kripo befand zwar, ihre Ermittlungen aufnehmend, dies sei ein Fall von versuchter schwerer Körperverletzung, aber die Schule forderte uns umso dringender auf – davon niemandem zu erzählen. Weder den anderen Eltern noch den anderen Schülern noch der Presse. Wir sollten doch besser rasch, da man die körperliche Unversehrtheit des Anschlagopfers auch zukünftig nicht garantieren könne… die Schule wechseln.

Haben wir gemacht, schmerzhaft in jeder Hinsicht, persönlich wie finanziell. Also Schule und auch gleich die Nachbarschaft 50 Kilometer weiträumig gewechselt, weil ja der/die anonyme Täter/in bzw. dessen/deren Eltern sonst weiterhin gewusst hätte, wo wir wohnen. Leider hat das nicht zum gewünschten Ergebnis geführt, denn die Alternative „Private Holzbastelschule auf dem Dorf, in Gründung“ war keine, da meine Tochter eben smart ist, ausgezeichnet zweisprachig liest und schreibt und obendrein ausgesprochen freundlich zu anderen Menschen. So viel inhaltliche wie soziale Kompetenz ließ sich leider mit den Wertvorstellungen und dem Wissensstand der neuen Mitschüler und Lehrer nicht in Einklang bringen – den neuerlichen brutalen Spießrutenlauf billigten die Verantwortlichen komplett entspannt, wir hingegen komplett gar nicht. Und fragten ob dieses Horrors beim Schüleramt an, was wir denn alternativ machen sollten oder könnten, nach dieser furchtbaren Vorgeschichte. Ah. Nee. Eben beim Schulamt, nicht „Schüleramt“, siehe oben.

Das war dumm. Und so blieb, den behördlich verfeinerten Alptraum ungeheuer abkürzend, nach Unmengen Gutachten (Behördenkommentar: „Les ich nicht, so was“), Unmengen Leid, Kummer, entgegenkommendem, geduldigem Wohlverhalten unsererseits und  (kein Scherz) behördlichen Knastdrohungen gegen uns sowie unsere Tochter (!) stehen: Meine Frau und meine Tochter zogen im August 2016 nach Frankreich, zu Freunden. Ich blieb. Und zog hier um, notgedrungen – in eine kleine Obstscheune im Matsch (Marschland). Weil ich nun einmal meine beruflichen und finanzamtlichen Dinge hierzulande geordnet beenden musste, vor dem Versuch, in Frankreich oder sonstwo neu zu starten. (Die Auflösung einer GmbH dauert inzwischen mehr als 2 Jahre. Das ist schon wieder kein Scherz. Und das zusätzlich absurde „mehr als“ liegt daran, dass die Formulare für die KöSt-Erklärung abgeschafft worden sind, allerdings die elektronische Abmeldung noch gar nicht funktioniert).

Ich wusste aber schon damals, als unsere Familie vom Amt zu 2/3 ins kinderfreundliche Ausland gesprengt wurde, dass ich nicht mehr öffentlich zu klären versuchen würde, ob das denn wirklich so gemeint ist, wie´s praktiziert wird: Dass das Schulamt die Schulen schützt und nicht die Schüler, und dass nicht die Schule dem Wohl des Kindes dienen soll, sondern das Kind dem Wohl der Schule. Dass man uns damals endlich explizit erklärte, hatte ich zur Kenntnis genommen, zur deutschen Vorstellung von „Freiheit“ habe ich meines Wissens eh alles gesagt, was ich zu sagen habe. (Es findet sich unter dem Stichwort „Schulzwang“ im Rubikon und/oder auf diesem Blog, im Archiv). Dass neben unserem deutschen System weltweit nur eines die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ anstrebt, nämlich das nordkoreanische, bedarf sicher keiner zusätzlichen Ausschmückungen.

Und doch, am Rande bemerkt: Es war ungeheuer beglückend und erfrischend, damals in Frankreich mit Behördenvertretern zu tun zu haben, die Familie und Kindeswohl tatsächlich für wichtig halten, und nicht für zweit- oder drittrangig; und es war sogar schön zu hören, erst recht in dieser wohlklingenden Sprache, auf Französisch, dass man sich auf uns und unsere doppelt und dreifach als hochbegabt anerkannte Schutzbefohlene freute. Unter solchen Umständen nimmt man ja sogar den Ausnahmezustand in Kauf, Hauptsache, die Mitmenschen wissen, worauf es ankommt. Und das ist, nach meinem bescheidenen Dafürhalten, das Wohlergehen derer, denen die Zukunft gehört – unserer Kinder. Und, nein, ich wundere mich nicht, dass ich auch mit dieser humanistischen Ansicht mal wieder fast allein dastehe auf deutschem Flur, ich bin doch schon groß.

Bis hierher stand dieser Text lange in meinem Rechner herum. Unpubliziert. Weil ich schlicht und ergreifend Angst hatte. Nicht um mich, wohl aber um die Seele meiner Tochter. Die Frage eines größeren Mainstreammediums, ob man diese furchtbare Story bitte „machen“ dürfe, lehnte ich damals ab, denn 2016 hatten wir noch Hoffnung, doch irgendwann zurückkehren zu dürfen und unsere Tochter an einem hiesigen Gymnasium anmelden zu können. Diese Hoffnung hat sich inzwischen erledigt, ebenso wie die, die Beschulung der jungen Frau Böttcher durch die deutschsprachige Web-Individualschule werde von den Behörden anders betrachtet als die Anschaffung von Helikopterbenzin. Beides betrachtet der Gesetzgeber als Privatvergnügen.

So also endet diese Etappe unserer Reise, glücklich, erlöst, aber auch mit einem ganz dezentem Gefühl, in etwas Groteskem festzustecken: Nach 30 erfolgreichen Jahren und solidarischen Einkommensteuerzahlungen in Höhe von bestimmt bummelig 1 Million Euro wartet nun auf mich/uns ggf. die Pleite (nicht Privatinsolvenz, bin selbstständig) als MS-Kranker, ohne Anspruch auf irgendwas – denn die Million habe ich ja in die falsche Gemeinschaftskasse gezahlt und daher keinen Anspruch, nicht mal auf einen monatlichen Cent, aus der Gemeinschaftskasse. Ein Trost aber bleibt mir, und der ist gar nicht so klein, sondern schon fast erwachsen: Meine Tochter ist ein wunderbarer Mensch. Sie ist heil geblieben (oder wieder ganz heil geworden), sie denkt frei und überaus originell, und sie hat ihr schönes und großes Herz behalten (ebenso wie ihren schönen und großen Geist). Dass ich dazu meinen Beitrag leisten durfte, macht mich froh und glücklich.

Und in diesem Sinn will ich mich morgen wieder an den Schreibtisch setzen, über den gefrorenen Matsch Richtung Feldweg schauen und in meinen Taschen kramen, ob da nicht doch noch eine größere Dosis Lächeln hervorzuzaubern ist. Der Rest ist dann schlicht Schweigen. Und Warten auf die Kavallerie. (Obwohl … ach, nee, das sind ja auch Beamte, die reiten garantiert nur über mich weg. Dann warte ich doch lieber nur auf die Sonne.)

P.S.: Meine Tochter hat eine Klasse übersprungen, an der Web-Individualschule (Bochum), ihre Mittlere Reife mit klasse Zensuren abgelegt und ist (bereits länger) eine begnadete Künstlerin. Sowie eine wunderbare Menschin. Wir dürfen uns jetzt kurz in Deutschland aufhalten, da sie als jüngste Schülerin/Studentin an einer (privaten) Fachhochschule für Gestaltung angenommen worden ist. Wäre das nicht per Eignungstest gegen die zahlreiche Konkurrenz gelungen, hätte sie, wie das NS-Schulamt mir erklärte, nicht arbeiten dürfen (was sie gern täte, sie kann ja mit Ihren Illustrationen schon Geld verdienen). Jugendliche sollen in NS nicht arbeiten. Die Schulpflicht besteht in NS fort. Zwölf Jahre. Keine Ausnahmen. Wer das nicht will, geht in den Knast. Oder in die Klapse.

Hey, das wär ja wohl auch noch schöner, wenn hier irgendwelche begabten und eigensinnigen Jugendlichen frei rumlaufen würden! Nachher werden das noch begabte Erwachsene, die dann ihr Gehirn und ihr Herz einsetzen! Wehret den Anfängen! Und macht jeden Querdenker einen Kopf kürzer, sonst erfindet der nachher noch so was Gefährliches wie … das Feuer!

P.P.S.: Mein Lieblingsdetail will ich am Ende doch loswerden. Die behördlich bestellte NS-Psycho-Gutachterin hatte nämlich nach der begrüßenden Erklärung meiner Tochter, sie wolle doch gern weiter lernen und Abitur machen, den maßgeblichen Auftaktsatz im Repertoire: „Ach, vergiß es, in 5 Jahren ist hier sowieso Krieg, was willst du da mit Abitur?“

Ich fand das bemerkenswert. Und bestimmt kann man das befürchten. Aber ob ich das als zielführende Berufsberatung für eine (damals) 12jährige durchgehen lasse, weiß ich immer noch nicht.

 

 

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Willkommen auf unser Traumreise, Herr und Frau Benzin

Man stelle sich doch nur mal vor, die Weltwirtschaft ginge kurz in die Knie, und die Deutschen verzichteten auf die Anschaffung von Neuwagen. Man müsste sofort eine Schrottprämie erfinden, damit der Markt nicht zusammenbricht.

Man stelle sich doch nur einmal vor, die Bankenwirtschaft ginge kurz in die Knie, und Jederman verlöre ganz generell das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit der Nebenfrau. Man müsste sofort Unmengen neues Geld drucken und vorab die Ersparnisse der Generationen bis 2050 investieren, damit der Markt nicht zusammenbricht.

Man stelle sich vor, die Hälfte von uns würde über Nacht gesund – tatsächlich oder „gefühlt“ – und ginge leichten Herzens einfach nicht mehr zum Arzt. Man müsste uns eine Höllenangst machen, dass uns unser Leichtsinn spätestens übermorgen töten wird, und man müsste einen Haufen neuer Krankheiten erfinden, um uns in die Praxen zurückzuholen, damit der Markt nicht zusammenbricht.

Das „müsste“ steht hier natürlich dreifach zu Unrecht. Man musste. Und hat. Wir können uns weder den Zusammenbruch unserer Automobilwirtschaft leisten, noch den Zusammenbruch unseres Bankensystems. Und was wir uns schon gar nicht leisten können, ist Gesundheit.

Die Analysten von Goldman Sachs sind folgerichtig zum Schluss gekommen, Medikamente, die tatsächlich Krankheiten heilen, stellten kein nachhaltiges Geschäftsmodell dar. Der Fall Gilead dient als mahnendes Beispiel, der Hepatitis-C-Markt ist wegen Harvoni und Sovaldi förmlich ausradiert. Die Empfehlung der Fachleute lautet daher, doch besser in solche Start-Ups zu investieren, die nachhaltige Medikamente entwickeln – also welche, die nicht heilen. Der Krebsmarkt bleibt ausdrücklich hochinteressant.

Grundsätzlicher aber gilt, problemlos verständlich für jeden Investor und jeden verantwortungsvoll handelnden Politiker: Gesunde sind gefährlich. Gesunde sind vollkommen nutzlos. Gesunde tragen allenfalls mittels ihrer Tätigkeit (sofern nicht ehrenamtlich) und ihres privaten Konsums zum alles entscheidenden Bruttoinlandsprodukt bei, aber Gesunde verweigern jede Nachfrage nach den Leistungen des Krankensystems. Das geht nicht. Denn dieses Krankensystem ist längst too big to fail – ein Wirtschafts- und Wachstumsmonster mit 380 Milliarden Umsatz im Jahr, in dem  inzwischen 20-25% unseres BIP erzeugt werden (wir zählen hierbei die als „nichtmedizinisch“ geltenden Umsätze mit, sowohl die von Homöopathen, als auch die von Klinikfensterputzern). Ohne diese Maschine bräche der gesamte Markt umgehend zusammen, und mit ihm unser Wohlstand, unser Haushalt, unser Glück.

Wir können uns Gesunde daher wirklich nicht leisten. Jede Form von Gesundheit bedeutet für die höchst systemrelevante Krankenindustrie Stillstand, Nullwachstum. Der Erkrankte, der nicht die Leistungen von Ärzten, Maschinen und Medikamentenherstellern in Anspruch nimmt, sondern einfach Dinge weglässt, um wieder gesund zu werden, stellt eine existenzielle Bedrohung für unseren Wirtschaftswachstumsmotor No. 1 dar. Gesund  zu sein oder ganz ohne Hilfe des Systems wieder gesund zu werden, ist die schlimmste Form der Konsumverweigerung in unserem so erfrischend unkomplizierten Glaubenssystem, das nur ein einziges Gebot kennt: Kaufe!

Der Gesunde verweigert den Dienst. Der Gesunde handelt verantwortungslos. Unserer Gemeinschaft gegenüber, unserem Land. Uns allen gegenüber.

Wir haben in etlichen anderen Bereichen bereits durchexerziert, welche Maßnahmen wir ergreifen werden, wenn Werbung, Propaganda und Horrorszenarien nicht mehr ausreichen, um die bockigen Teile der Herde auf Linie zu bringen. Gerät das Wachstum ins Stocken, erzwingen wir per Gesetz den Bau und Kauf neuer e-Häuser, e-Autos, e-Glühbirnen und e-Kühlschränke, und beginnt die Herde, Dinge und Hilfen einfach über den Gartenzaun zu verschenken, erfinden wir eben neue Steuergesetze und sanktionieren Freundlichkeit als steuerlich relevante „geldwerte Leistung“. Unter dem Deckmäntelchen Gemeinschaft werden wir demnächst nun endlich auch die Krankheitsverweigerer nicht mehr verführen oder bitten, sondern zwingen, ihren Dienst am Wirtschaftswachstum mittels Konsum zu leisten. Hierbei gilt „Wer nicht hören will, muss fühlen“ – Wer zukünftig nicht freiwillig zur Vorsorge geht, geht unfreiwillig. Wer non-compliant seine verordneten Stimmungsaufheller nicht einnimmt, verliert jeden Anspruch auf Leistungen, von der Kostenübernahme durch die Kasse bis HartzIV.

Ihr Arzt und ihre Kasse müssen Ihnen zur disziplinarischen Überprüfung nicht einmal mehr bei der morgendlichen Ausgabe am Anstaltstresen unter die Zunge gucken. Wir haben inzwischen Sensoren, die Sie mit Ihren Pillen einnehmen. Ein Blick aufs Smartphone genügt. (Falls Sie das nicht glauben, googlen Sie „Abilify MyCite“).

Bei all dem geht es nicht darum, die Gemeinschaft vor Ihrem unverantwortlichen Eigensinn, Ihrer irrationalen Selbstständigkeit zu schützen. Es geht überhaupt nicht um Sie. Machen Sie sich klar, welche Funktion Sie im Krankensystem haben. Sie sind hier nicht der Passagier, Sie sind das Benzin. Ihrpersönliches Ziel ist Gesundheit. Das Ziel des Systems aber ist Ihrem diametral entgegengesetzt. Mehr Gesundheit bedeutet weniger Umsatz, weniger Steuereinnahmen, weniger Beschäftigung. Ihr Wohlergehen bedroht das Wohlergehen des Systems, und da Ihr Wohlergehen vom Wohlergehen des Systems abhängt, haben Sie keine Wahl: Sie müssen sich behandeln lassen. Und je mehr Folgeverschreibungen die Erstbehandlung hat, desto besser.

Die gute Nachricht lautet: Noch müssen Sie nicht alles schlucken. 2, 3 oder 5 Jahre lang können Sie wohl noch ungestraft gesund bleiben. Der Under-Cover-Gesundheitsfanatiker behält diesbezüglich die Merksätze im Kopf: „Fragen Sie nicht Ihren Arzt oder Apotheker“ und „Damit gehen Sie mal besser nicht ganz schnell zum Arzt.“

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Polizeipräsidium, frisch vom Mob übernommen

Wow. Ich hatte doch eher Sorge, dass die Weiße Mafia Peter Goetzsche verunfallen lässt, aber andererseits war der Gründer der Cochrane Collaboration natürlich durch seinen Bekanntheitsgrad und den Inhalt seiner Safes sehr gut geschützt. Ein tragischer Unfalltod Goetzsches hätte Big Pharma vermutlich mehr geschadet als genützt. Aber der Mob ist ja nicht auf den Kopf gefallen, im Gegenteil, denn wie sich jetzt zeigt, ist nicht nur Goetzsche aus dem Verkehr gezogen, sondern die Cochrane gleich mit. Also: Die unabhängige Vereinigung, die Big Pharma und Big Device seit 1993 der größte Dorn im Auge ist. Beziehungsweise: war, bis gestern.

Die Übernahme des ärgsten Widersachers – brillant – ging so (sehr verkürzt dargestellt). Goetzsche, immer noch Mitglied des Aufsichtsrates, hatte der European Medicines  Agency (EMA) gegenüber seine Ansicht zum Ausdruck gebracht, dass die Risiken der Gebärmutterhalskrebs-Impfung (HPV-Impfung) massiv unterschätzt resp. unkorrekt von den (pharmafinanzierten) Studienbetreibern dargestellt werden. Er hatte aber auch gleich noch seiner Cochrane öffentlich vorgehalten, bei der Bewertung der vorliegenden Studien fachlich wie methodologisch unsauber gearbeitet zu haben.

Diesen Vorwurf hatte die Cochrane energisch zurückgewiesen, Goetzsche hatte daraufhin geäußert: “People all over the world have interpreted the Cochrane editors’ criticism of us as being the ‘final word’. The editors did not even address our most important concern that the harms of the HPV vaccine had been greatly under-reported and that much of the clinical data is not included in the review”.

Daraufhin folgte Stufe 2 des geschickt eingefädelten Hit: Cochrane-CEO Peter Wilson und Goetzsche beschäftigen juristische Gutachter: Wilson wollte auf 400 Seiten belegen, dass Goetzsche den Ruf der Cochrane beschädigt hatte, Goetzsche feuerte auf 66 Seiten zurück gegen Wilson, dieser „zerstöre“ Cochrane, indem er die Collaboration wie eine „Marke oder ein Produkt” behandle. Goetzsche beklagte obendrein “serious abuse and mismanagement of Cochrane”, “tampering with meeting minutes” and “management by fear”. Die anwaltliche Beurteilung sollte bis zum 13. September erfolgen, aber wegen der Komplexität der Vorwürfe wurde daraus nichts. Festhalten ließ sich bis dahin lediglich: Wilsons Vorwürfe gegen Goetzsche entbehren jeder Grundlage.

In der nun folgenden Aufsichtsratversammlung wurden Goetzsche 5 Minuten Redezeit eingeräumt, danach wurde er des Raumes verwiesen, die anderen 12 Mitglieder hatten nun zu entscheiden, ob Gründer Goetzsche als No. 13 bleiben darf oder nicht. Nach 6 Stunden öffnen sich die verschlossenen Türen wieder – und Goetzsche wird gefeuert, mit 6:5 Stimmen bei einer Enthaltung. Er erfährt das nach 25 Jahren im Dienste der Cochrane (und im Dienste von uns allen) per eMail.

Eine Begründung wird nicht geliefert. Tags darauf, am 14. September, treten 4 Mitglieder des Governing Board zurück. Mehr als ein Drittel ist damit „raus“. Aber nicht nur deshalb ist Cochrane jetzt praktisch erledigt. Denn diese Rücktrittswelle ist nur der Nagel in den Sarg der Organisation: „The entire US Cochrane Centre has already closed down in the spring of 2018, in frustration over management and other centre directors are also contemplating leaving Cochrane. Whereas those who’ve been critical of Cochrane’s direction, have simply withdrawn, Gøtzsche spoke out publicly and has borne the consequences.“ (Maryanne Demasi: Cochrane – a sinking ship?/bmj, 16. September 2018).

Ein Vorstandsmitglied wird zitiert mit den Worten: “Cochrane has become too sensitive to criticism of the pharmaceutical industry”, Insider fügen hinzu: „a ‘possible concern’ might be that Cochrane fears that Goetzsche’s criticism of the HPV vaccines review would negatively impact its sponsorship from the Bill & Melinda Gates Foundation.“

Gleich wie: Auch wenn die Cochrane nicht „weg“ ist – was gerade passiert, ist sogar noch schlimmer. Denn wir verlieren unsere weltweit beste Quelle für die Einschätzung aller von Big Pharma und Big Device zusammengefälschten Studien (einen immer im Sinn: Niemand außer Big Pharma und Big Device darf die Studienrohdaten einsehen; kein unabhängiger Forscher und auch keine Regierung; bei Interesse vertiefe man sich in die Vioxx- oder Tamiflu-Skandale). Zusätzlich verheerend aber ist, dass der Mob nun erst recht am guten Ruf der Cochrane arbeiten wird, sie sei unabhängig. Denn hernach wird man uns Dinge die lebensgefährlich sind, nicht mehr nur dank gekaufter Ärzte als unbedenklich oder gar als nützlich verkaufen, sondern obendrein mit dem „Cochrane“-Siegel versehen. Einem Siegel, dem wir vertrauen.

Besiegelt ist damit so einiges, denn wir haben gerade unseren besten Verbündeten verloren. Um im Bild zu bleiben: An der Fassade der Polizeistation steht immer noch „Polizei“, das Schild leuchtet sogar heller als vorher, aber der Laden gehört jetzt den Typen, denen er eigentlich das Handwerk legen sollte.

Bei aller Erschütterung, ich kann mir nicht helfen: Das war von Anfang bis zum Ende des wackeren Polizeipräsidenten und seiner Leute ein brillant orchestrierter Anschlag des organisierten Verbrechens. Uns bleibt jetzt also nur noch: Abstand wahren. Nicht mehr nur zu den Verbrechern, auch zur Polizei.

 

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Jordan Peterson vs. Hase im Pfeffer

Da würd ja auch ein Babelfisch im Ohr nichts nützen … Aber zumindest weiß man nach der halben Stunde, weshalb es wirklich aussichtslos ist. (Die Kommentare zum Video verdoppeln die … Freude.) (Doch, doch, bleiben wir beim Galgenhumor.)

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Neues vom Astroturf

Der ZEIT von letzter Woche (#37) liegt das Heft DIE ZEIT DOCTOR bei, in dem Jan Schweitzer* unter dem Titel „Und das soll mir helfen?“ unter anderem die verbreiteten IGEL aufs Korn nimmt und sauber abschießt.

Das ist schön.

Schweitzer beschreibt weiter unten dann aber auch „Die Fallen im Internet“ und weist darauf hin: „Zwar tauchen auch seriöse Portale am Anfang der Trefferliste auf, häufig aber sind es Seiten, die unauffällig von Pharmafirmen betrieben oder verdeckt gesponsert werden und geschickt Werbung für ihre Produkte machen.“

Das ist wahr. Und nicht schön.

Mitten in der ZEIT-DOCTOR-Beilage findet sich DIE-ZEIT-DOCTOR-Extra, ein „Heft für Menschen mit Multipler Sklerose“, betitelt mit „Ich gebe mich nicht auf.“ Lediglich 4 der 16 Seiten des Heftes sind ganzseitige Anzeigen, alle 4 bewerben die Website trotz-ms.de („Träume wagen“), wo wir „online, im persönlichen Gespräch oder in den kostenlosen Informaterialien“ „kostenlos“ Antworten finden „auf all deine Fragen rund um Multiple Sklerose“. Die Website trotz-Ms.de betreibt Roche Pharma. Der Hinweis, dass Roche eine Pharmafirma ist, befindet sich im Kleingedruckten unten links auf den Anzeigenseiten.

Schön ist das nicht. (Kann doch nicht wahr sein.)

Roche Pharma ist Hersteller unter anderem der MS-Blockbuster-Mittel Ocrelizumab und Rituximab. Zum Skandal um eben jene Mittel verweise ich gern auf die Recherche von  Kontraste (ARD) aus dem Februar.

Das ist wichtig.

Jan Schweitzer ist „selbst Buch-Autor“ und „wurde durch die Mail einer PR-Agentur zur ´Arthrose-Lüge´ auf das Thema aufmerksam.“ Auf seinem Sachbuch „Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker“ trägt Schweitzer den Titel Dr. med., in der ZEIT nicht.

Das ist bestimmt egal, ich finde es nur sonderbar.

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Gesunde Skepsis macht längerfrisch

„Wer sich für eine Therapie entscheidet, verliert den Anspruch auf Schicksal. Dies will bedacht sein.“

Der Satz steht zum Glück nicht ganz vorn in Gerd Reuthers neuem Buch „Die Kunst, möglichst lange zu leben„, sonst müsste man sich ja erst mal setzen und ein paar Stunden erholen. Oder zöge die Konsequenzen direkt, verzichtete auf jede Therapie – und vielleicht auch gleich auf das Buch. Damit hätte man dann allerdings was verpasst, denn Dr. Reuthers schöner Text bringt im gestreckten Galopp viel Wesentliches in Sachen Krankensystem auf den Punkt: ohne Verzierungen, konzentriert und sicher nicht immer „pc“ im Sinne von „Man muss aber doch auch berücksichtigen, dass mancher Arzt/Pharmavertreter/Gesundheitsminister eine schwere Kindheit hatte“. Kann man ja privat machen, aber muss man eben nicht, wenn es für einen selbst um lebenswichtige Entscheidungen geht. Und bei der Entscheidung für oder gegen die vom System angebotenen Therapien geht es eben oft genau darum, um Leben oder Tod.

Da ich gelegentlich selbst zur Präzision neige, hat mich im Text aber dann doch eines durcheinandergebracht, denn da ich (Peter Goetzsches gut begründeter Einschätzung folgend) „nur“ von etwa einer knappen halben Million iatrogener (behandlungsbedingter) Todesfälle in den USA + Europa ausgehe, hat mich Gerd Reuthers Einschätzung irritiert, es würde „jährlich in Deutschland eine Großstadt mit 300000 Einwohnern durch Therapieversuche ausgelöscht.“ Da hilft´s dann sehr, wenn man email kann. Kann ich. Und Gerd Reuther auch. Den ich hier – mit seiner freundlichen Erlaubnis – zitiere:

„Nun, woher kommt meine qualifizierte Abschätzung? Es sind die Daten über die 30-Tage-Sterblichkeit einer europaweiten Studie für Deutschland (2,5%) bei mindestens 8 Mio Operationen in Narkose. Die aus mehreren Studien abgeleiteten 60-70.000 Medikamententoten sind sogar mit deutschenDaten abgesichert, die eine medikamentös bedingte Sterblichkeit von 0,3% der stationären Patienten ermittelt haben. Bei 20 Millionen Patienten sind wir bei mindestens 60.000. Und die Infektionstoten durch Klinikkeime sind mindestens 30.000 nach den Schätzungen des Deutschen Instituts für Krankenhaushygiene. Lebensweltlich auch gut nachvollziehbar: bei 800 Akutkliniken sind dies alle 10 Tage 1 Toter in jedem Krankenhaus. Glaubhaft, da Sie pro Tag in einem Akutkrankenhaus sehr konservativ geschätzt mindestens 10 Patienten haben, die Infektionszeichen entwickeln. In 10 Tagen sind dies 100 und davon stirbt dann einer. Das wäre nur eine Mortalität von 1% bei Klinikkeimen … 200.000 + 65.000 +35.000 = 300.000. Davon darf man dann im Saldo vielleicht 100.000 abziehen, die durch Behandlungen vor einem schnelleren Tod bewahrt wurden. Bei unseren 800 Akutkliniken würde dann an jedem 3. Tag in jeder derKliniken 1 Leben gerettet.

In den USA sind die Zahlen 3-4x so hoch: http://www.webdc.com/pdfs/deathbymedicine.pdf“

Da muss ich also doch noch mal ran an das eigentlich fertige „Rette sich wer kann!“ Schöner Mist.

Gerd Reuther aber bleibt zu wünschen, dass seine sauber geworfenen Zaunpfähle ihre Ziele treffen, denn ein Treffer würde wohl so manchem, der krank ist oder sich so fühlt, glatt das Leben retten. Ich erinnere mich allerdings (ungern) an die Worte meines Philosophielehrers von einst, das Problem sei weniger die Größe der Waffe als die Winzigkeit der Ziele. So wird eben mancher, den es anginge, gar nicht lesen, und manch anderer „das“ ja alles gar nicht glauben können, weil´s ihn in der derartig kognitiv überfordert, dass er doch lieber gleich das Weite sucht. Aber das ist ja nichts Neues, und Reuther hat´s ja zumindest versucht, das mit dem Lebenretten.

(Ich sehe ihm dabei wahnsinnig gern nach, dass er die über die „Kunst der Länge“ hinausgehenden Fragen „Wozu überhaupt lange leben?“ oder „Wie überhaupt leben?“ oder „Was ist ein gut gelebtes Leben?“ in seinem konzentrierten kleinen Buch nicht stellt, denn irgendwas Wesentliches muss ja, Danke sehr, auch noch mir zum Erörtern übrig bleiben.)

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Schön, dass wir mal drüber gesprochen haben …

Und schön, dass es den Rubikon überhaupt gibt. Bleiben wir im Gespräch.

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