Bier: ein dauerndes Fest (erst recht mit Jensen)

Susanne Biers letzter Film heißt mit deutschem Titel In einer besseren Welt, wohl weil das das dänische Haevnen, also der Originaltitel, nach Himmel klingt. Und nach Hafen. Wo er ja auch teilweise spielt. Warum also nicht In einer besseren Welt? Tatsächlich aber ist Haevnen was anderes, nämlich ein ungewöhnlicher Plural: die Mehrzahl von Haevne, was schlicht Rache heißt oder Vergeltung. Und darum geht´s, ums Rächen. Um Strafen, Vergeltungen, ums Zurückschlagen oder eben Die-andere-Wange-hinhalten. Weshalb der deutsche Titel in seiner ganzen hübschen Kitschigkeit verflucht irreführend ist (wie auch die Titel für den Rest der Welt außer Schweden, Finnland und Russland, denn nur dort hat man sich entschieden, die Rache als solche als Titel stehen zu lassen.)

Immerhin: Es geht tatsächlich um zwei Welten, zwischen denen Vater Anton pendelt – einem afrikanischen Flüchtlingslager, in dem er als Arzt unter schwierigsten Bedingungen Leben zu retten versucht, und seine andere Welt, die zu Hause, im heilen Dänemark. Dort gibt´s dann auch Marianne, die Ex-Frau, Elias, den Sohn, Christian, den Schulfreund des Sohnes, dessen Mutter gerade an Krebs verstorben ist, und Christians Vater Claus, den Witwer. Und es gibt in beiden Welten gute Gründe, sich zu wehren, zurückzuschlagen, sich selbst und erst recht die Schwachen zu verteidigen. Aber wann ist der Punkt erreicht, an dem man sich wehren muss? Und welche Folgen haben sowohl Rache wie auch das Erdulden von Unrecht – im falschen Moment?

Anders Thomas Jensen, wahrhaftig einer unserer genialsten Drehbuchautoren, wirft mit seinen Stories, seinen Büchern*, regelmäßig und mit leichter Hand die interessantesten Fragen von allen auf, und in Haevnen ist wieder mal einiges in vollendeter dramaturgischer Schönheit zu ertragen. Schon bei den zu Beginn kleineren Grenzübertretungen in „unserer“ Welt verlangt das eigene bloß zuschauende Herz nach allem, was der Film im Originaltitel verspricht: damit dürfen die nicht durchkommen, die Fiesen, die Gemeinen, die Unmenschen, die überall sind und die Guten quälen! Aber natürlich treiben Jensen, seine ebenfalls sagenhafte Regisseurin Susanne Bier und ihr durchweg brillantes Ensemble den mitfühlenden Zuschauer nach allen Regeln der Kunst über alle Schmerzgrenzen hinaus in ein dramatisches Dilemma, und es ist um so verblüffender, dass es ihnen gelingt, uns daraus am Ende gänzlich kitschlos, dafür aber tief berührt und leichter ums Herz zu erlösen.

* Weiterkucken und bewundern. Anders Thomas Jensen: Brüder (R: Bier), Nach der Hochzeit (R: Bier) Adams Äpfel (R: er selbst), Für immer und ewig R: Bier).

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