Go ahead, Business Punk, make my day

Gut, dass es Business Punk 1994 noch nicht gab, sonst hätte Cobain sich vermutlich deswegen erschossen. (Insider sortieren noch mal eben in „Wal im Netz“ (1997) die Buchstaben des Bandleaders von XXL Asylum um). Jedenfalls ist das supercool. Oder Huxley. Business Punk. Mwuahaha. Muss man bringen. Und dann hoffen, dass da draußen wenigstens 20.000 Leute rumlaufen, die das witzig finden, weil „hey, klar, work hard, play hard – Alda, wenn dat nicht punk ist, wat denn dann? Sid Vicious hat auch hard geplayt und geworkt, um ordentlich Kohle zu machen, das weiß ja wohl jeder. Und ich bin voll der Punk, weil, mein Anzug is von H&M, und auf meinen Socken steht vorn „R/L“, und ich trag die absichtlich falsch rum! Im Schuh! Anarchy in the UK Size 9!“

Gedruckt werden vom Business Punk meines Wissens 35.000 Stück – läuft also mit der Kundschaft aus der Lobotomie-Abteilung. Aber wieso erwähne ich das überhaupt? Ach so, weil: Ich das gekauft habe. Am Flughafen. Ausgabe 6/2018. Weil ich Erzähler bin und in Storys sehr grundsätzlich eine Waffe sehe, zum Guten wie zum Schlechten einsetzbar. Und weil laut Punky-Business-Inhaltsverzeichnis ein Storytellingprofi Auskunft gibt, nämlich Markus Gull. Der (Interview-)Text ist überschrieben mit „Wer lügt, kommt in die Hölle“ (augenzwinker, cool, kaugummikau, ironisch, nä?), Gull nennt sich „Story Dude“ und berät „Unternehmen rund um die Themen Brand- und Entertainment-Stories“. Seine vorgetragene Überzeugung lässt sich tatsächlich kurz zusammenfassen: Authentizität ist King. Ganz gleich, was wir verkaufen wollen, der Weg zum Börsenerfolg führt durch die Herzen. Einen persönlichen Wert vermitteln. Um diesen Wert herum eine Story entwickeln. Und immer ehrlich sein. Geht sonst schief.

Vermutlich glaubt Gull sich das selbst. Lügen darf man nicht. Das merken die Leute ja. Und dann kaufen sie einem nichts ab. Keine Dieselautos. Keine Smartphones. Keine Politik. Keinen Afghanistan-Einmarsch. So sieht´s aus. In der Welt von Business Punk.

Der Punk ist (hier hat der Korrektor gepennt): Tatsächlich funktioniert die ganze Welt inklusive Wahrnehmung über Stories – solche, die man uns erzählt und jene eine, die wir uns über uns selbst erzählen. Gull hat also in so fern recht, als wir (Hedonisten, Egoisten, alle „entitled“) spüren, wenn jemand lügt und uns hinter seinem Claim oder seinen bunten Einladungen gar keinen weiteren glasklaren Alles-Meins-Lustgewinn verspricht, sondern irgendwas Differenzierteres. Sprich: ob eine kleine Story („Just do ist“, „Geiz ist geil“, „Weil ich es mir wert bin“) uns berührt oder nicht, hängt von unserer großen Story ab, jener, die uns grundsätzlich und wesentlich ist – unserem Bild von uns selbst und unserer ausgesprochenen oder unausgesprochenen Vorstellung davon, wozu wir hier sind, was „man“ tun oder lieber lässt, und welchen Sinn das Ganze wieso hat.

Der Business Punk verschweigt das natürlich, und man kann es ihm nicht vorwerfen. Er will ja nur verkaufen, nicht Erkenntnis befördern oder die Welt verbessern oder seinem ewigen Spießer-Publikum beim Pogotanzen mit dem Arsch ins Gesicht springen, wahlweise sehr, sehr laut Gitarre spielen und mit variablen Lyrics mitteilen: „Hört doch einfach mal auf, 24/7 komplett stumpf und link zu sein, das wäre doch mal ein Anfang.“

Ich glaube, Kurt hätten die beim Business Punk nicht mal als Fahrradkurier eingestellt. (Und Sid Vicious nur vielleicht, aber garantiert nicht vor dem 3. Februar 1979).

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Spaßbremsen für Fortgeschrittene

Wenn einem so viele Autos entgegenkommen, sind das natürlich alles Geisterfahrer … aber gelegentlich beschleicht mich ja nun doch der Verdacht, dass die Dinge anders liegen bzw. ausgerichtet sind, nämlich meine Schnauze ordnungswidrig in den korrekt fahrenden Mainstream. Ich arbeite daher gerade an einem Wendemanöver, denn …

1) Wollte die Hamburger MoPo dringend meinen Standpunkt zum Krankensystem haben, bat mich, meinen Blogeintrag dazu auf geeignete Weise zu kürzen, war dann aber (nach meiner Kürzung) der Meinung, nee, das sei ja … polemisch. Und auch gar kein Standpunkt. Jedenfalls nicht der gewünschte, also der der Redakteurin, die in nuce auf dem eigenen Standpunkt steht, es gebe eben nicht zu viele Ärzte, sondern zu wenige.

Unsere Standpunkte sind also als Freunde auseinandergegangen, meiner bleibt ungedruckt. Ulrich Montgomery übernimmt garantiert gern.

2) Saß ich letzte Woche in einer Gesprächsrunde zum Thema „Wie krank ist unser Gesundheitssystem“. Schon im Vorgespräch war allerdings klar, dass meine Position wenig brauchbar ist, denn ich bin ja der Ansicht, dass unser Gesundheitssystem nicht krank ist, sondern tot. Hingegen ist das Krankensystem, das an die Stelle des Gesundheitssystems getreten ist, kerngesund. Hierzu muss man dann allerdings satte 2-5 Minuten lang vertiefen, dass das Krankensystem keine Insel ist, sondern Teil des Wachstumssystems, dessen Erfolg wir mittels BIP messen – also jener Zahl, vor der sogar ihr Erfinder, Nobelpreisträger Simon Kusnets, von Anfang an warnte – und vor ein paar Jahren noch mal sehr deutlich. Er ist in guter Gesellschaft.

Nach meiner Erfahrung lässt sich das Drama sehr hell und schnell vermitteln, und es versteht auch jeder, worin das Problem tatsächlich besteht. Auf dieser Grundlage lässt sich dann prima verhandeln, ob man das Krankensystem in sich ändern kann, ob man das Gesamtsystem ändern müsste, ob das überhaupt geht, und – wenn nicht – wie man die eigene Gesundheit in Zukunft noch schützen kann. Auch hier: wenn überhaupt – siehe Digitale Patientenakte, CancerSeek und AbilifyMyCite.

Aber all das scheint … weitgehend uninteressant zu sein. Jedenfalls für Menschen, die im Krankensystem tätig sind oder „komplementäre“ Heilungen anbieten oder die für ein größeres Publikum arbeiten und senden und dabei wissen: Das wollen die Leute nicht hören, die Leute = das Publikum. Da fühlt sich der Zuschauer angegriffen, wenn man den förmlichen Ball zu ihm zurückspielt und ihn in die Selbstverantwortung nimmt.

Möglich.

Andererseits … waren dann nach der Veranstaltung doch diverse Menschen aus dem Publikum bei mir und fragten sich (und mich), wieso denn all meine Versuche, übers angekündigte Thema zu reden, so schnell erstickt worden waren. Ich will mal optimistisch annehmen, dass das nur an der Besetzung der Runde lag, denn fraglos konnten die alle besser als ich Hoffnungen wecken, dass man mit etwas gutem Willen so gut wie jede Krankheit wieder loswird.

Natürlich hört man das gern.

3) Bin ich eine echte Mehrfachspaßbremse. Aber eine höfliche. Ich habe mir daher in der Runde alle Bemerkungen verkniffen, die darauf hätten hindeuten können, dass es auch so was wie Schicksal gibt – und dass wir eben nicht auf alles Einfluss haben. Mir erscheint das wichtig, und ich finde es auch nicht als Spoiler, wenn man sich die Möglichkeit des Scheiterns eingesteht. Aber auch das will offenbar keiner wissen. Weil man dann … direkt die Hoffnung verliert?

Aus meiner Erfahrung mit den vielen, die sich an mich wenden, ist das Gegenteil der Fall. Sich einzugestehen, dass man Krankheit nun mal offensteht und dass es auch so was wie echte äußere Einflüsse und Schicksal gibt, deprimiert „meine“ Ratsuchenden nicht, sondern befreit sie von Schuldgefühlen. Unser Bemühen, wieder heil zu werden und dafür alles zu tun, unseren Körpern und Seelen zu helfen, ist nicht kleiner als vor der Erkenntnis „Es könnte aber auch schiefgehen“, sondern mindestens genauso groß wie vorher. Daraus ergibt sich aber eine Zusatzerkenntnis, die mir essentiell erscheint: Wir sind jederzeit sterblich. Und es ist nicht deprimierend oder schlimm, sich das einzugestehen, es ist hilfreich. Denn es verändert unseren Blick auf alles, jeden einzelnen Tag und auf das Leben an sich.

Offenbar ist das keine Ansicht, die man einem größeren Publikum zumuten sollte.

In der Runde saßen neben mir Dr. Rüdiger Dahlke und Lothar Hirneise. Lothar Hirneise hat ein faszinierendes Buch über Krebs geschrieben, ich habe viel gelernt und kann zu vielen seiner grundsätzlichen Erwägungen nur nicken. Ich bin aber nicht seiner Ansicht, dass jeder Krebs grundsätzlich heilbar ist. Schon gar nicht, wenn man bereits über 80 ist. Siehe oben, Spoiler und Spaßbremse: Meines Wissens müssen wir irgendwann an irgendwas sterben. Aber es scheint vielen Leuten besser zu gehen, wenn sie das schlicht ignorieren.

Rüdiger Dahlke hat 65 Bücher geschrieben. Ich bin ganz seiner Ansicht, dass die sogenannte Seele eine große Rolle spielen kann bei der Entstehung von Krankheit und bei dem Rückweg zur Genesung. Überdies bin ich wie er der Ansicht, dass unser Aufenthalt hier eine Reise darstellt und wir die Gelegenheit nutzen sollten, Erkenntnisse zu gewinnen über uns selbst und unsere Rolle im ewigen Samsara.

Nur … in „Krankheit als Sprache der Seele“ schreibt Dahlke (unter vielem anderen): „Ein gebrochener Arm symbolisiert ein gebrochenes Verhältnis zur Welt.“ Ich glaube, manchmal symbolisiert ein gebrochener Arm ein gebrochenes Verhältnis zum Fahrrad oder zum gegnerischen Vorstopper. Will sagen: Wer das Grobstoffliche komplett ausblendet und alle Antworten in der „Seele“ sucht, übersieht vermutlich in vielen Fällen etwas ganz Wesentliches. Zum Beispiel den rostigen Nagel im eigenen Fuß.

Im übrigen, um noch fester auf die Spaßbremse zu treten: Wer die „Misserfolge“ all jener ausblendet, die sich eifrigst bemühen und doch nicht so ganz wieder heil werden oder gar krank bleiben oder sterben, insinuiert unbewusst oder ungewollt, „dann hast du dich eben nicht gut genug bemüht“. Ich finde das desaströs, insbesondere im herrschenden Zeitgeist, in dem ja dank reichlich neoliberalem Rückenwind das eh schon fragwürdige „Jeder ist seines Glückes Schmied“ geworden ist zu „Jeder ist seines Unglückes Schmied“.

So bleibe ich als, den Fuß fest auf dem Pedal in der Mitte, gespannt auf die Ausstrahlung der Gesprächsrunde, irgendwann tbd. Soweit ich mich entsinne, hätte im Publikum beinahe jemand geklatscht, als ich sagte „Schuld liegt in der Vergangenheit, Verantwortung in der Zukunft“, aber bevor ich das vertiefen konnte, waren mW schon wieder alle mit dem Senden von was anderem beschäftigt.

(Ich frage mich trotzdem (bockig) weiterhin, ob es nicht doch ein „Publikum“ gibt für die IMHO realistischere und entspannende Wirklichkeitssicht, frei nach Camus: Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.)

(Hat das iPhone eigentlich eine Kamerafunktion? Muss ich mal prüfen, ToDo-Liste irgendwo weit unter „Pilotbuch schreiben“, „Zucchini säen“ und „Steuererklärung“.)

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Wie, Gadolinum ist gar nicht so gesund?

Ach, noch so ein putziges Puzzleteil – deshalb war ich zwischen 2005 und 2008 nach den ärztlichen Behandlungen viel kranker als vorher? Ich dachte, das lag nur am ggf. kontraindizierten Cortison, aber so ist mein damaliges Zusammenklappen ja noch viel schöner erklärt, jetzt versteh ich sogar meine Nieren und die 40 Grad Fieber, das ergab doch damals ü-ber-haupt keinen Sinn. 

Cool. Ich lerne doch so gern dazu (1). (MS-bedingte neuropathische Schmerzen my ass.)

Wer die NCBI für eine Horde Verschwörungstheoretiker hält, muss die Studienlinks natürlich gar nicht studieren. Da reicht ja dann auch die Lektüre der leicht mimosigen Erklärung der Hersteller, weil auch das BFArM leise nörgelt und diese doofen roten Briefe (2) erzwingt. Spielverderber. Echte Spaßbremsen, diese Typen vom Amt.

(1) www.gadolinium-vergiftung.de/mrt-kontrastmittel-wissenschaftliche-studien-zu-gadolinium/

(2) www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2018/rhb-gadolinium.html


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Tax Evasion im Space Taxi

Galloways The Four hatte ich mW bereits vor einiger Zeit zur Lektüre empfohlen, aber wer bisher noch nie „so in echt“ darüber nachgedacht hat, was ihn da eigentlich so alles umgibt an charmanten Spionen und Diensten (und wie gefährlich die sind), dem sei als Einstieg ins Thema grundsätzlich Johannes Bröckers’ Schnauze, Alexa!empfohlen.

Das kleine Buch dringt bewusst nicht sonderlich tief oder weit ins existenzgefährdende Thema KI ein (dass die Algorithmen für uns gefährlicher sind als all unsere Nuklearwaffen, hat ja nicht nur Elon Musk richtig erkannt), sondern dient als erster Denkanstoß für Otto Normalhöhlenbewohner (Vermieter: Platon), also für Leute, die noch nie über Amazon nachgedacht haben, sondern da nur gern einkaufen, weil es bequem ist. Alle anderen wissen längst, was Bröckers hier in gebotener Kürze darreicht, und nützen wird es eh nichts, denn Amazon ist längst größer als jeder Gesetzgeber. Aber vielleicht bewahrt Bröckers´ Denkanstoß ja doch den einen oder anderen zumindest noch eine Weile vor der Stasi 2.0, vor Alexa und ihren IoT-Konsorten (vertrauen Sie bloß nicht Ihrem Saugroboter, der funkt ihren Wohnungsgrundriss direkt an den deutschen Maklerbund). Und, bitte, immer einen im Sinn: Was Sie heute in Ihren eigenen resp. gemieteten vier Wänden sagen, entscheidet in fünf Jahren darüber, ob sie eine Krankenversicherung abschließen oder sich ein Auto auf Pump kaufen dürfen. (Bei Ihren Bestellungen passen Sie bitte auch ein bisschen auf, sowohl bei den subversiven Büchern als auch beim Shades-of-Grey-Zubehör. Als ich Amazon kürzlich aufforderte, meine Bestellhistorie seit 2003 gefälligst mal zu löschen, erhielt ich die Antwort, das sei aus Datenschutzgründen nicht zulässig, der Gesetzgeber erlaube das nicht. Das ist dreist. Aber wer möchte jetzt vorangehen und dagegen klagen? Am Ende müsst ich da noch meine neunschwänzige Katze in den Zeugenstand setzen, und das Tier reagiert auf so was total empfindlich.) 

(Btw: Dass „Schnauze, Alexa!“ auch über Amazon verkauft wird, ist nicht zu monieren. Das ist eh unvermeidlich, der Markt hat weder Herz noch Hirn und verkauft alles – am Ende sogar seine eigene Mutter oder sich selbst, worin vermutlich unsere verbleibende Hoffnung liegt. Wenn revolutionäre Verschwörungswahrheiten einen vernünftige Marge abzuwerfen versprechen, sendet ja sogar Fox TV die Wahrheit über 9/11 – siehe die immer noch verblüffende Season 2 der Erfolgsserie „24“.

P.S.: Ergänzend sei an dieser Stelle empfohlen die Lektüre von Paul Buchheits frischem Alternet.org-Beitrag How a failing capitalist system is allowing Amazon to cripple AmericaDie kurze und Betrachtung von Amazons anarchokapitalistischer Kreativität in Sachen Steuerpflichtentziehung ist und bleibt spannend, eben weil Amazon inzwischen zu groß für Staaten und Gesetzgeber ist.

Hoffen wir also, dass Jeff auch weiterhin mehr Interesse an entspannten Selfies hat als an einem offiziellen Amt im ovalen Büro. Andererseits: Der Mann ist ja nicht blöd, im Gegenteil, und gibt ganz offen zu Protokoll, wohin die Reise geht. Seine -und unsere (letzeres steht zwischen den Zeilen): “The only way that I can see to deploy this much financial resource is by converting my Amazon winnings into space travel…I am going to use my financial lottery winnings from Amazon to fund that.“

Eben. Denn dieses sinkende Schiff verlässt man ja tatsächlich nur noch im Space Taxi, und wer was Anständiges gelernt hat (Tischler werden immer gesucht), der darf ja vielleicht sogar mit. Die 80% von uns, die demnächst nicht mehr gebraucht werden, hören also doch besser jetzt die Signale und entscheiden sich dann wahlweise für a) runter vom Sofa, Welt ändern, b) Schießen lernen, oder c) Millionenkredit aufnehmen und Amazonaktien kaufen.

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Digital first, Bedenken second

„(Spitzers) Begriff der „digitalen Demenz“ erscheint mir jedoch verfehlt, ja sogar für untertrieben (…), weil die Schäden, die digitale Medien im Gehirn von Kindern und Jugendlichen anrichten, viel schwerwiegender sind als eine Demenz. Zynisch gesagt: Mit Dementen kann die Gesellschaft noch irgendwie klarkommen. Dagegen entspricht der übermäßige Gebrauch von Medien einer für unser Gemeinwesen hochgefährlichen Virtualisierung. Heutzutage sind 90 Prozent der Jugendlichen täglich über sechs Stunden mit dem Smartphone zugange. Wenn bald nur noch Psychopathen rumlaufen, führt das zur Abschaffung der Demokratie.“

(Neurobiologin Dr. Teuchert-Noodt im Gespräch mit Ralf Wurzbacher, komplett auf den Nachdenkseiten. Zur Lektüre (oder zum Ansehen) empfohlen). Und Neil Postman kramen wir hernach auch noch mal aus dem Regal und verneigen uns, schaudernd. Schon verblüffend, die offenbar vollkommene Bildungsferne des gemeinen Bildungspolitikers. Aber das sind Leute in meinem Alter, und die konnten ja tatsächlich schon damals weder lesen, schreiben noch denken. Dass Sie diesen Defekt mit Verve weitergeben, verwundert nicht.)

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Schuld ist Schnee von gestern, heute gibt’s nur Verantwortung

Ungeheuer putzig iSv doof finde ich ja die Lieschen-Müller-Dialektik derer, die mich in Foren dissen, weil ich Dinge wie das Übernehmen von „Eigenverantwortung“ anrege – denn darauf lässt sich ja hervorragend schnauzen: „Willst du damit sagen, dass ich selbst SCHULD bin an meiner Krankheit!? So ne SAUEREI! Schwarze Psychosomatik! Hört nicht auf diesen TEUFELSGURU!“ 

Jaja. Neenee. Schuld ist sowieso keiner. Schon gar nicht an seiner besonderen Erkrankung, seiner Augenfarbe, seiner Körpergröße oder seinem Geburtsort. Gut, sollte wer im Selbstgespräch denken, „Hm, vielleicht hätte ich doch weniger als 3 Flaschen Chianti pro Abend austrinken sollen“, kann und sollte er/sie das ja gepflegt mit sich selbst ausmachen, dazu braucht man doch keinen Arzt oder Apotheker oder Rüdiger Dahlke. Aber selbst wenn man sich selbst eine klitzekleine Beteiligung am Entstehen der eigenen Fettleber attestiert, nützt einem ja der Rückblick wenig, denn unsere Zeitmaschinen stehen ja alle in irgendwelchen Garagen im Jahr 2052, so kommen wir also nicht weiter. Jedenfalls nicht zurück.

Der Pöbler von oben wirft allerdings Verantwortung und Schuld in einen Topf. Mag sein, dass das der generellen Lust am Vereinfachen geschuldet ist (Eins oder Null, Daumen hoch oder runter, Schwarz oder Weiß, Bett oder Ofen*), nur: Wer so was macht, lenkt von sich selbst ab und schlussfolgert buttermesserscharf: Da ich ja wohl nicht schuld /verantwortlich bin für das Zurückliegende, bin ich auch nicht schuld/verantwortlich für das Kommende.

Das ist, im Leben wie im Kranksein, ein gefährlicher, deprimierender, feiger Irrtum. Dass ich geraucht habe und so das Entstehen meiner Erkrankung möglicherweise begünstigt habe (oder auch nicht), ist meine Schuld (oder auch nicht). Dass ich weiterhin rauche, ist verantwortungslos: mir selbst gegenüber.

Dass hierzulande alles so gewaltig schiefgelaufen ist, dass unsere Kinder völlig zurecht Freitags auf die Barrikaden gehen, ist meine Schuld (oder auch nicht). Dass ich nicht reagiere und die Weichen so stelle, dass die Demonstrierenden eine Überlebenschance haben, ist verantwortungslos (heute): anderen gegenüber. Und dass man mich dafür zur Verantwortung ziehen wird, geschieht zurecht (morgen).

Will sagen, Discount-Dialektik-Pöbler von oben: Das geht ganz gewaltig schief, nicht nur im egozentrischen Kranksein. Aber mach nur so weiter, dein beruflicher Babyboomer-Feierabend in zehn Jahren fällt ja nur zufällig mit dem Tag zusammen, an dem die Folgen der Erwärmung unumkehrbar eintreten, und gleichzeitig möchtest du Kinderloser von meinen Kindern zirka 32% ihres Einkommens als Monatsbeitrag für deine Altersrente.

Das wird garantiert ne witzige Diskussion. Sag dann aber nicht, das wär ja wohl alles nicht deine Schuld gewesen. Glaub mir, auf dem Ohr sind meine Kinder taub (das ist keine klinische Diagnose, sondern bloß die angemessene Reaktion auf unseren kollektiven Haltungsschaden.)

* Na, wer schreibt in den Kommentar, „Das ist ein Zitat aus dem Film „…“?)

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Zwischenhalt aus voller Sockenschußfahrt

Zugegeben, ich war kurz sauer auf Frau P. vom FA S., weil die mir eine Zweiwochenfrist zum Einspruch gegen ihre Ablehnung meines Widerspruchs (hahaha, herrlich) eingeräumt hatte – und dann zwei Wochen in den Urlaub gefahren war. Nachdem ich sie aber jetzt doch erreicht habe, bin ich versöhnt. Zwar ist mein Antrag endgültig von Frau P. abgelehnt worden (also die Anerkennung der privaten Beschulungskosten für meine jüngste Tochter als „außergewöhnliche Belastung“, wegen des vorangegangenen Mordversuchs, siehe unten: das ist keine außergewöhnliche Belastung). Aber Frau P. sieht das ja gar nicht so. Selbst. Sie hält die Belastung für absolut außergewöhnlich unerträglich und versteht auch, dass mich das ruiniert, aber das kann sie eben auch nicht ändern. Gibt ja keine Gesetzeslücke, die ihr das erlaubte.

Frau P. und ich konnten uns sehr schnell auf die Kurzfassung meinerseits einigen. „Der Gesetzgeber will also, dass gemobbte, hochbegabte, höchst wunderbare und originelle Kinder entweder sterben oder in einer geschlossenen landen und von ordentlich Personal mit Psychopharmaka gefüttert werden? Nur dann darf – in den Anstaltsräumen – privat unterrichtet und der finanzielle Aufwand für die Eltern als Belastung berücksichtigt werden?“

„Das ist richtig.“

Finde ich nicht. Aber gut. Oder auch nicht. Jedenfalls schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Es zeigt sich ja zunehmend, dass der Gesetzgeber nicht irgendwas verbockt hat, sondern das alles sehr ernst meint. Die Kinder springen jüngst vermehrt von Balkonen oder bringen sich mit 11 eben einfach um. Selber Schuld, hätten ja auch statt dessen die Karriere als Zombies in Zwangsjacken wählen und sich nützlich machen können im Wachstumsmotor. Ich konnte das aber nicht zulassen, jedenfalls nicht bei meiner Tochter. Weil ich sie liebe. Mehr als mich selbst, falls das jemanden interessiert.

Ich konnte aber darüber auch nie schreiben. Weil ich Angst hatte. Vor diesem, jenem und noch was anderem. Da aber nun der Vorgang beerdigt ist, nicht meine Tochter (die sehr glücklich lebt), will ich die Eckdaten der Geschichte doch abschließend noch kurz nachreichen. Bei Interesse. Denn 2016/2017 schrieb ich mit selbst hinter die Ohren und eben nicht in dieses Blog (ich sag ja, Feigling):

Mann, bin ich manchmal doof. Ich kann nicht mal richtig lesen. Dabei steht´s doch über dem Eingang: Schulbehörde. Nicht Schülerbehörde. Aber um mich Dussel zu erleuchten, musste erst ein Mitarbeiter dieser Einrichtung meiner Gattin gegenüber explizit ausführen, seiner Behörde sei das Kindeswohl allenfalls zweitrangig, erstrangig sei die Einhaltung der Schul(gebäude)pflicht.

Jetztverstehe ich das alles. Doof. Ich hätte eben nichtEnde 2014 die Kriminalpolizei verständigen sollen, als meine Tochter in der ersten großen Pause um Haaresbreite diese Nähnadel verschluckt hätte, die ihr ein/e gymnasiale/r Mitschüler/in geschickt ins Pausen-Franzbrötchen drapiert hatte. Die Kripo befand zwar, ihre Ermittlungen aufnehmend, dies sei ein Fall von versuchter schwerer Körperverletzung, aber die Schule forderte uns umso dringender auf – davon niemandem zu erzählen. Weder den anderen Eltern noch den anderen Schülern noch der Presse. Wir sollten doch besser rasch, da man die körperliche Unversehrtheit des Anschlagopfers auch zukünftig nicht garantieren könne… die Schule wechseln.

Haben wir gemacht, schmerzhaft in jeder Hinsicht, persönlich wie finanziell. Also Schule und auch gleich die Nachbarschaft 50 Kilometer weiträumig gewechselt, weil ja der/die anonyme Täter/in bzw. dessen/deren Eltern sonst weiterhin gewusst hätte, wo wir wohnen. Leider hat das nicht zum gewünschten Ergebnis geführt, denn die Alternative „Private Holzbastelschule auf dem Dorf, in Gründung“ war keine, da meine Tochter eben smart ist, ausgezeichnet zweisprachig liest und schreibt und obendrein ausgesprochen freundlich zu anderen Menschen. So viel inhaltliche wie soziale Kompetenz ließ sich leider mit den Wertvorstellungen und dem Wissensstand der neuen Mitschüler und Lehrer nicht in Einklang bringen – den neuerlichen brutalen Spießrutenlauf billigten die Verantwortlichen komplett entspannt, wir hingegen komplett gar nicht. Und fragten ob dieses Horrors beim Schüleramt an, was wir denn alternativ machen sollten oder könnten, nach dieser furchtbaren Vorgeschichte. Ah. Nee. Eben beim Schulamt, nicht „Schüleramt“, siehe oben.

Das war dumm. Und so blieb, den behördlich verfeinerten Alptraum ungeheuer abkürzend, nach Unmengen Gutachten (Behördenkommentar: „Les ich nicht, so was“), Unmengen Leid, Kummer, entgegenkommendem, geduldigem Wohlverhalten unsererseits und  (kein Scherz) behördlichen Knastdrohungen gegen uns sowie unsere Tochter (!) stehen: Meine Frau und meine Tochter zogen im August 2016 nach Frankreich, zu Freunden. Ich blieb. Und zog hier um, notgedrungen – in eine kleine Obstscheune im Matsch (Marschland). Weil ich nun einmal meine beruflichen und finanzamtlichen Dinge hierzulande geordnet beenden musste, vor dem Versuch, in Frankreich oder sonstwo neu zu starten. (Die Auflösung einer GmbH dauert inzwischen mehr als 2 Jahre. Das ist schon wieder kein Scherz. Und das zusätzlich absurde „mehr als“ liegt daran, dass die Formulare für die KöSt-Erklärung abgeschafft worden sind, allerdings die elektronische Abmeldung noch gar nicht funktioniert).

Ich wusste aber schon damals, als unsere Familie vom Amt zu 2/3 ins kinderfreundliche Ausland gesprengt wurde, dass ich nicht mehr öffentlich zu klären versuchen würde, ob das denn wirklich so gemeint ist, wie´s praktiziert wird: Dass das Schulamt die Schulen schützt und nicht die Schüler, und dass nicht die Schule dem Wohl des Kindes dienen soll, sondern das Kind dem Wohl der Schule. Dass man uns damals endlich explizit erklärte, hatte ich zur Kenntnis genommen, zur deutschen Vorstellung von „Freiheit“ habe ich meines Wissens eh alles gesagt, was ich zu sagen habe. (Es findet sich unter dem Stichwort „Schulzwang“ im Rubikon und/oder auf diesem Blog, im Archiv). Dass neben unserem deutschen System weltweit nur eines die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ anstrebt, nämlich das nordkoreanische, bedarf sicher keiner zusätzlichen Ausschmückungen.

Und doch, am Rande bemerkt: Es war ungeheuer beglückend und erfrischend, damals in Frankreich mit Behördenvertretern zu tun zu haben, die Familie und Kindeswohl tatsächlich für wichtig halten, und nicht für zweit- oder drittrangig; und es war sogar schön zu hören, erst recht in dieser wohlklingenden Sprache, auf Französisch, dass man sich auf uns und unsere doppelt und dreifach als hochbegabt anerkannte Schutzbefohlene freute. Unter solchen Umständen nimmt man ja sogar den Ausnahmezustand in Kauf, Hauptsache, die Mitmenschen wissen, worauf es ankommt. Und das ist, nach meinem bescheidenen Dafürhalten, das Wohlergehen derer, denen die Zukunft gehört – unserer Kinder. Und, nein, ich wundere mich nicht, dass ich auch mit dieser humanistischen Ansicht mal wieder fast allein dastehe auf deutschem Flur, ich bin doch schon groß.

Bis hierher stand dieser Text lange in meinem Rechner herum. Unpubliziert. Weil ich schlicht und ergreifend Angst hatte. Nicht um mich, wohl aber um die Seele meiner Tochter. Die Frage eines größeren Mainstreammediums, ob man diese furchtbare Story bitte „machen“ dürfe, lehnte ich damals ab, denn 2016 hatten wir noch Hoffnung, doch irgendwann zurückkehren zu dürfen und unsere Tochter an einem hiesigen Gymnasium anmelden zu können. Diese Hoffnung hat sich inzwischen erledigt, ebenso wie die, die Beschulung der jungen Frau Böttcher durch die deutschsprachige Web-Individualschule werde von den Behörden anders betrachtet als die Anschaffung von Helikopterbenzin. Beides betrachtet der Gesetzgeber als Privatvergnügen.

So also endet diese Etappe unserer Reise, glücklich, erlöst, aber auch mit einem ganz dezentem Gefühl, in etwas Groteskem festzustecken: Nach 30 erfolgreichen Jahren und solidarischen Einkommensteuerzahlungen in Höhe von bestimmt bummelig 1 Million Euro wartet nun auf mich/uns ggf. die Pleite (nicht Privatinsolvenz, bin selbstständig) als MS-Kranker, ohne Anspruch auf irgendwas – denn die Million habe ich ja in die falsche Gemeinschaftskasse gezahlt und daher keinen Anspruch, nicht mal auf einen monatlichen Cent, aus der Gemeinschaftskasse. Ein Trost aber bleibt mir, und der ist gar nicht so klein, sondern schon fast erwachsen: Meine Tochter ist ein wunderbarer Mensch. Sie ist heil geblieben (oder wieder ganz heil geworden), sie denkt frei und überaus originell, und sie hat ihr schönes und großes Herz behalten (ebenso wie ihren schönen und großen Geist). Dass ich dazu meinen Beitrag leisten durfte, macht mich froh und glücklich.

Und in diesem Sinn will ich mich morgen wieder an den Schreibtisch setzen, über den gefrorenen Matsch Richtung Feldweg schauen und in meinen Taschen kramen, ob da nicht doch noch eine größere Dosis Lächeln hervorzuzaubern ist. Der Rest ist dann schlicht Schweigen. Und Warten auf die Kavallerie. (Obwohl … ach, nee, das sind ja auch Beamte, die reiten garantiert nur über mich weg. Dann warte ich doch lieber nur auf die Sonne.)

P.S.: Meine Tochter hat eine Klasse übersprungen, an der Web-Individualschule (Bochum), ihre Mittlere Reife mit klasse Zensuren abgelegt und ist (bereits länger) eine begnadete Künstlerin. Sowie eine wunderbare Menschin. Wir dürfen uns jetzt kurz in Deutschland aufhalten, da sie als jüngste Schülerin/Studentin an einer (privaten) Fachhochschule für Gestaltung angenommen worden ist. Wäre das nicht per Eignungstest gegen die zahlreiche Konkurrenz gelungen, hätte sie, wie das NS-Schulamt mir erklärte, nicht arbeiten dürfen (was sie gern täte, sie kann ja mit Ihren Illustrationen schon Geld verdienen). Jugendliche sollen in NS nicht arbeiten. Die Schulpflicht besteht in NS fort. Zwölf Jahre. Keine Ausnahmen. Wer das nicht will, geht in den Knast. Oder in die Klapse.

Hey, das wär ja wohl auch noch schöner, wenn hier irgendwelche begabten und eigensinnigen Jugendlichen frei rumlaufen würden! Nachher werden das noch begabte Erwachsene, die dann ihr Gehirn und ihr Herz einsetzen! Wehret den Anfängen! Und macht jeden Querdenker einen Kopf kürzer, sonst erfindet der nachher noch so was Gefährliches wie … das Feuer!

P.P.S.: Mein Lieblingsdetail will ich am Ende doch loswerden. Die behördlich bestellte NS-Psycho-Gutachterin hatte nämlich nach der begrüßenden Erklärung meiner Tochter, sie wolle doch gern weiter lernen und Abitur machen, den maßgeblichen Auftaktsatz im Repertoire: „Ach, vergiß es, in 5 Jahren ist hier sowieso Krieg, was willst du da mit Abitur?“

Ich fand das bemerkenswert. Und bestimmt kann man das befürchten. Aber ob ich das als zielführende Berufsberatung für eine (damals) 12jährige durchgehen lasse, weiß ich immer noch nicht.

 

 

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