„Was möchten Sie denn in Ihrem Leben noch erreichen?“ – „Preußen!“

Mein alter Freund L. kann besser lesen als ich. Nämlich beginnend mit der letzten Seite, was im Fall von Eva Hermanns „Das Medienkartell“ tatsächlich hilft. In ihrem neuen Buch, erschienen im Kopp-Verlag, der letzten Ausfahrt vor bod, fragt die die Ex-Nachrichtenansagerin nämlich abschließend Ex-KSK-Kommandeur Reinhard Günzel: „Was müsste geschehen, damit Deutschland genesen kann? Dessen Antwort lautet, wohl befeuert vom historisch dicht beisammenstehenden „Deutschland“ und „genesen“: „Sofortige Abkehr von der nihilistischen Ideologie unserer sozialistischen Weltverbesserer und Rückkehr zu den klassischen Werten des christlichen Abendlandes, verbunden mit einer Wiederbelebung jener Tugenden, die zwar die Preußen nicht erfunden, aber letztmalig in beeindruckender Weise verwirklicht haben.“ Ausnahmsweise lässt die Autorin hier die Ausrufezeichen weg, aber die Diagnose drängt sich trotzdem auf: Hermann ist offenkundig verletzt, und nicht nur am Stolz, sondern auch dort, wo die Helmpflicht gilt.

Und das ist überaus bedauerlich. Nicht nur für die Versehrte und deren Kasse, sondern erst recht für die Sache. Denn in jener hat Hermann ja durchaus häufiger mal recht oder wenigstens gute Argumente für wichtige Diskussionen auf ihrer Seite. Was allerdings durch die ganze Preußenverherrlichung (sowie siehe unten) komplett verdeckt wird. Dummerweise hört man Hysterikern nämlich ungern zu, schon weil sie immer laut schreien, womit sie gerade einer wichtigen Sache verheerend schaden können. Weshalb Hermann jeder Annäherung an unbequeme Wahrheiten einen Bärendienst erwiesen hat, denn viele der Pre$$titutes, Teestubendumpfbacken und Gummizellenemanzen, die sie berechtigt kritisieren möchte, können sie nun ohne Mühe als anstaltsreif in Schutt und Asche schreiben. Oder könnten. Können sie aber auch lassen, weil die radikalisierte Blondine sich förmlich selbst erledigt hat.

Doof. Denn was Hermann eigentlich oder wenigstens auch konstatieren möchte, in nuce und ganz sachlich, ist: Wir sind lausig informiert, es gibt hierzulande keinen unabhängigen Journalismus mehr, alle „politischen“ Magazine hängen am Werbetropf der Industrie, Der Spiegel ist eine Hochglanzvariante von Elbe Wochenblatt oder Bäckerblume, Relevantes findet in den Medien nicht mehr statt, generell gilt „die Betroffenen bitte nicht mit Fakten stören“, die veröffentlichte Meinung hat wenig mit der öffentlichen Meinung zu tun, denn unsere Repräsentanten sind unfähige Soziopathen, auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar, und konnten sich vor Hartz IV nur durch rechtzeitige Einweisung in einen Landtag oder die Redaktion eines Frauenmagazins retten. Diese Leute sind gefährlich. Die Situation ist´s erst recht. Für uns alle.

Das wäre die Arbeitshypothese. Und verdiente unbedingt eine genauere Betrachtung. Am besten allwöchentlich zur besten Sendzeit im ZDF. Moderiert von Ken Jebsen und Günther Jauch (als Jebsens Assistentin). Hermann dürfte allerdings nicht teilnehmen, weil sie alle paar Sekunden den Faden verliert, WordPress für ein „Nachrichtenportal“ hält und dauernd maßgebliche Kleinigkeiten vergisst (oder diese nicht mal ahnt): fairerweise sollte sie doch wenigstens erwähnen, dass es im „gleichgeschalteten“ Mediensumpf Ausnahmen gibt, sogar im Fernseh, von „Monitor“ bis „Panorama“ … Andererseits könnte Hermann Besserwissern wir mir an dieser Stelle mit Chomsky messerscharf entgegenhalten, die Illusion von Dissens und kritischer Berichterstatttung (im engen Rahmen) sei ja notwendiger Teil der gleichgeschalteten Manipulation und Verarasche, denn nur so verharrten die Klügeren unter den Konsumenten im festen Irrglauben, in einer Demokratie zu leben. Auch wieder richtig. Könnte sie argumentieren. Sofern sie´s wüsste. Weiß sie aber nicht. Sie weiß primär: „Preußen!“

Den schwersten Webfehler aber begeht Hermann (in bester Kopp-Autoren-Gesellschaft), indem sie die Macht des einzelnen Lesers, Hörers, Schauers, Konsumenten sprich: freien Bürgers vergisst bzw. unterschlägt und das „Medienkartell“ mit der organisierten Desinformationsindustrie in DDR, Nordkorea oder anderen totalitären Systemen vergleicht. Dabei lässt Hermann dann einfach die fällige Schelte und Backpfeife für den/die bescheuerte(n) LeserIn oder ZuhörerIn weg, der/die ja sehr wohl – und problemlos – die „Medien“ zwingen könnte, ganz anders zu arbeiten, nämlich indem er/sie, die Konsumenten, einfach Qualität nachfragen – und für diese Leistung bezahlen. Und gleichzeitig z. B. Stern, Spiegel, Focus oder auch gleich noch Wetten, dass? ihr Vertrauen entziehen, qua Boykott resp. Nachfrageverweigerung. Tun sie aber nicht, die Blöden, Bequemen. Und auch die klugen Bequemen nicht, die ebenso wenig wie die ganz Blöden bereit sind, echten Journalismus zu suchen und zu bezahlen.

Kurz: Wer Medienkritik ernsthaft betreiben will, kommt neben faktischer Klarheit in der Argumentation erst recht nicht darum herum, dem Publikum gepfeffert die Leviten zu lesen. Das aber wird nicht mit Honoraren belohnt und  erst recht nicht mit Applaus. Da aber dies offenbar alles ist, woran es Hermann liegt (neben der Herstellung ihres guten Rufs als Preußin) sind wir unterm Strich alle gut beraten, nicht meinem Beispiel zu folgen und Hermanns ganzes Best-of-Kopp-Potpurri zu lesen, sondern nur, wie von Herrn L. vorgelebt, die letzte Seite quer. (Dafür aber bitte zur Strafe mindestens 6 Bücher von Palast und Pilger sowie Scheer, Radermacher und Felber).

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Medien, Politik, Sachbuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.