Pauschalzeitreisen, Last oder First Minute

Zugegeben, ja, ich liebe dieses Sujet, sowieso, dieses Ganze „Was wäre (gewesen), wenn?“, von Wells bis Capra, von Harris bis Fry, von Butterfly Effect bis Frequency bis Family Man bis If only – herrliche Geschichten kann man um diese Konjunktive erzählen – nur kann man´s leider auch halbgar zubereiten, drum: Augen auf beim Pauschalzeitreiseveranstalter.

Angebot 1 = für Sparfüchsinnen ohne Handicap IQ: Die Frau des Zeitreisenden. Ein Film nur für die rechte Gehirnhälfte – wer beide benutzt, hat Probleme mit Story und Film, denn für links ist nichts dabei. Der oder die links Abgeschaltete wird aber vermutlich Freude an der Meta-Botschaft haben, in nuce „Wir geh´n ja nicht verloren, Zeit ist sowieso unbedeutend, und es zählt allein: die Liebe“. So weit, so nett, und auf dem sanften Weg entlang dieser Quintessenz wird Frau auch noch getröstet, frei nach dem Credo: „Freu dich, dass du nicht mit einem Zeitreisenden verheiratet bist – dein Kerl verschwindet wenigstens nur spurlos in Kneipen“.

Für den auch rechts Mitdenkenden ist der Film allerdings eine Tortur, nicht nur, weil sämtliche interessanten Aspekte der Idee „Zeitreise“ komplett vergurkt sind (und, eben, unlogisch) sowie der Plot mehr Löcher hat als ein Nudelsieb, nein, auch weil die „Message“ so groschenromantisch ist und vieles zudem ungewollt creepy. Nix für ungut, poetische Esoterikerinnen und Niffenegger-Fanninnen, aber: da geht eine Sechsjährige allein und weitab von allem im Park picknicken, und aus einem Busch tritt ein nackter Mittvierziger und raunt „Hallo, Du, ich bin ein Zeitreisender“ – und das Kind läuft nicht schreiend weg? Sondern reicht dem Kerl ne Decke und setzt sich mit ihm hin? Argh. Na, mei, wozu noch erziehen? Es gibt doch lehrreiche Chick-Lit und die passenden Filme dazu. Naturgesetze? Linke Gehirnhälfte? Wird doch alles überschätzt …

Angebot 2 = all inclusiveauch inklusive Kakerlaken, Ratestunde am Pool und Eierlikör, also alles, was keiner will, das gibt´s in Stephen Kings Der Anschlag: sagenhafte 1056 Seiten voller Buchstaben um die simple, an sich spannende Logline: Mann findet Zeitmaschine und reist zurück ins Jahr 1963, um die Ermordung Kennedys zu verhindern.

Das hätte ein schöner Thriller werden können. Inklusive Meta-Ebenen 1-3. 480 Seiten. Vielleicht 520. Aber eben nicht 1056. So sind die Seiten zwischen 201 und 801 im Großen und Ganzen überflüssig, und wäre Der Anschlag ein Debütantenroman, hätt´s bestenfalls für bod oder Kindle gereicht. Aber King ist eben King, da redet selbstredend kein Lektor mehr rein und erst recht kein kluger Lehrmeister E. Leonard; so plätschert´s also hunderte Seiten lang öd vor sich hin, wie ein langer, einschläfernder Fluss, alle 50-100 Seiten weckt der Meister seine dösenden Leser mal wieder mit einem billigen Reminder resp. kurzem Paukenklopfer auf (Thema kommt! Gleich! Oder! Irgendwann!), räumt aber ja erfrischend fröhlich auch selbst in Interviews ein, er habe beim Schreiben keinen Plan (mehr), sondern schreibe einfach so vor sich hin. Es sei ihm gegönnt, und wer´s gern mit ausbaden möchte, der lese, anfangs und zum Ende hin mit Freude, dazwischen mit seeehr viel Geduld.

Die Frau des Zeitreisenden (nach einem Roman von Audrey Niffenegger) – Regie: Robert Schwendtke, Buch: Bruce Joel Rubin (2009/10 , für knapp 5 € beim DVD-Discounter).
Der AnschlagStephen King (Heyne 2011, 1056 Seiten, 21.99 €)
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