Volkszählung: 1 Journalist kommt auf 100.000 Pre$$titutes

Okay, das ist gar keine amtliche Meldung. Und nicht mal die „Pre$$titutes“ sind meine Schöpfung, sondern (so weit ich weiß) die des Kollegen Mathias Bröckers. Aber selbst wenn ich hier um 100% daneben liege oder dort um 1%, es spielt ja eh keine Rolle, denn „Journalismus“? Was soll das sein? Aufklärung? Echte News? Skandale und Investigation? Und sowieso: das war doch immer ein Mythos, Journalismus, mit ein paar Feigenblatt-Posterboys wie Woodward und Bernstein im Spind; so was gab´s doch nie. Sex verkauft. Gerüchte auch. Wahrheiten?

So gesehen ist natürlich auch die Sorge der paar noch lebenden kritischen Journalisten völlig unbegründet, spätestens nach der demnächst anstehenden Hinrichtung von Julian Assange wegen „Spionage“ werde mit der freien Meinungsäußerung auch unsere ganze restliche Freiheit über Bord gehen. Panikmache, das alles. Verschwörungstheorie, altersdemente! Verbreitet von irgendwelchen Dinosauriern, die keinen gut bezahlten Job mehr kriegen bei den großen Sendern und letzten großen Anzeigenblättern. Panikmache?

Hm. Wer über fünf oder zehn freie Minuten sowie eine masochistische Ader verfügt, der lasse sich gelegentlich von Dinosaurier Bill Moyers leicht zeitversetzt zur History Makers Convention begrüßen; seine Eröffnungsrede findet sich hübsch transkribiert im Alternet, Moyers Einschätzung des typischen „John Doe“ scheint mir auf Otto Normalverbraucher durchaus übertragbar („America seems more and more unable to deal with reality. So many people inhabit a closed belief system on whose door they have hung the „Do Not Disturb“ sign, that they pick and choose only those facts that will serve as building blocks for walling them off from uncomfortable truths“), und Moyers abschließende Anmerkungen zum bevorstehenden Kampf um das Netz sollte sich die Piratenpartei in geeignet großen Lettern auf die Fahnen kopieren.

Aber immerhin: auch wenn John und Otto vor lauter DSDS, Dschungelcamp und Facebook-Pflege nicht mal mehr begreifen, wovon eigentlich die Rede ist und was auf dem Spiel steht, hat die Sorge um vierte Gewalt die Ufer des Mainstream fast erreicht, wo sie hoffentlich zumindest kleinere Wellen auslöst. Zu besichtigen ist das in eindrucksvoller, weil spannender Form in Rod Luries Nichts als die Wahrheit, einem „Politthriller“, der nur deshalb nicht gut erfunden ist, weil er kaum erfunden ist. US-Journalist Josh Wolf lässt aus der Realität grüßen, nach einem neunmonatigen Knastaufenthalt wegen seiner Weigerung, den Behörden die Namen von Demonstranten zu verraten, Fotograf Bilal Hussein grüßt ebenfalls (2 Jahre inhaftiert, Berufsaussichten: trüb, jedenfalls jenseits vom McDonalds-Drive-In-Schalter), und auch den Rest seiner „Wahrheit“ baut Autor und Regisseur Lurie aus realen Versatzstücken wie der Enttarnung von CIA-Agentin Valerie Plame. Besonders bedrückend aber wird sein Film durch die schillernd dargestellte Rolle der Presse selbst bei der Verteidigung der Pressefreiheit: Whistleblower, Wikileaks-Spione und investigative Journalisten können nämlich bestenfalls 48 Stunden lang mit energischer Verteidigung durch die „Kollegen“ rechnen (siehe oben, 100.000). Danach erlahmt das Interesse von Publikum und Nachrichtenschreiern umgehend, Katzenberger und Kachelmann kehren zurück auf die Titelseiten, und Manning, Assange und ihre zahlreichen fast anonymen Verteidiger der Freiheit verrotten ebenso unbemerkt als gelegentlicher Zweizeiler unter „Vermischtes“ wie Luries fiktive Rachel Armstrong.

Nichts als die Wahrheit. Kein schöner Film, aber ein wichtiger.

Wer gar Zeit für Echtes hat, resp. „your reality check is in the mail“, wendet sich bitte via DVD-Versender direkt an den von mir schon häufiger öffentlich verehrten John Pilger, denn der hat mit seiner letzten Dokumentation The War You Don´t See wieder einmal gezeigt, was Journalismus kann, soll, darf und muss. Ob´s die Doku auf Deutsch gibt, entzieht sich meiner Kenntnis; ich bin aber relativ sicher, dass sie nicht um 20.15 Uhr auf einem öffentlich-rechtlichen Sendeplatz gezeigt werden wird. Wo sie natürlich gezeigt werden müsste, aber das Fass lassen wir jetzt mal hübsch vernagelt und gratulieren den Steuerfinanzierten statt dessen zu jedem Pilawa-Quotenkantersieg gegen die gleichzeitig so zirka genau das Gleiche sendenden Privaten.

Ergänzend, falls irgendwer noch immer nicht genug hat von diesem ganzen Schwarzgemale und Freiheitbedrohtsehen, nur weil die letzten echten Journalisten wahlweise weggesperrt, ausgehungert, umgelegt oder von Monsanto unter freie Brücken geklagt werden, liefert ein Film von Annie Sunderberg und Ricki Stern gerade wegen der typisch amerikanischen Vereinfachungen eine schöne Portion Denkfutter für Nichtdauerbetäubte. Sunderbergs und Sterns The End of America ist kaum mehr als ein abgefilmter Vortrag von Naomi Wolf, deren gleichnamiger Bestseller sich wie ein „How To“-Ratgeber liest (und nun eben auch verkürzt ansehen lässt), in diesem Fall: „Wie man ein freies Land in zehn Schritten zu einem faschistischen umkrempelt“.

Mit welchem Land Wolf ihre Heimat vergleicht, historisch? Na, bitte! Das sind dann die Stellen im Vortrag, an denen nur die Amerikaner im Publikum staunen und einander zuraunen, „Wie, die haben das damals in Deutschland genauso gemacht? Sind wir denn nicht mal mehr in der Hinsicht originell?“

Leider nicht, folks. Und zweischneidig schwach gerät der Trost: Ihr seid nur wesentlich gefährlicher bewaffnet für die nächsten Schritte.

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