Copy/paste aus der Wirklichkeit der Helfer (#1)

Geständnis: Ich tausche mich viel und sehr grundsätzlich mit Menschen aus, auch und gerade mit Ärzten. Weniger über meine eigene Gesundheitssituation als über Grundsätzliches, auch über Fragen zu Leben und Tod, die sich empathischen Ärzten zwangläufig häufiger stellen als anderen. Mit meiner Lieblingsärztin N. N. tausche ich mich besonders gern aus, weil sie mir regelmäßig widerspricht und weil ich gern dazulerne. Ihre Berichte der letzten Wochen wollte ich eigentlich täglich copy/paste hier online stellen, aber das gehört sich ja nicht. Außer, wenn man mal fragt. Was ich heute getan habe. Mit vorliegender Erlaubnis teile ich die Zeilen unten heute, unkorrigiert und kommentiert. Es könnte ja für die eine oder den anderen von euch vielleicht von Interesse sein.

„Btw aus dem Alltag an der Basis: Ich bin heut Nachmittag beinah explodiert…. Wurde von einer Kollegin aus der Nachbarpraxis informiert, dass heute Nacht eine Lieferung Schutzausrüstung für die Praxen im Kreis eintrifft und verteilt wird. Hurra!!! Dafür musste man allerdings Bedarf anmelden. Bis heute Vormittag. An ein Amt für Gefahrenabwehrblabla. Auf dem übersandten Schrieb. 

Wir haben den nicht bekommen.

Haben also auch nicht geantwortet.

Einige Telefonate später heißt es nun, das werde am Montag geregelt, wir bekommen doch noch einen Anteil (fürstliche Ausstattung, Mundschutz, Schutzkittel, Schürzen, Hände- UND Flächendesinfektion, zugeteilt je Arzt!). Hoffen wir mal ganz fest, dass das noch klappt!!! Bin so sauer, wir versuchen alles momentan, um irgendwie noch an Material zu kommen, zu Wucherpreisen, werden mit Versprechungen hingehalten – dann kommt was – und es läuft so daneben. Das war purer Zufall, dass wir noch davon Kenntnis erlangt haben. 

Aber hey, die Make-up-Mädels in der Schickimicki-Dermatologen-Praxis (man kümmert sich dort weiter ums Lifting etc.) hocken alle mit FFP2 Masken hinterm Tresen. Derweil wir in gewohnter Barfuß-Mediziner-Manier die Basisversorgung schmeißen.

Immerhin ist, oh Wunder, unsere praxisübergreifende Infektsprechstunde vmtl doch genehmigt. Also können wir, neben den von der KV geplanten Coronaschwerpunktpraxen (High End Medizin und Equipment, die Creme de la Creme der Fachärzte) „unsere“ Leute weiter versorgen, diejenigen ohne den Coronastempel drauf. Und der Rest des Teams (inklusive unserer verängstigten Helferinnen) bleibt weitestgehend von allen Infekten verschont mit den Routinetätigkeiten in den angestammten Räumen betraut.

Ansonsten, ganz persönlich, war der Hausbesuch heute sehr wertvoll für mich. Erstkontakt, schwer luftnötige alte Dame, Sauerstoffsättigung 85%, Tachypnoe (sehr schnelle Atmung). Klare Entscheidung, jetzt Einweisung oder (besser) palliative Versorgung bahnen – Antwort der Tochter (mit Vollmacht, Mutter dement) – das habe sie nicht gewollt. Dazu die Aussicht, sie im KH allein, verwirrt, in (Todes)Angst ohne Zugang der Kinder zu lassen …

Alles von aussen betrachtet klar, mit Gefühl und Empathie zu vermitteln (nicht so einfach: Guten Tag, mein Name ist Meier, schön, sie kennenzulernen – lassen wir jetzt ihre Mutter sterben?) – und am Ende für alle Beteiligten sehr traurig, aber – hoffe ich zumindest – richtig auf den Weg gebracht.  

Wir rüsten uns jetzt, wollen eine einfache verteilbare Handlungsanweisung aufstellen für ähnliche, sicher bevorstehende Fälle (was wann gegeben werden kann, um das potentielle Leid im Übergang zu erleichtern), erhöhen unseren Vorrat an Morphium u. ä.. 

Mich hat das seltsamer Weise geerdet und beruhigt. Die Panik (von vergangener Woche) ist weg, spätestens sobald es ans Handeln geht. 

Ob das Corona war? Denke nicht. Und ganz ehrlich – was hätte es geändert …? 

Ach ja, Du findest das sicher SUPER! Quartalsabrechnung steht an. Und Corona-assoziierte Fälle können/ sollen seit 2 Wochen gekennzeichnet werden, zwecks „Vorbereitung der Empfehlung des Umfangs des nicht vorhersehbaren Anstiegs des morbiditätsbedingten Behandlungsbedarfs“ – also hoffentlich irgendwann später mal einer besseren Honorierung … sie müssen nur mit Kennzeichnungs-Ziffer plus Diagnose markiert werden, ein „Verdacht auf“ reicht.

Öhm … Sagen wir mal, die Praxen werden nicht von niedergelassenen Statistikern betrieben oder von Epidemiologen. Sondern von Ärzten, die (leider) daran gewöhnt sind, die Verrenkungen im Abrechnungssystem mitzumachen, um ihr Praxisauskommen/ überleben zu sichern. Gerade jetzt haben viele Zukunftssorgen, (Privat)Patienten bleiben weg, Vorsorge- und Regeluntersuchungen werden abgesagt etc.. Und- ein Atemwegsinfekt „könnte“ z. Zt. auch IMMER Corona sein – oder auch nicht, wir können nicht hellsehen und zumindest sprechen wir verflixt nochmal mit jedem drüber… was also soll der Geiz.

„Sollte“ also jemand mal diese Daten zum Erstellen einer Statistik heranziehen wollen … sind die Zahlen der Corona-Verdachtsdiagnosen aktuell evtl. etwas überrepräsentiert rundrum.  (Das ist nicht rühmlich, ja :/ Bin ich zu ehrlich?)“

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