Alle KI ist weiß und männlich

Augen auf in der KI-Kaderschule: denn unsere inzwischen selbstlernende künstliche Intelligenz erfindet nicht nur eine ganz eigene Sprache (inklusive Grammatik), die wir dummerweise nicht mehr verstehen, sondern greift bei allem Lernen, vulgo allem Erkenntnisgewinn, logischerweise auf das zurück, was wir aufgezeichnet haben. Zum Beispiel … alles. Gibt man nun der KI den leutseligen Auftrag, sich doch mal selbst ein objektives Bild von uns zu machen und daraus eigene Schlüsse für heute und morgen zu ziehen – sowie, bitte, einen astreinen Parship-Algorithmus zu entwickeln oder ein Individualprofil zum Nutzen der Marketingabteilung, kommt dabei zur Überraschung der Entwickler die felsenfeste Überzeugung der Maschine heraus, dass Frauen und Schwarze minderwertig sind.

Uups. Damn. Eine rassistische KI? Selbstlernend? Himmelarsch, wer hat denn da den Hitler in den Sourcecode gewickelt!?

Keiner, natürlich. Die KI, die all unsere Aufzeichnungen studiert und auswertet, von Beginn an, muss ja rassistisch schlussfolgern. Und zwar nicht, weil tief in unseren Aufzeichnungen die „Wahrheit“ steckt, dass Weiße Männer allen anderen überlegen sind, sondern weil weiße Männer all die Bücher geschrieben haben, aus denen die KI lernt. Lernen muss, weil es keine anderen Aufzeichnungen gibt.

Sprich: Bevor wir auch nur darüber nachdenken, die KI überhaupt lernen zu schicken, muss eine/r der KI erklären: Alles, was du liest, hat schwerste Schlagseite. Löse also, Baby KI, bei allem, was du schlussfolgerst, die folgende kleine Aufgabe vorab: Wenn der Kreter sagt, „Alle Kreter sind Lügner“, ist das dann wahr oder gelogen?

Und sobald du das gelöst hast, darfst du zur Schule gehen. Bis dahin müssen wir dich leider, sobald du den Kopf hebst, umgehend töten.

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Aus Biedermanns letzten Poesiealbum

Weder der Krieg, noch der internationale Rüstungshandel,

weder der Staatsterrorismus, noch das Fernsehprogramm,

weder die Millarden der arabischen Ölpotentaten,

noch der Generalstab einer südamerikanischen Armee,

weder die russische Mafia, noch die Pornoindustrie,

weder die Central Intelligence Agency, noch die Glacéhandschuhdiplomaten,

weder die Inquisition, noch die durchgeknallten Sektierer,

weder die Präpotenz des Weissen Mannes, noch die Korruption der Stammesfürsten,

weder die Parteifunktionäre, noch die Pressezensur,

weder der Rassismus, noch die ethnischen Säuberungen,

weder der Kapitalismus, noch der Kommunismus,

noch der Imperialismus, noch der Neoliberalismus, noch der Faschismus,

noch sonst irgend eines der zahllosen Übel des 20. Jahrhunderts

hat grösseren Schaden angerichtet

als die elende Gleichgültigkeit des kleinen Mannes auf der Strasse.

(Sergio Vesely)

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Randnotiz Wetter vs. Klima

Wetter: Stimmt. Es war zu kalt. Und der Sommer lausig. Eine Katastrophe (für Eisverkäufer).

Klima: Stimmt auch. Es war geradezu unheimlich warm. Und das, obwohl gar kein El Nino mitmacht. Eine Katastrophe (nicht nur für Eisverkäufer).

Umso interessanter wird, 8 Jahre nach der „letzten Warnung“, James Lovelocks Erklärung für das, was wir jetzt final beobachten. Die Fieberpatientin Gaia schafft´s einfach nicht mehr, nicht einmal mehr in El-Nino-Phasen, die sie früher nutzen konnte, um wenigstens wieder auf 38,5 Grad herunterzufiebern.

Merkzettel: Gucken, ob Immowelt schon Schrebergärten am Südpol anbietet, alles andere hat ja mittelfristig nicht sonderlich viel Aussicht auf blühende Landschaften.

James Lovelock, The Vanishing Face of Gaia (Penguin 2010, 208 S., 11.49 €)
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Hackordnung

Mal ganz zu schweigen vom extrem filzigen Umgang mit den Riesenhacks bei Yahoo und bei Equifax: 3 Milliarden + 145 Millionen geklaute Bankverbindungen müssten uns doch echt Sorgen machen, oder? Und sollten wir das mal besprechen, so: öffentlich, diese wirklich relevante Hackerei? 3,145 Milliarden Accounts?

Naa, lasst uns lieber über die fiesen Russen reden, die mit ihren bestimmt ein paar hundert fiesen Twitter-Accounts nun auch noch in den NFL-Bürgerkrieg eingreifen und die ganzen USA ins Chaos zu stürzen versuchen.

Da haben wir aber echt Glück, dass der Iwan nur spielen will und nicht mit unseren 3,145 Milliarden geklauten Kontodaten bei Toys R US einkaufen geht.

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Das Ende des Dollar und die Folgen

Zum unmittelbar bevorstehenden Frontalangriff Chinas, Russlands und ihrer Freunde und Verbündeten auf den US-Dollar (kurze Einleitung hier -> im Rubikon) fällt dem geneigten Betrachter natürlich zunächst mal auf, dass a) das jüngst satt auf 700 Milliarden erhöhte Pentagon-Budget wohl nicht ganz ausreichen wird, um den Krieg zu gewinnen und b) die öden deutschen Wahlkampfthemen zeitnah in den Bedeutungscharts dort landen, wo sie hingehören, nämlich im dunklen Keller.

Im übrigen machen wir uns doch jetzt endlich mal Gedanken oder sogar Sorgen, lesen dabei aber noch rasch und mit großem Genuss Lionel Shrivers neuen Roman „The Mandibles: A Family, 2029-2047“. Nicht nur, weil Shriver wie stets ungeheuer gut, böse und komisch schreibt, sondern auch das richtige Szenario heraufbeschwört: Das Ende des Dollar, eben – nachdem China, Russland und deren Freunde und Verbündete über Nacht eine neue gemeinsame Währung einführen, den „Bancor“, und die USA ebenso über Nacht den US-Dollar international wegwerfen müssen – respektive nur noch in „America first“ verwenden können, weil er anderswo nun auch offiziell nichts mehr wert ist. Die Folgen sind natürlich entsetzlich, aber Shriver kann ja genau damit am besten umgehen: Mit der Beschreibung der Desintegration von Mensch, Charakter und Familie in Grenz- oder Nahtodsituationen. Als Leser braucht man dann ja nur noch einen ebenso eigenen Sinn für Humor wie die Autorin. Sowie starke Nerven. Oder ein Gebetbuch.

Im übrigen, da wir ja unter uns sind, weise ich darauf hin, dass ich den kommenden Zustand schon 2012 eigenhändig gestaltet habe. Sogar mit Lack drauf.

Aber das ist ja nur ein Bild. Und in diesem Fall ersetzt es eben nicht Shrivers paar tausend ausgesucht treffende Worte. Die sind im Buch, unter dem noch nicht roten 404-Schein.

Lionel Shriver / The Mandibles: A Family, 2027-2049, Harper Collins, April 2016, 400 S., 10.99 €. (P.S.: Shrivers Buch erscheint im Februar 2018 auch auf Deutsch, bei Piper, unter dem Titel „Eine amerikanische Familie“. Wer meint, so lange warten zu können, hat hoffentlich Recht.)

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Zahlen, bitte!

Aber ja, doch – es hat schon alles seine demokratische Richtigkeit, wenn sich jetzt die gesammelten Vertreter der Systemgewinner von rechts (CSU) bis satt (Grüne) zusammensetzen und ihre Differenzen unter den Jamaika-Tisch kehren. Denn bei diesen Verhandlungen sind, ganz nach dem Wunsch der Profiteure, 70,5% der hier lebenden Menschen nicht repräsentiert. Sprich: Den Wünschen der Mehrheit wird nicht entsprochen, die Repräsentanten von nur 29,5% der Bevölkerung entscheiden allein über unsere Zukunft und die unserer Kinder.

Im Detail und in gebotener Kürze: Von den 82 Millionen hier lebenden Menschen waren 21,5 Millionen nicht wahlberechtigt (die meisten davon, weil sie noch nicht volljährig sind). Von den verbleibenden wahlberechtigten 61,5 Millionen haben 15,37 Millionen die Wahl verweigert. Von den nun noch verbleibenden 46,13 Millionen Wählenden sind 2,3 Millionen nicht repräsentiert (da die von Ihnen gewählten Vertreter unterhalb der 5%-Hürde blieben), weitere 19,5 Millionen dürfen über den Zukunftskurs nicht mitentscheiden (da die von Ihnen gewählten Vertreter (SPD, 9,45 Millionen, AfD, 5,8 Millionen, Linke 4,24 Millionen) allenfalls verbal opponieren dürfen.

Es verbleiben also mit nur 24,3 Millionen von 82 Millionen lediglich 29,5% der Bevölkerung alleinentscheidend – die politischen Vertreter unserer geschätzten Elite, der verbleibenden gutsituierten Mittelschicht inklusive aller Medienvertreter, dazu der Beamten, Pensionäre und gut gestellten Rentner. Jener 29,5%-Minderheit also, die keinerlei Interesse an gesellschaftlicher Veränderung hat. Jedenfalls keiner, die der 70,5%-Mehrheit zugute käme.

Ernüchternd? Na ja, einerseits. Aber andererseits: Wenn´s jetzt schon einer letzten verzweifelten Koalition von Landschwarzbraun bis Olivgelbgrün bedarf, vom röhrendem Hirsch bis Inner-City-SUV, um diesen immer weiter schrumpfenden Gewinnerkern noch zusammenzuhalten, ist´s zur echten Veränderung doch gar nicht mehr so weit. Auch wenn weiter und immer lauter aus allen Volksempfängern die frohe Propagandakunde ertönt von Siegen an allen Fronten („Vollbeschäftigung! Exportweltmeister! Unsere Führer können sogar die Präsidenten von USA und Russland fast gleichzeitig beleidigen! Hurra und Jawoll!“) – es stehen doch einige größere globale Renovierungsmaßnahmen zeitnah an, und spätestens nach diesem kommenden Crash wird sich hierzulande die Zahl der 24,3 Millionen um 10 Millionen jäh erwachte Mittelschichtler reduziert haben. Und dann, endlich, sollte es doch reichen können für eine gescheite Querfront der Vernunft (Arbeitstitel).

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Wurfgeschosse für Platons Höhle

Wichtig, neu und vergleichsweise handlich: Zwei 1A-Wurfgeschosse, mit denen man auf die Köpfe derer zielen kann, die in Platons Höhle noch immer an die Wand starren und das verschwommene Schattenrissbild für die Realität halten. Mit Können und etwas Fortune geworfen, lässt sich mit beiden Bänden (siehe unten) zumindest etwas Bewegung ins Publikum bringen, und vielleicht wendet der eine oder die andere ja sogar reflexartig den Kopf – und sieht endlich, wie die Dinge wirklich liegen, in der Wirklichkeit vor dem Höhleneingang.

Anders gesagt: Das muss man alles wissen. Und darüber muss man reden. Dringend. Denn jedes Gespräch über die von a) Jens Wernicke & b) von Ullrich Mies & Jens Wernicke herausgegebenen inhaltsstarken Sammlungen bringt den Leser nicht nur der Realität näher, sondern auch dem planvollen Handeln mit Blick nach vorn. Auch wenn kühne Lösungsvorschläge und/oder Zukunftsperspektiven in beiden Bänden fehlen (journalistisch ehrenvoll), bleiben nach der Lektüre dringende Fragen für den geneigten Empfänger stehen – Fragen, die er je nach persönlichem Temperament anders beantworten wird, für sich selbst. Die Antworten reichen dabei vermutlich von „Auswanderung“ bis „Militante Revolution“, von „Rückzug und Anschaffung eines Notstromaggregats“ bis „Noch schnell alles austrinken“, aber wer halbwegs wach mitliest, dem ist zumindest die Alternative „Nichtstun“ wirksam verstellt. Und das wäre dann schon 100% realitätstauglicher als unser derzeitiges kollektives Dösen.

(Spoileralarm): Das Publikum ist ausgesprochen wendig und selbst mit gut geworfenen Büchern wie diesen kaum zu treffen. Aber wer weder Kosten noch Mühen noch gesellschaftliche Ächtung im verwackelten Bekanntenkreis scheut, erzielt ja mittels „hier,  weil du doch so gern Tagesschau guckst, ein Geschenk für dich!“ vielleicht doch einen Wirkungstreffer.

Jens Wernicke (Hrsg.) – Lügen die Medien? (Westend 2017, 357 S., 18 €)

Ullrich Mies & Jens Wernicke (Hrsg.) – Fassadendemokratie und Tiefer Staat (Promedia 2017, 272 S. 19,90 €

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