Schlauer doof

Wir Nachdenklichen und ggf. etwas reicher mit Verstand Beschenkten fragen uns ja gelegentlich, wieso die Doofen eigentlich nicht mitmachen – weder im Supermarkt noch beim medialen Konsum. Schließlich geht es ja auch und gerade um deren Existenz, von Klima bis Totalüberwachung, von AI bis Feldzug gegen Russland. Rainer Mausfeld hat dieses Schweigen der Lämmer in seinem gleichnamigen Buch schön erklärt, die Leute sind halt … betäubt, manipuliert, wohnhaft in ihren Smartphones, leben nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ etc. pp., nur scheint mir bei all dem doch ein wesentlicher Gedanke zu fehlen.

Vordergründig könnte man ja davon ausgehen, dass „die Leute“ halt wissen oder denken: Es hat ja eh keinen Sinn, der Einzelne kann nichts ändern. Dazu möchte man dann gern dem Einzelnen sagen, „Hey, wenn WIR alle das wollen, dann ändert sich alles, also wirf hier mal nicht so schnell die Flinte ins Korn.“

Flinte ist aber das richtige Symbol. Denn man stelle sich nur vor, wir alle wollten tatsächlich etwas ändern. Wir würden plötzlich begreifen, dass wir im Paradies leben, dass wir uns eine neue Geschichte von uns selbst erzählen können. Dass wir alles haben können (kein Scherz): Bedingungslose Grundeinkommen, Krankenhäuser gratis, Strom gratis (die Industrie verbraucht 70%, den Menschenbedarf erzeugen wir bereits nachhaltig), usw. usf. (hierzu sei Rutger Bregmans feines Buch empfohlen „Utopia for Realists.“

Wir würden dann also erklären: Wir sind jetzt friedfertig. Wir schränken uns ein bisschen ein (gar nicht so sehr), lassen unsere Maschinen die Arbeit machen (und besteuern nicht mehr Arbeit, sondern Produktivität, erheben Transaktionssteuern, steigen aus der NATO aus, machen unsere Kohlekraftwerke dicht, filmen und den ganzen Tag gegenseitig und stellen die Filme bei youtube ein, verstaatlichen ein paar Dinge und entlassen trotzdem die Hälfte unserer Bullshit-Jobber in den Ämtern, schaffen Zwänge ab und gestatten uns echte Freiheit …

Das Problem ist doch, dass dieses Utopia kein unerreichbarer Unsinn ist. Das Problem ist, dass es herstellbar wäre. Wallerstein hat prägnant beschrieben, was wir auf dem Weg in dieses absolut erreichbare Paradies tun müss(t)en. Aber selbst wenn es „uns“ gelänge, die 20% Klugen im gemeinsamen Interesse einzuspannen, würde doch unser derzeitiges Rom nicht sagen „Super, macht, endlich mal hat jemand eine gute Idee“, kürzer gesagt, weil ich hier ganz Wallersteins Meinung bin: Es würde eine Menge Opfer geben. Nicht Opfer im Sinne von „ok, ich ess jetzt vegan und spende mehr Geld“, sondern Opfer im tatsächlichen Sinn. Wir würden zu Hunderttausenden hingerichtet werden.

Kann man machen. Sicher finden wir sogar welche, die sich zuerst erschießen lassen für die Zukunft unserer Kinder (meine Bewerbung ist ja längst abgegeben), aber … finden wir wirklich genug? Nicht „genug“ kluge Pensionäre mit Professorentiteln, die in alternativmedialen Talkshows klug reden, sondern Leute, die den Kopf tatsächlich hinhalten?

Nie im Leben.

Deshalb sind die Dummen klug. Was „wir“ ihnen versprechen, ist ein schrecklicher, tödlicher Kampf für eine bessere Welt (in der sie allerdings keine Bullshitjobs mehr haben und auch nicht dauernd neue Autos oder dauernd All-Inclusive-Urlaub). Was „wir“ da im Angebot haben, ist mithin … so vollständig unattraktiv, dass jeder halbwegs rational denkende Normalbegabte nur sagen kann, „Ok, ich guck mal lieber weiter Tagesschau, kauf mir ein paar Amazon-Aktien und buche noch mal einen schönen Urlaub.“

Will sagen: Ich finde es ein bisschen fies, wenn „wir“ diese Leute dissen, diese 80%, die nicht aus dem Quark kommen, die nicht mal ins Denken zu kommen scheinen, geschweige denn ins Handeln. Auch wenn es uns schwer oder unmöglich fällt, das einzusehen: Dahinter steckt nicht Blödheit, sondern Vernunft.

Was uns fehlt? Nicht viel. Alles. Nämlich eine Story, die jedermannfrau ins Herz spricht und vermittelt, wofür es sich zu leben und vor allem wofür es sich zu sterben lohnt. Solche Stories hatten wir früher, in verschiedenen Formen: Die Religionen boten diesen über das eigene Leben hinausweisenden sterbenswerten Rahmen mit ihren Konzepten von Himmel und Hölle, aber auch Nationalismus, Kommunismus, Faschismus, waren diesbezüglich klar, in ihrer ganzen dementen Schlichtheit: Es braucht Ideale, für die man zu leben und notfalls zu sterben bereit ist. Diese Ideale waren immer Konstruktionen, erdacht, um die Zukunft tragfähig zu machen – mal besser (Bergpredigt), mal wesentlich schlechter (God´s Own Country).

Derzeit haben wir so was leider nicht, Ideale sind aus, Gebote hat´s, tolerant und pc, nur mehr zwei: Kaufe. Und produziere (dich). Zukunft lässt sich daraus nicht gestalten, und so ist der Dumme vielleicht doch der Ehrlichere: So, wie die Dinge liegen, trinkt man doch am besten noch alles aus, was auf dem Tresen herumsteht.

Ich bleibe diesbezüglich auch nur deshalb ein Idiot, weil aus der oben zusammengefassten „vernünftigen“ Haltung allerhand Unschönes für meine Kinder resultiert. Wegen diverser sehr altmodischer Vorstellungen bleibt mir also gar nichts anderes übrig, als den Stein weiter da hochzurollen, im Wissen, dass er direkt wieder ins Tal rollt. Aber Camus hatte schon recht: Wir dürfen … nee, müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen denken.

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Go ahead, Business Punk, make my day

Gut, dass es Business Punk 1994 noch nicht gab, sonst hätte Cobain sich vermutlich deswegen erschossen. (Insider sortieren noch mal eben in „Wal im Netz“ (1997) die Buchstaben des Bandleaders von XXL Asylum um). Jedenfalls ist das supercool. Oder Huxley. Business Punk. Mwuahaha. Muss man bringen. Und dann hoffen, dass da draußen wenigstens 20.000 Leute rumlaufen, die das witzig finden, weil „hey, klar, work hard, play hard – Alda, wenn dat nicht punk ist, wat denn dann? Sid Vicious hat auch hard geplayt und geworkt, um ordentlich Kohle zu machen, das weiß ja wohl jeder. Und ich bin voll der Punk, weil, mein Anzug is von H&M, und auf meinen Socken steht vorn „R/L“, und ich trag die absichtlich falsch rum! Im Schuh! Anarchy in the UK Size 9!“

Gedruckt werden vom Business Punk meines Wissens 35.000 Stück – läuft also mit der Kundschaft aus der Lobotomie-Abteilung. Aber wieso erwähne ich das überhaupt? Ach so, weil: Ich das gekauft habe. Am Flughafen. Ausgabe 6/2018. Weil ich Erzähler bin und in Storys sehr grundsätzlich eine Waffe sehe, zum Guten wie zum Schlechten einsetzbar. Und weil laut Punky-Business-Inhaltsverzeichnis ein Storytellingprofi Auskunft gibt, nämlich Markus Gull. Der (Interview-)Text ist überschrieben mit „Wer lügt, kommt in die Hölle“ (augenzwinker, cool, kaugummikau, ironisch, nä?), Gull nennt sich „Story Dude“ und berät „Unternehmen rund um die Themen Brand- und Entertainment-Stories“. Seine vorgetragene Überzeugung lässt sich tatsächlich kurz zusammenfassen: Authentizität ist King. Ganz gleich, was wir verkaufen wollen, der Weg zum Börsenerfolg führt durch die Herzen. Einen persönlichen Wert vermitteln. Um diesen Wert herum eine Story entwickeln. Und immer ehrlich sein. Geht sonst schief.

Vermutlich glaubt Gull sich das selbst. Lügen darf man nicht. Das merken die Leute ja. Und dann kaufen sie einem nichts ab. Keine Dieselautos. Keine Smartphones. Keine Politik. Keinen Afghanistan-Einmarsch. So sieht´s aus. In der Welt von Business Punk.

Der Punk ist (hier hat der Korrektor gepennt): Tatsächlich funktioniert die ganze Welt inklusive Wahrnehmung über Stories – solche, die man uns erzählt und jene eine, die wir uns über uns selbst erzählen. Gull hat also in so fern recht, als wir (Hedonisten, Egoisten, alle „entitled“) spüren, wenn jemand lügt und uns hinter seinem Claim oder seinen bunten Einladungen gar keinen weiteren glasklaren Alles-Meins-Lustgewinn verspricht, sondern irgendwas Differenzierteres. Sprich: ob eine kleine Story („Just do ist“, „Geiz ist geil“, „Weil ich es mir wert bin“) uns berührt oder nicht, hängt von unserer großen Story ab, jener, die uns grundsätzlich und wesentlich ist – unserem Bild von uns selbst und unserer ausgesprochenen oder unausgesprochenen Vorstellung davon, wozu wir hier sind, was „man“ tun oder lieber lässt, und welchen Sinn das Ganze wieso hat.

Der Business Punk verschweigt das natürlich, und man kann es ihm nicht vorwerfen. Er will ja nur verkaufen, nicht Erkenntnis befördern oder die Welt verbessern oder seinem ewigen Spießer-Publikum beim Pogotanzen mit dem Arsch ins Gesicht springen, wahlweise sehr, sehr laut Gitarre spielen und mit variablen Lyrics mitteilen: „Hört doch einfach mal auf, 24/7 komplett stumpf und link zu sein, das wäre doch mal ein Anfang.“

Ich glaube, Kurt hätten die beim Business Punk nicht mal als Fahrradkurier eingestellt. (Und Sid Vicious nur vielleicht, aber garantiert nicht vor dem 3. Februar 1979).

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Spaßbremsen für Fortgeschrittene

Wenn einem so viele Autos entgegenkommen, sind das natürlich alles Geisterfahrer … aber gelegentlich beschleicht mich ja nun doch der Verdacht, dass die Dinge anders liegen bzw. ausgerichtet sind, nämlich meine Schnauze ordnungswidrig in den korrekt fahrenden Mainstream. Ich arbeite daher gerade an einem Wendemanöver, denn …

1) Wollte die Hamburger MoPo dringend meinen Standpunkt zum Krankensystem haben, bat mich, meinen Blogeintrag dazu auf geeignete Weise zu kürzen, war dann aber (nach meiner Kürzung) der Meinung, nee, das sei ja … polemisch. Und auch gar kein Standpunkt. Jedenfalls nicht der gewünschte, also der der Redakteurin, die in nuce auf dem eigenen Standpunkt steht, es gebe eben nicht zu viele Ärzte, sondern zu wenige.

Unsere Standpunkte sind also als Freunde auseinandergegangen, meiner bleibt ungedruckt. Ulrich Montgomery übernimmt garantiert gern.

2) Saß ich letzte Woche in einer Gesprächsrunde zum Thema „Wie krank ist unser Gesundheitssystem“. Schon im Vorgespräch war allerdings klar, dass meine Position wenig brauchbar ist, denn ich bin ja der Ansicht, dass unser Gesundheitssystem nicht krank ist, sondern tot. Hingegen ist das Krankensystem, das an die Stelle des Gesundheitssystems getreten ist, kerngesund. Hierzu muss man dann allerdings satte 2-5 Minuten lang vertiefen, dass das Krankensystem keine Insel ist, sondern Teil des Wachstumssystems, dessen Erfolg wir mittels BIP messen – also jener Zahl, vor der sogar ihr Erfinder, Nobelpreisträger Simon Kusnets, von Anfang an warnte – und vor ein paar Jahren noch mal sehr deutlich. Er ist in guter Gesellschaft.

Nach meiner Erfahrung lässt sich das Drama sehr hell und schnell vermitteln, und es versteht auch jeder, worin das Problem tatsächlich besteht. Auf dieser Grundlage lässt sich dann prima verhandeln, ob man das Krankensystem in sich ändern kann, ob man das Gesamtsystem ändern müsste, ob das überhaupt geht, und – wenn nicht – wie man die eigene Gesundheit in Zukunft noch schützen kann. Auch hier: wenn überhaupt – siehe Digitale Patientenakte, CancerSeek und AbilifyMyCite.

Aber all das scheint … weitgehend uninteressant zu sein. Jedenfalls für Menschen, die im Krankensystem tätig sind oder „komplementäre“ Heilungen anbieten oder die für ein größeres Publikum arbeiten und senden und dabei wissen: Das wollen die Leute nicht hören, die Leute = das Publikum. Da fühlt sich der Zuschauer angegriffen, wenn man den förmlichen Ball zu ihm zurückspielt und ihn in die Selbstverantwortung nimmt.

Möglich.

Andererseits … waren dann nach der Veranstaltung doch diverse Menschen aus dem Publikum bei mir und fragten sich (und mich), wieso denn all meine Versuche, übers angekündigte Thema zu reden, so schnell erstickt worden waren. Ich will mal optimistisch annehmen, dass das nur an der Besetzung der Runde lag, denn fraglos konnten die alle besser als ich Hoffnungen wecken, dass man mit etwas gutem Willen so gut wie jede Krankheit wieder loswird.

Natürlich hört man das gern.

3) Bin ich eine echte Mehrfachspaßbremse. Aber eine höfliche. Ich habe mir daher in der Runde alle Bemerkungen verkniffen, die darauf hätten hindeuten können, dass es auch so was wie Schicksal gibt – und dass wir eben nicht auf alles Einfluss haben. Mir erscheint das wichtig, und ich finde es auch nicht als Spoiler, wenn man sich die Möglichkeit des Scheiterns eingesteht. Aber auch das will offenbar keiner wissen. Weil man dann … direkt die Hoffnung verliert?

Aus meiner Erfahrung mit den vielen, die sich an mich wenden, ist das Gegenteil der Fall. Sich einzugestehen, dass man Krankheit nun mal offensteht und dass es auch so was wie echte äußere Einflüsse und Schicksal gibt, deprimiert „meine“ Ratsuchenden nicht, sondern befreit sie von Schuldgefühlen. Unser Bemühen, wieder heil zu werden und dafür alles zu tun, unseren Körpern und Seelen zu helfen, ist nicht kleiner als vor der Erkenntnis „Es könnte aber auch schiefgehen“, sondern mindestens genauso groß wie vorher. Daraus ergibt sich aber eine Zusatzerkenntnis, die mir essentiell erscheint: Wir sind jederzeit sterblich. Und es ist nicht deprimierend oder schlimm, sich das einzugestehen, es ist hilfreich. Denn es verändert unseren Blick auf alles, jeden einzelnen Tag und auf das Leben an sich.

Offenbar ist das keine Ansicht, die man einem größeren Publikum zumuten sollte.

In der Runde saßen neben mir Dr. Rüdiger Dahlke und Lothar Hirneise. Lothar Hirneise hat ein faszinierendes Buch über Krebs geschrieben, ich habe viel gelernt und kann zu vielen seiner grundsätzlichen Erwägungen nur nicken. Ich bin aber nicht seiner Ansicht, dass jeder Krebs grundsätzlich heilbar ist. Schon gar nicht, wenn man bereits über 80 ist. Siehe oben, Spoiler und Spaßbremse: Meines Wissens müssen wir irgendwann an irgendwas sterben. Aber es scheint vielen Leuten besser zu gehen, wenn sie das schlicht ignorieren.

Rüdiger Dahlke hat 65 Bücher geschrieben. Ich bin ganz seiner Ansicht, dass die sogenannte Seele eine große Rolle spielen kann bei der Entstehung von Krankheit und bei dem Rückweg zur Genesung. Überdies bin ich wie er der Ansicht, dass unser Aufenthalt hier eine Reise darstellt und wir die Gelegenheit nutzen sollten, Erkenntnisse zu gewinnen über uns selbst und unsere Rolle im ewigen Samsara.

Nur … in „Krankheit als Sprache der Seele“ schreibt Dahlke (unter vielem anderen): „Ein gebrochener Arm symbolisiert ein gebrochenes Verhältnis zur Welt.“ Ich glaube, manchmal symbolisiert ein gebrochener Arm ein gebrochenes Verhältnis zum Fahrrad oder zum gegnerischen Vorstopper. Will sagen: Wer das Grobstoffliche komplett ausblendet und alle Antworten in der „Seele“ sucht, übersieht vermutlich in vielen Fällen etwas ganz Wesentliches. Zum Beispiel den rostigen Nagel im eigenen Fuß.

Im übrigen, um noch fester auf die Spaßbremse zu treten: Wer die „Misserfolge“ all jener ausblendet, die sich eifrigst bemühen und doch nicht so ganz wieder heil werden oder gar krank bleiben oder sterben, insinuiert unbewusst oder ungewollt, „dann hast du dich eben nicht gut genug bemüht“. Ich finde das desaströs, insbesondere im herrschenden Zeitgeist, in dem ja dank reichlich neoliberalem Rückenwind das eh schon fragwürdige „Jeder ist seines Glückes Schmied“ geworden ist zu „Jeder ist seines Unglückes Schmied“.

So bleibe ich als, den Fuß fest auf dem Pedal in der Mitte, gespannt auf die Ausstrahlung der Gesprächsrunde, irgendwann tbd. Soweit ich mich entsinne, hätte im Publikum beinahe jemand geklatscht, als ich sagte „Schuld liegt in der Vergangenheit, Verantwortung in der Zukunft“, aber bevor ich das vertiefen konnte, waren mW schon wieder alle mit dem Senden von was anderem beschäftigt.

(Ich frage mich trotzdem (bockig) weiterhin, ob es nicht doch ein „Publikum“ gibt für die IMHO realistischere und entspannende Wirklichkeitssicht, frei nach Camus: Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.)

(Hat das iPhone eigentlich eine Kamerafunktion? Muss ich mal prüfen, ToDo-Liste irgendwo weit unter „Pilotbuch schreiben“, „Zucchini säen“ und „Steuererklärung“.)

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Wie, Gadolinum ist gar nicht so gesund?

Ach, noch so ein putziges Puzzleteil – deshalb war ich zwischen 2005 und 2008 nach den ärztlichen Behandlungen viel kranker als vorher? Ich dachte, das lag nur am ggf. kontraindizierten Cortison, aber so ist mein damaliges Zusammenklappen ja noch viel schöner erklärt, jetzt versteh ich sogar meine Nieren und die 40 Grad Fieber, das ergab doch damals ü-ber-haupt keinen Sinn. 

Cool. Ich lerne doch so gern dazu (1). (MS-bedingte neuropathische Schmerzen my ass.)

Wer die NCBI für eine Horde Verschwörungstheoretiker hält, muss die Studienlinks natürlich gar nicht studieren. Da reicht ja dann auch die Lektüre der leicht mimosigen Erklärung der Hersteller, weil auch das BFArM leise nörgelt und diese doofen roten Briefe (2) erzwingt. Spielverderber. Echte Spaßbremsen, diese Typen vom Amt.

(1) www.gadolinium-vergiftung.de/mrt-kontrastmittel-wissenschaftliche-studien-zu-gadolinium/

(2) www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2018/rhb-gadolinium.html


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Tax Evasion im Space Taxi

Galloways The Four hatte ich mW bereits vor einiger Zeit zur Lektüre empfohlen, aber wer bisher noch nie „so in echt“ darüber nachgedacht hat, was ihn da eigentlich so alles umgibt an charmanten Spionen und Diensten (und wie gefährlich die sind), dem sei als Einstieg ins Thema grundsätzlich Johannes Bröckers’ Schnauze, Alexa!empfohlen.

Das kleine Buch dringt bewusst nicht sonderlich tief oder weit ins existenzgefährdende Thema KI ein (dass die Algorithmen für uns gefährlicher sind als all unsere Nuklearwaffen, hat ja nicht nur Elon Musk richtig erkannt), sondern dient als erster Denkanstoß für Otto Normalhöhlenbewohner (Vermieter: Platon), also für Leute, die noch nie über Amazon nachgedacht haben, sondern da nur gern einkaufen, weil es bequem ist. Alle anderen wissen längst, was Bröckers hier in gebotener Kürze darreicht, und nützen wird es eh nichts, denn Amazon ist längst größer als jeder Gesetzgeber. Aber vielleicht bewahrt Bröckers´ Denkanstoß ja doch den einen oder anderen zumindest noch eine Weile vor der Stasi 2.0, vor Alexa und ihren IoT-Konsorten (vertrauen Sie bloß nicht Ihrem Saugroboter, der funkt ihren Wohnungsgrundriss direkt an den deutschen Maklerbund). Und, bitte, immer einen im Sinn: Was Sie heute in Ihren eigenen resp. gemieteten vier Wänden sagen, entscheidet in fünf Jahren darüber, ob sie eine Krankenversicherung abschließen oder sich ein Auto auf Pump kaufen dürfen. (Bei Ihren Bestellungen passen Sie bitte auch ein bisschen auf, sowohl bei den subversiven Büchern als auch beim Shades-of-Grey-Zubehör. Als ich Amazon kürzlich aufforderte, meine Bestellhistorie seit 2003 gefälligst mal zu löschen, erhielt ich die Antwort, das sei aus Datenschutzgründen nicht zulässig, der Gesetzgeber erlaube das nicht. Das ist dreist. Aber wer möchte jetzt vorangehen und dagegen klagen? Am Ende müsst ich da noch meine neunschwänzige Katze in den Zeugenstand setzen, und das Tier reagiert auf so was total empfindlich.) 

(Btw: Dass „Schnauze, Alexa!“ auch über Amazon verkauft wird, ist nicht zu monieren. Das ist eh unvermeidlich, der Markt hat weder Herz noch Hirn und verkauft alles – am Ende sogar seine eigene Mutter oder sich selbst, worin vermutlich unsere verbleibende Hoffnung liegt. Wenn revolutionäre Verschwörungswahrheiten einen vernünftige Marge abzuwerfen versprechen, sendet ja sogar Fox TV die Wahrheit über 9/11 – siehe die immer noch verblüffende Season 2 der Erfolgsserie „24“.

P.S.: Ergänzend sei an dieser Stelle empfohlen die Lektüre von Paul Buchheits frischem Alternet.org-Beitrag How a failing capitalist system is allowing Amazon to cripple AmericaDie kurze und Betrachtung von Amazons anarchokapitalistischer Kreativität in Sachen Steuerpflichtentziehung ist und bleibt spannend, eben weil Amazon inzwischen zu groß für Staaten und Gesetzgeber ist.

Hoffen wir also, dass Jeff auch weiterhin mehr Interesse an entspannten Selfies hat als an einem offiziellen Amt im ovalen Büro. Andererseits: Der Mann ist ja nicht blöd, im Gegenteil, und gibt ganz offen zu Protokoll, wohin die Reise geht. Seine -und unsere (letzeres steht zwischen den Zeilen): “The only way that I can see to deploy this much financial resource is by converting my Amazon winnings into space travel…I am going to use my financial lottery winnings from Amazon to fund that.“

Eben. Denn dieses sinkende Schiff verlässt man ja tatsächlich nur noch im Space Taxi, und wer was Anständiges gelernt hat (Tischler werden immer gesucht), der darf ja vielleicht sogar mit. Die 80% von uns, die demnächst nicht mehr gebraucht werden, hören also doch besser jetzt die Signale und entscheiden sich dann wahlweise für a) runter vom Sofa, Welt ändern, b) Schießen lernen, oder c) Millionenkredit aufnehmen und Amazonaktien kaufen.

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Digital first, Bedenken second

„(Spitzers) Begriff der „digitalen Demenz“ erscheint mir jedoch verfehlt, ja sogar für untertrieben (…), weil die Schäden, die digitale Medien im Gehirn von Kindern und Jugendlichen anrichten, viel schwerwiegender sind als eine Demenz. Zynisch gesagt: Mit Dementen kann die Gesellschaft noch irgendwie klarkommen. Dagegen entspricht der übermäßige Gebrauch von Medien einer für unser Gemeinwesen hochgefährlichen Virtualisierung. Heutzutage sind 90 Prozent der Jugendlichen täglich über sechs Stunden mit dem Smartphone zugange. Wenn bald nur noch Psychopathen rumlaufen, führt das zur Abschaffung der Demokratie.“

(Neurobiologin Dr. Teuchert-Noodt im Gespräch mit Ralf Wurzbacher, komplett auf den Nachdenkseiten. Zur Lektüre (oder zum Ansehen) empfohlen). Und Neil Postman kramen wir hernach auch noch mal aus dem Regal und verneigen uns, schaudernd. Schon verblüffend, die offenbar vollkommene Bildungsferne des gemeinen Bildungspolitikers. Aber das sind Leute in meinem Alter, und die konnten ja tatsächlich schon damals weder lesen, schreiben noch denken. Dass Sie diesen Defekt mit Verve weitergeben, verwundert nicht.)

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Schuld ist Schnee von gestern, heute gibt’s nur Verantwortung

Ungeheuer putzig iSv doof finde ich ja die Lieschen-Müller-Dialektik derer, die mich in Foren dissen, weil ich Dinge wie das Übernehmen von „Eigenverantwortung“ anrege – denn darauf lässt sich ja hervorragend schnauzen: „Willst du damit sagen, dass ich selbst SCHULD bin an meiner Krankheit!? So ne SAUEREI! Schwarze Psychosomatik! Hört nicht auf diesen TEUFELSGURU!“ 

Jaja. Neenee. Schuld ist sowieso keiner. Schon gar nicht an seiner besonderen Erkrankung, seiner Augenfarbe, seiner Körpergröße oder seinem Geburtsort. Gut, sollte wer im Selbstgespräch denken, „Hm, vielleicht hätte ich doch weniger als 3 Flaschen Chianti pro Abend austrinken sollen“, kann und sollte er/sie das ja gepflegt mit sich selbst ausmachen, dazu braucht man doch keinen Arzt oder Apotheker oder Rüdiger Dahlke. Aber selbst wenn man sich selbst eine klitzekleine Beteiligung am Entstehen der eigenen Fettleber attestiert, nützt einem ja der Rückblick wenig, denn unsere Zeitmaschinen stehen ja alle in irgendwelchen Garagen im Jahr 2052, so kommen wir also nicht weiter. Jedenfalls nicht zurück.

Der Pöbler von oben wirft allerdings Verantwortung und Schuld in einen Topf. Mag sein, dass das der generellen Lust am Vereinfachen geschuldet ist (Eins oder Null, Daumen hoch oder runter, Schwarz oder Weiß, Bett oder Ofen*), nur: Wer so was macht, lenkt von sich selbst ab und schlussfolgert buttermesserscharf: Da ich ja wohl nicht schuld /verantwortlich bin für das Zurückliegende, bin ich auch nicht schuld/verantwortlich für das Kommende.

Das ist, im Leben wie im Kranksein, ein gefährlicher, deprimierender, feiger Irrtum. Dass ich geraucht habe und so das Entstehen meiner Erkrankung möglicherweise begünstigt habe (oder auch nicht), ist meine Schuld (oder auch nicht). Dass ich weiterhin rauche, ist verantwortungslos: mir selbst gegenüber.

Dass hierzulande alles so gewaltig schiefgelaufen ist, dass unsere Kinder völlig zurecht Freitags auf die Barrikaden gehen, ist meine Schuld (oder auch nicht). Dass ich nicht reagiere und die Weichen so stelle, dass die Demonstrierenden eine Überlebenschance haben, ist verantwortungslos (heute): anderen gegenüber. Und dass man mich dafür zur Verantwortung ziehen wird, geschieht zurecht (morgen).

Will sagen, Discount-Dialektik-Pöbler von oben: Das geht ganz gewaltig schief, nicht nur im egozentrischen Kranksein. Aber mach nur so weiter, dein beruflicher Babyboomer-Feierabend in zehn Jahren fällt ja nur zufällig mit dem Tag zusammen, an dem die Folgen der Erwärmung unumkehrbar eintreten, und gleichzeitig möchtest du Kinderloser von meinen Kindern zirka 32% ihres Einkommens als Monatsbeitrag für deine Altersrente.

Das wird garantiert ne witzige Diskussion. Sag dann aber nicht, das wär ja wohl alles nicht deine Schuld gewesen. Glaub mir, auf dem Ohr sind meine Kinder taub (das ist keine klinische Diagnose, sondern bloß die angemessene Reaktion auf unseren kollektiven Haltungsschaden.)

* Na, wer schreibt in den Kommentar, „Das ist ein Zitat aus dem Film „…“?)

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