Pastoraler Egoismus

Selbstredend verstehe ich, dass die Demeter-Bauern hier jede Nacht spritzen. Das geht ja gar nicht anders. Denn wer nicht Demeter, sondern tatsächlich natürliche, unbehandelte Früchte und Gemüse essen will, müsste ja das Dreifache des Eigenbedarfs anbauen, schließlich gehen 2/3 der Produktion an die Mafia, bestehend aus einer Allianz von Nacktschnecken, Mäusen, Kohlweißlingen und zahlreichen kleineren Mitessern.

Meine Produktionsweise ist also fraglos komplett unökonomisch. Einen Korb meiner komplett unbehandelten Erdbeeren könnte ich vermutlich für nur 25 Euro „im Markt“ anbieten, aber glücklicherweise produziere ich ja nur für Gewinne in Höhe von Demut und Dankbarkeit, vulgo: „Himmel, ist das mühsam, auch nur die kleinsten Kostbarkeiten der Natur abzugewinnen.“

Der Rest ist übrigens, jedenfalls für meinen Geschmack (sic) Dienst am Ganzen und wäre sicher auch den meisten Bio-Gärtnern suspekt. Vordergründig ist es nämlich kompletter Schwachsinn, mitten in der größten Obst-Monokultur Europas einen Hektar Land zu mieten und den nicht zu bewirtschaften. Zentnerweise Kirschen nicht zu ernten, sondern in den Himmel wachsen zu lassen (wo nur Vögel etwas davon haben) …

(Nein, das Schwarze sind keine Schatten, sondern Knubber.)

Vordergründig ist es auch überaus lästig, dass unser Dachboden auf der nächtlichen Spielroute eines Marders liegt – und dass Kollege Furry Hitman das von mir angebotene Totholz-Loft draußen partout nicht annehmen will. Vordergründig ist es auch zumindest irritierend, dass man gelegentlich fast auf eine Bisamratte tritt und die dann flüchtend ein junges Reh aus dem hohen Gras jagt, was dann seinerseits flüchtet und dabei garantiert den lose stehenden Wildzaun direkt vor den Zucchini mitnimmt.

Trefferquote 1 von 6, 1-5 waren direkt in der Schnecke. Die hier schafft´s auf meinen Teller.

Tiefergründig aber erscheint es mir durchaus zielführend, in dieser Gegend einen Hektar förmlich von der Arbeit freizustellen. Denn hätte ich diesen wildgewordene Ex-Kirschhof nicht gemietet und weiter zweckentfremdet, hätte ich diese letzte Insel im Monokulturellen also zur Normierung freigegeben – wo sollten dann die Fasane, Rehe, Marder und Füchse hin? Ins Hotel?

So sind sie also alle bei mir. Einer der Nachteile ist, zugegeben, dass auch die Bremsen gern hier sind, und dass ich bedauerlicherweise im Sommer nicht ins Zelt umziehen kann, denn gerade in den ruhigen hinteren Winkeln des Hektars ist es nachts beunruhigend lebendig: Mäuse und Ratten betrachten Zelte aus Stoff und Plastik förmlich als Baustoffhandel, man brauchte also stärkere Nerven als ich, um bei dem dauernden Geraschel und Geknabbere nachts die Augen zuzubekommen.

Nachteil 2: Die ortsansässigen Jäger haben mich letztes Jahr darauf hingewiesen – freundlich, aber entschieden und bereits schwer bewaffnet vor mir stehend – ich hätte doch wohl nichts dagegen, dass sie mein Land überqueren. Das war keine Frage. Ich finde es zwar weiterhin unsportlich, dass die immer hier anfangen, also förmlich zum Großwildjagen in den Zoo gehen, aber zum Glück schießen die Herren verblüffend schlecht, die Fasane haben wenig zu befürchten. Und was die Rehe betrifft: Die hat mein direkter Nachbar, Großgrundbesitzer, Apfelbauer, jetzt, nachdem wir uns 2 Jahre kennen, unter seinen persönlichen Naturschutz gestellt, obwohl sie ihm Teile seiner Apfelblüten und seiner Ernte wegfressen. Vielleicht ist ja Irrationalität doch ansteckend.

Gleich wie – natürlich ist auch dieser Don-Quixote-Unfug meinerseits wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein, so wie auch lsms.info oder meine Bücher nur Tropfen sein können, und zwar solche, die mich materiell um Kopf und Kragen bringen. Dennoch bin und bleibe ich stur bei meiner Ansicht: Jeder muss das doch machen. Also auch einer.

Und, oh, falls jetzt wieder jemand messerscharf analysiert (wie diese Frau Stumpfbacke weiland im MS-Forum XYZ), wer ohne jede Gewinnerzielungsabsicht, gar mit hohem eigenen Materialverlust, anderen Kreaturen von-bis einfach so helfe, der leide ja wohl offensichtlich und glasklar unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung: Passt schon. (Und hat für die Diagnostikerin den Vorteil, dass sie altruistisches Verhalten für sich selbst nicht mal erwägen muss, weil das ja, eben, krank ist.) Ich gebe aber zu bedenken, dass Nutzen oder Schaden von Egoismus ganz generell davon abhängen, was dem Egoisten Freude bereitet. Handelt es sich um „mehr alles meins“, „Waffen verkaufen“ oder „Mir Aufmerksamkeit verschaffen, indem ich anderen auf den Keks gehe“, hat der Egoist Freude, alle anderen eher weniger. Ist der Egoist hingegen so sonderbar gepolt, dass er die größte Freude empfindet, wenn andere sich aufgrund seines Tuns besser fühlen, verwandelt sich sein Egoismus faktisch in Altruismus. Will sagen: Egoismus ist immer nur so gut oder schlecht wie die Motive und Antriebe des Egoisten.

Ich bin diesbezüglich natürlich alles andere als ein Vorbild, denn ich esse ja die meisten meiner Erdbeeren selbst. Aber, hey, ich habe euch welche angeboten! 

Zusätzlicher Lesetipp für Stadt, Land, alles im Fluß …

Helmut Salzinger / Der Gärtner im Dschungel / (Neudruck) Westend 2019.

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Eine Antwort auf Pastoraler Egoismus

  1. Ralph Dieckmann sagt:

    Grossartig treffend geschrieben!!!
    Gut zu wissen, dass es noch natürliche „Mitstreiter“ gibt!

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