„We are looking for dreamers.“

Es ist ungeheuer leicht, an Brad Birds „Tomorrowland“ (dt., sonderbar: A World Beyond) herumzunörgeln: zu platt, zu laut, zu naiv, zu amerikanisch, zu unlogisch, zu irgendwas, jedenfalls nicht Arthaus. Genauso leicht wäre es, den Film als das zu nehmen, was er ist: Ein buntes Popcorn-Gedicht um eine große Wahrheit, nämlich die, dass allein unsere Vorstellung von der Zukunft die Zukunft formt. Und so, wie die Dinge liegen, haben wir den Glauben an eine gute Zukunft vollständig verloren, sind also praktisch schon tot.

Das klingt, nicht zufällig, unter unserer „Zukunft“ in „Die ganze Wahrheit über alles“ durchaus ähnlich, und den kleinen finsteren Vortrag des Erzschurken Nix (sic) hätten wir natürlich zitieren können (hätten wir ihn denn schon vor Druckbeginn gekannt). Ein bisschen runder geht´s aber auch, eben so (die Abteilung „Was mit „Zukunft“ gemeint war“ hier überspringend):

Was wir daraus gemacht haben: Eine Worthülse auf unserem Weg zum erweiterten Suizid. Als unser Unwohlsein mit dem ganzen Konzept begann, sind uns ja immerhin noch gelungene Aphorismen gelungen wie Früher war sogar die Zukunft besser (Karl Valentin) oder Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war (Yogi Berra) oder Mangels Nachfrage findet Morgen nicht statt – aber dieses vergleichsweise lustige Mahnen ist lang her, und heute aber scheint es, als wäre unsere Zukunft nicht nur schlechter geworden, sondern förmlich verschwunden, als hätten wir vor lauter Fragen, Aufgaben und Tempo schlicht gar keine Zeit mehr für unsere Zukunft; als sei sie uns „abhanden gekommen unter der Diktatur der Gegenwart“ (Welzer) des permanenten „Jetzt!“ (Eckhart Tolle), anders vermutet, schon in den 1960ern: „Mir will es doch so vorkommen, als ob das, was (…) dem Menschen abhanden gekommen ist, die Fähigkeit ist, ganz einfach das Ganze sich vorzustellen als etwas, das völlig anders sein könnte.“ (Theodor W. Adorno).
Das stimmt natürlich nicht. Vorstellen können wir die Zukunft nämlich durchaus noch, allerdings absolut nicht mehr utopisch, sondern nur noch dystopisch, also schwarz. Licht und bunt schaffen wir nicht mehr, und das, obwohl wir in unserem gemeinsamen Rückspiegel sehen, dass unsere Zukunft immer gestaltbar war, und zwar (meist) zu unserem grandiosen gemeinsamen Vorteil. Das scheint vergessen, denn heute setzen wir  unsere politischen Vertreter nicht umgehend ab und vor die Landesgrenze, wenn sie von „Alternativlosigkeit“ sprechen – also uns das Allerwesentlichste unseres Menschseins absprechen, nämlich sogar die Möglichkeit des Gestaltens unseres zukünftigen Lebens: diesen Glauben an die Gestaltbarkeit unserer Zukunft, den scheint man uns tatsächlich genommen zu haben.
(…)
Utopien? Sind als naiv diskreditiert. Hatten wir doch alles schon. Hat alles nicht funktioniert. Gute Ideen? Hatten wir auch. Haben auch nicht funktioniert. So sagen wir heute, „was in harmloseren Zeiten nur den ausgepichten Spießbürgern vorbehalten war: „Ach, das sind ja Utopien, ach, das ist ja nur im Schlaraffenland möglich, im Grunde soll das auch überhaupt gar nicht sein“ (Adorno, ebd).
Dass wir so ticken und empfinden ist gewünscht und gewollt. Nicht von uns vielen, die wir unter der Gegenwart mehr oder minder leiden, sondern von den wenigen, die gegenwärtig profitieren. So dient die Zukunftsvorstellung nur mehr zum Bangemachen und zum Unterstreichen der für die „Powers to be“ so wichtigen Herdenhaltung: „Wir können ja eh nichts ändern, es geht zu Ende.“ So oder so. Vermutlich blutig und im Kampf Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, Kind gegen Zombie. Und wenn uns überhaupt noch irgendwas helfen kann in dieser nahen Zukunftswelt der uns überschwemmenden Aliens aus dem Weltall oder dem nahen Osten oder gleich der „Walking Dead“, dann doch, wenn überhaupt noch jemand, das US-Militär.
(…)
Die Diagnose fällt aber noch ein bisschen verheerender aus, wenn wir den verbleibenden Kitsch entfernen und konstatieren müssen: Wir haben die Zukunft vergessen und verraten, und die Zukunft, das ist eure Zeit. Die Zukunft, das seid ihr. Das heißt: Obwohl wir alle – Politiker wie Nichtpolitiker – seit Jahrzehnten wissen, dass es so nicht weitergeht und wir unseren Kindern und Enkeln einen Desasterplaneten hinterlassen werden, haben wir nicht gehandelt. Sondern abgewartet. Und uns damit beruhigt, dass ihr uns ja höchstens unterlassene Hilfeleistung vorwerfen könntet, aber keinen Mord. Das allerdings wird nicht wahr, selbst wenn wir es uns hundertmal in unsere Köpfe und Strafgesetzbücher lügen: Auch Nichthandeln ist Handeln, und im Ergebnis besteht kein Unterschied zwischen Mord und unterlassener Hilfeleistung. Letztere hat nur einen besseren Ruf.
Das Schlimme ist: Wir spüren das. Wir wissen das. Wir haben es verbockt, gründlich. Haben nicht richtig hingeguckt, viel vergessen, waren bequem und gedankenlos und haben nichthandelnd zugelassen, dass eure Zukunftsaussichten immer schlechter werden. Heute aber, im Jetzt, können wir das nicht mehr ignorieren. Heute wissen wir und gestehen uns sogar ein, dass es euch, unseren Kindern, eben nicht „einmal besser gehen wird“ als uns. Das glauben nur noch 13% von uns, und Harald Welzer fragt zurecht: „Wo nehmen die restlichen 87% die entspannte Haltung her, dagegen nichts zu tun?“
Aber diese Haltung ist keine. Und schon gar nicht entspannt. Sondern eine schwere, zukunftslose Depression. Wir wissen doch, dass es kein Argument gibt, nichts zu tun. Dass es schon seit Jahrzehnten kein Argument mehr für unser Nichtstun gab. Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie peinlich uns das ist. Wie sehr wir uns schämen. Denn alles, was wir verschoben haben, wird euch auf die Füße fallen. Und jetzt haben wir auch noch den Glauben verloren, dass wir es überhaupt noch ändern könnten.
Unser „Mind Set“? Gleicht dem eines frisch gefeuerten US-Familienvaters, der verzweifelt weiß, dass er seine Familie nicht mehr wird ernähren können. Der weiß, dass seine Frau ihn verlassen wird. Der weiß, dass seine Kinder nicht werden studieren können. Dass ihn alle hassen werden, für immer. Der weiß, dass man höchstens noch auf sein Grab spucken wird, und der verzweifelt nach Hause fährt, die Waffe im Handschuhfach, und konsequent in seiner schweren schwarzen Störung tut, was so ein Mann eben tun muss: Ehe der so was zulässt, nimmt er die ganze Familie doch lieber mit.
Der Fachmann nennt das „erweiterten Suizid“, und solltet ihr das Bild allzu drastisch finden, müsstet ihr euch die Frage beantworten, uns betreffend: Wieso haben diese Leute nicht gehandelt?

Also. Bitte. Das gehört er doch eher in ein kühnes, wahlweise naives Buch wie unseres als in einen Popcorn-Film, denn man kann den Leuten (unserer Generation) doch nicht ernsthaft im Kino sagen, dass sie sterben wollen. Andererseits … wenn ich drüben bei meinem Co-Autor in den tatsächlich sehr respektvollen Kommentaren lese „Ich bin ein Träumer, klar, zumal ich den Menschen an sich für hoffnungslos verblödet halte, und mich am leichtesten damit tröste, dass ich nicht mehr so sehr lange zu leben habe“, scheint sowohl unsere Analyse als auch das pathetische „Tomorrowland“-Ende einen Taschenlampenstrahl in die richtige Richtung zu werfen. Einen naiven, meinetwegen: „We are looking for dreamers.“

Weshalb im unweigerlichen dritten Schritt unserer thematischen Dreisätze unter Zukunft auch, aber nicht nur steht, unter dem „Ihr“, das ausdrücklich nicht unsere traumlose Generation meint:

Was ihr daraus machen werdet: Ihr werdet die Zukunft restaurieren, in eurem Jetzt: als positive Vision; die Zukunft für euch zurückerobern und sie wieder gestalten, statt sie nur geschehen zu lassen. Ihr werdet euch erinnern, wie „Zukunft“ vor uns gemeint war, dass das vorausschauende Handeln uns Menschen von Amöben unterscheidet. (Und ihr werdet allenfalls am Philosophenstammtisch diskutieren, ob denn die „Gestaltbarkeit“ des Morgen tatsächlich ist oder tatsächlich bloß eine Illusion und – falls – eine nur nützliche oder eine notwendige).
Dabei werdet ihr – durchaus mitentscheidend – wissen, dass ihr uns nichts schuldet. Ob ihr uns vergebt? Almosen verteilt? Oder uns alle in den Fluss werft? Ihr könnt sicher sein, dass wir gespannt sind auf eure Antwort. In den Fluss werfen wäre gerecht, Almosen wären nett. Aber verdient haben wir die nicht. Und sollte einer von uns euch eine solche Pflicht einreden wollen, bleibt ihr sehr entspannt, mit freiem Hinweis auf die wahren Revolutionäre: „Probleme oder Schulden sind nicht übertragbar von einer Generation auf die nächste“ (Thomas Jefferson).
Ihr werdet die Ungerechtigkeit beenden, denn nur sie steht eurem Frieden im Paradies im Weg. Ihr werdet umverteilen. 0,001-10% von euch wird das nicht gefallen, insbesondere den 80 Menschen nicht, denen derzeit der halbe Reichtum des Planeten gehört (-> Verteilung). Vermutlich werden die kämpfen wollen, aber vergesst nicht: Ihr seid denen zahlenmäßig nicht nur ein bisschen überlegen, und so werdet ihr siegen, fast ohne Blutvergießen, Teddy Roosevelt im Sinn: „Zu fürchten habt ihr nichts außer der Furcht selbst.“
Ihr werdet wissen: Es ist besser, Fehler zu machen als gar nichts. Besser, beim Versuch zu scheitern als beim Aussitzen. „Trotzdem!“ ist das neue „Alternativlos“.
Ihr werdet drei, vier Fragen immer im Kopf haben, als Leitsterne: Ihr werdet wissen wollen: „Wozu mache ich das eigentlich (das, was ich gerade mache), in jedem Moment?“, „Was will ich, was wollen wir sein?“; „Was will ich, über das Jetzt hinaus, gewesen sein?“
Und zuletzt, am Anfang von allem: „Was wollen wir wollen?“
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