Pastoraler Egoismus

Selbstredend verstehe ich, dass die Demeter-Bauern hier jede Nacht spritzen. Das geht ja gar nicht anders. Denn wer nicht Demeter, sondern tatsächlich natürliche, unbehandelte Früchte und Gemüse essen will, müsste ja das Dreifache des Eigenbedarfs anbauen, schließlich gehen 2/3 der Produktion an die Mafia, bestehend aus einer Allianz von Nacktschnecken, Mäusen, Kohlweißlingen und zahlreichen kleineren Mitessern.

Meine Produktionsweise ist also fraglos komplett unökonomisch. Einen Korb meiner komplett unbehandelten Erdbeeren könnte ich vermutlich für nur 25 Euro „im Markt“ anbieten, aber glücklicherweise produziere ich ja nur für Gewinne in Höhe von Demut und Dankbarkeit, vulgo: „Himmel, ist das mühsam, auch nur die kleinsten Kostbarkeiten der Natur abzugewinnen.“

Der Rest ist übrigens, jedenfalls für meinen Geschmack (sic) Dienst am Ganzen und wäre sicher auch den meisten Bio-Gärtnern suspekt. Vordergründig ist es nämlich kompletter Schwachsinn, mitten in der größten Obst-Monokultur Europas einen Hektar Land zu mieten und den nicht zu bewirtschaften. Zentnerweise Kirschen nicht zu ernten, sondern in den Himmel wachsen zu lassen (wo nur Vögel etwas davon haben) …

(Nein, das Schwarze sind keine Schatten, sondern Knubber.)

Vordergründig ist es auch überaus lästig, dass unser Dachboden auf der nächtlichen Spielroute eines Marders liegt – und dass Kollege Furry Hitman das von mir angebotene Totholz-Loft draußen partout nicht annehmen will. Vordergründig ist es auch zumindest irritierend, dass man gelegentlich fast auf eine Bisamratte tritt und die dann flüchtend ein junges Reh aus dem hohen Gras jagt, was dann seinerseits flüchtet und dabei garantiert den lose stehenden Wildzaun direkt vor den Zucchini mitnimmt.

Trefferquote 1 von 6, 1-5 waren direkt in der Schnecke. Die hier schafft´s auf meinen Teller.

Tiefergründig aber erscheint es mir durchaus zielführend, in dieser Gegend einen Hektar förmlich von der Arbeit freizustellen. Denn hätte ich diesen wildgewordene Ex-Kirschhof nicht gemietet und weiter zweckentfremdet, hätte ich diese letzte Insel im Monokulturellen also zur Normierung freigegeben – wo sollten dann die Fasane, Rehe, Marder und Füchse hin? Ins Hotel?

So sind sie also alle bei mir. Einer der Nachteile ist, zugegeben, dass auch die Bremsen gern hier sind, und dass ich bedauerlicherweise im Sommer nicht ins Zelt umziehen kann, denn gerade in den ruhigen hinteren Winkeln des Hektars ist es nachts beunruhigend lebendig: Mäuse und Ratten betrachten Zelte aus Stoff und Plastik förmlich als Baustoffhandel, man brauchte also stärkere Nerven als ich, um bei dem dauernden Geraschel und Geknabbere nachts die Augen zuzubekommen.

Nachteil 2: Die ortsansässigen Jäger haben mich letztes Jahr darauf hingewiesen – freundlich, aber entschieden und bereits schwer bewaffnet vor mir stehend – ich hätte doch wohl nichts dagegen, dass sie mein Land überqueren. Das war keine Frage. Ich finde es zwar weiterhin unsportlich, dass die immer hier anfangen, also förmlich zum Großwildjagen in den Zoo gehen, aber zum Glück schießen die Herren verblüffend schlecht, die Fasane haben wenig zu befürchten. Und was die Rehe betrifft: Die hat mein direkter Nachbar, Großgrundbesitzer, Apfelbauer, jetzt, nachdem wir uns 2 Jahre kennen, unter seinen persönlichen Naturschutz gestellt, obwohl sie ihm Teile seiner Apfelblüten und seiner Ernte wegfressen. Vielleicht ist ja Irrationalität doch ansteckend.

Gleich wie – natürlich ist auch dieser Don-Quixote-Unfug meinerseits wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein, so wie auch lsms.info oder meine Bücher nur Tropfen sein können, und zwar solche, die mich materiell um Kopf und Kragen bringen. Dennoch bin und bleibe ich stur bei meiner Ansicht: Jeder muss das doch machen. Also auch einer.

Und, oh, falls jetzt wieder jemand messerscharf analysiert (wie diese Frau Stumpfbacke weiland im MS-Forum XYZ), wer ohne jede Gewinnerzielungsabsicht, gar mit hohem eigenen Materialverlust, anderen Kreaturen von-bis einfach so helfe, der leide ja wohl offensichtlich und glasklar unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung: Passt schon. (Und hat für die Diagnostikerin den Vorteil, dass sie altruistisches Verhalten für sich selbst nicht mal erwägen muss, weil das ja, eben, krank ist.) Ich gebe aber zu bedenken, dass Nutzen oder Schaden von Egoismus ganz generell davon abhängen, was dem Egoisten Freude bereitet. Handelt es sich um „mehr alles meins“, „Waffen verkaufen“ oder „Mir Aufmerksamkeit verschaffen, indem ich anderen auf den Keks gehe“, hat der Egoist Freude, alle anderen eher weniger. Ist der Egoist hingegen so sonderbar gepolt, dass er die größte Freude empfindet, wenn andere sich aufgrund seines Tuns besser fühlen, verwandelt sich sein Egoismus faktisch in Altruismus. Will sagen: Egoismus ist immer nur so gut oder schlecht wie die Motive und Antriebe des Egoisten.

Ich bin diesbezüglich natürlich alles andere als ein Vorbild, denn ich esse ja die meisten meiner Erdbeeren selbst. Aber, hey, ich habe euch welche angeboten! 

Zusätzlicher Lesetipp für Stadt, Land, alles im Fluß …

Helmut Salzinger / Der Gärtner im Dschungel / (Neudruck) Westend 2019.

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KenFM

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Elektrospaßbremse

Eigentlich wollte ich den FB-Link von Anette (Danke) ja nur (dort) teilen, aber nach den berechtigten Anmerkungen von Joe (Danke) mache ich das Benzinfass jetzt doch noch mal auf, und zwar hier: Die verlinkten diversen Studien belegen ja, dass Elektroautos vielleicht doch nicht sooo ne gute Idee sind, sofern man einen Zusammenhang zwischen CO2 und Klimakrise sieht, aber IMHO springen alle Diskutanten zu kurz, die nun „Ja, aber!“ darauf hinweisen, nur die Telas seien so lausige Futterverwerter, außerdem würden ja auch die Akkus immer besser etc. pp..

Erstens, copy/paste: „Kein Widerspruch. Ich habs nur verlinkt, weil die meisten das nicht mal ahnen und sich dann für Umweltfreunde halten auf ihrer dicken Rollbatterie. Da müsst man dann wenigstens konsequent „Hier!“ gerufen haben, als die AKWs im eigenen Hinterhof verteilt wurden und kann nicht sagen „AKW aus, prima, mehr Subventionen für Kohlekraft, auch prima, und ich fahr jetzt mal mehr durch die Gegend in meiner sauberen e-Schüssel. (Nach 2 Jahren kauf ich mir aber ne neue, is ja Modellwechsel dann, und der Akku ist bis dahin auch sparsamer.“

Vulgo: Wer ein e-Auto mit Kohleantrieb fährt, richtet zwei Schäden zum Preis von einem an.

Zweitens, wichtiger: Wenn man schon Äpfel mit Eiern vergleicht, darf auch der Elefant im Zimmer gefälligst mitmachen und sich als „Apfel 3“ bewerben. Meint: Beim Vergleich Benziner/Hydrid vs. Elektroauto fehlt generell die wichtigste Alternative. Bei beiden bisher im Ring stehenden Duellanten muss man natürlich – Thema der Studien – die Umweltbelastung berücksichtigen, die bei der Produktion der Schüsseln entsteht, und das ist ja nun mal der größte Belastungsfaktor, also nicht die Verbrennung von Benzin zum Fahren, sondern die Verbrennung von reichlich Welt zum Herstellen der Ein-Personen-Fürstenkutschen. Wer nun halbwegs ernstgenommen werden möchte (von mir) bei der Diskussion über umweltverträgliche Alternativen, der berücksichtige gefälligst nicht nur „blaue Ecke: neuer Hybrid-Toyota“ versus „rote Ecke: neuer Elektro-BMW“, sondern vor allem (mitten im Ring) den 10 Jahre alten Aygo, der mit neuen Reifen garantiert noch mal 10 Jahre weiterfährt. Da fallen dann also zur „Produktion“ dieses Konkurrenten CO2-Aquivalente im Gegenwert nicht von tonnenweise Stahl-Blech-Plastik-Seltene-Erden-Auto + ggf. Batterie an, sondern CO2-Äquivalente im Gegenwert von 4 x Gummi.

Ja, Spoiler: Der alte Aygo mit dem figgelinschen Mini-Benzinmotor gewinnt den Contest gegen jeden noch so kleinen Neuwagen. Das gut versteckte Prinzip hinter der ganzen unzulässigen Rechnung nennt man „Reparieren“, und, ja, Reparieren und Recyclen sind die Klima-Werkzeugschlüssel. Aber natürlich benutzt die keiner. Bringt ja nix für´s BIP.

Prima, dass die klimabewegten Diskutanten das überhaupt nicht auf dem Schirm haben, so leisten sie mit ihrer Suche nach dem nächsten heißen Akku-Ding einen schönen Beitrag zur Zerstörung unseres gemeinsamen Habitats und merken das nicht mal. Es gilt also „Angenehme Weiterfahrt – nach Gehör“, mit Meinhard Miegel gesprochen (Danke, Andreas): „Wenn es nicht gelingt, die tief verinnerlichten „kapitalistischen“ Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster zu überwinden, können die Menschen noch so viel am System herumschrauben – sie werden keines ihrer Probleme lösen.“ Vulgo: It´s the system, stupid.

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Rezo 1.1 ff

Nichts gegen Rezo. Außer Lob und Anerkennung. Denn trotz der Empfehlung Richtung Olivgrün war Die Zerstörung der CDU ein wunderbares und bemerkenswertes Stück, das meine Generation als Horde Vollpfosten entlarvt, die obendrein die blödesten aus ihrer Mitte (sic) in die Parlamente hievt und das dann für „repräsentative Demokratie“ hält. Weshalb also die mit mir geborenen stumpf und dauerhaft Groko wählenden Boomer demnächst ganz verdient eine saftige Rechnung serviert bekommen, habe ich in Die ganze Wahrheit über alles dargelegt, weshalb ich nicht mitbezahle ebenfalls: Ich schnauze die Flachpfeifen ja schon seit meinem 15ten Geburtstag mit unwiderstehlichen Argumenten an, geholfen hat es nichts, aber eine Mitschuld meinerseits erkenne ich nicht an, da mir der Weg in den bewaffneten Widerstand qua Kinderstube verstellt war. Ich hatte nur die besten Argumente und mein bescheidenes Talent, Dinge glasklar zu benennen, mehr leider nicht. (Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite).

Rezo wird etwas bewegen. Das ist gut und macht Hoffnung. Da allerdings große Teile seiner Ü16-Fans und Neuentdecker nach eigenem Bekunden (in den Kommentaren) sich zum allerersten Mal überhaupt beschäftigen mit Politik und dem ganzen von Rezo geschilderten desaströsen Zuständen, ist die Gefahr nicht eben klein, dass die Angestupsten wegen ihrer erschütternden bisherigen Komplettverweigerung dem nächstbesten fiesen Rezo-Nachahmer auf den Leim gehen, der ihnen dann allerdings ebenso virtuos und mit ggf. orangener Tolle neoliberalen Schwachsinn clever verkauft – oder irgendwelche wirklich einfachen Scheinlösungen für unsere zusammenhängenden Probleme.

Deshalb diese Empfehlung zur entspannten Erstvertiefung der von Rezo zurecht benannten Problematik: Rutger Bregman. Den kann man hervorragend lesen, denn er beschreibt komplexe Dinge so unkompliziert, dass sogar 3er-Abiturienten sie sofort verstehen können. Oder könnten. Lesen ist ja nicht so beliebt. Lieber was gucken. Und das kann man im Fall Bregman auch, was ja vielleicht dem einen oder der anderen hilft, die Hürde zum unbewegten Gedruckten zu überspringen. Als Einstieg wähle man daher Bregmans Teilnahme am Hinterzimmer-Davos-Panel mit u. a. Jane Goodall und folge wenigstens bis zum Punkt, an dem Bregman konstatiert, er komme sich beim Wirtschaftsgipfeltreffen vor wie bei einer Feuerwehrmesse, bei der nicht über Wasser gesprochen wird. Also Steuern.

Bregmans Utopia for Realists – and how we get there ist ein kluges Buch. Eines, das sich von den artig herumnörgelnden Analysen linker Pensionäre oder Professoren im Staatsdienst unterscheidet, die keinerlei Lösungsansätze aufzeigen und nicht aufzeigen können, weil sie das Wasser gar nicht wahrnehmen, in dem sie schwimmen. Bregman hingegen ist so frei (sic), die Probleme bei der Wurzel zu benennen und spricht mir natürlich aus der Seele, wenn er konstatiert, dass wir eh nur labern, von Alternativmedialkanal bis Panel bis Parlament, wenn wir z. B. meinen, die Erderwärmung stoppen zu können, ohne vorher das BIP zur Hölle zu schicken. Oder meinen, soziale Gerechtigkeit herstellen zu können, indem wir mehr Bullshitjobs schaffen statt Verteilungsgerechtigkeit inklusive eines bedingungslosen Grundeinkommens. 

Doch, doch, das geht (falls hier jemand reflexartig den Kopf schüttelt: erst lesen, dann schütteln. Oder eben auch nicht schütteln.) Und ja, ja, Rutger weiß, dass diese Utopie, würde sie Realität, Unmengen Leute den Job kosten würde, neben denen, die sowieso demnächst rausfliegen, weil man zur Betrieb von Fabriken nur noch einen Menschen und einen Hund benötigt (den Menschen, um den Hund zu füttern, den Hund, um den Menschen davon abzuhalten, die Maschinen anzufassen). Bregmans „utopische“ Ideen (unterfüttert mit viel Wissenschaft) sind eben deshalb so wichtig, weil sie die falschen Prämissen bloßlegen, auf denen unser ganzes Fehlverhalten fußt, schlichter gesagt: Unseren kapitalen Fehleinschätzungen betreffend das Wesen des Menschen an sich und der Gestaltung der Regeln, nach denen diese Welt derzeit „läuft“. Beziehungsweise fährt, nämlich demnächst gegen eine feste Wand.   

Also: Augen auf. Bregman hilft beim Fokussieren und beim Klarsehen, obendrein sehr charmant, und bleibt nicht beim Konstatieren stehen. Sondern zeigt auf, wie es gehen kann, nein: gehen muss. (Spoiler: Es ist wirklich überhaupt nicht kompliziert.)

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Schlauer doof

Wir Nachdenklichen und ggf. etwas reicher mit Verstand Beschenkten fragen uns ja gelegentlich, wieso die Doofen eigentlich nicht mitmachen – weder im Supermarkt noch beim medialen Konsum. Schließlich geht es ja auch und gerade um deren Existenz, von Klima bis Totalüberwachung, von AI bis Feldzug gegen Russland. Rainer Mausfeld hat dieses Schweigen der Lämmer in seinem gleichnamigen Buch schön erklärt, die Leute sind halt … betäubt, manipuliert, wohnhaft in ihren Smartphones, leben nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ etc. pp., nur scheint mir bei all dem doch ein wesentlicher Gedanke zu fehlen.

Vordergründig könnte man ja davon ausgehen, dass „die Leute“ halt wissen oder denken: Es hat ja eh keinen Sinn, der Einzelne kann nichts ändern. Dazu möchte man dann gern dem Einzelnen sagen, „Hey, wenn WIR alle das wollen, dann ändert sich alles, also wirf hier mal nicht so schnell die Flinte ins Korn.“

Flinte ist aber das richtige Symbol. Denn man stelle sich nur vor, wir alle wollten tatsächlich etwas ändern. Wir würden plötzlich begreifen, dass wir im Paradies leben, dass wir uns eine neue Geschichte von uns selbst erzählen können. Dass wir alles haben können (kein Scherz): Bedingungslose Grundeinkommen, Krankenhäuser gratis, Strom gratis (die Industrie verbraucht 70%, den Menschenbedarf erzeugen wir bereits nachhaltig), usw. usf. (hierzu sei Rutger Bregmans feines Buch empfohlen „Utopia for Realists.“

Wir würden dann also erklären: Wir sind jetzt friedfertig. Wir schränken uns ein bisschen ein (gar nicht so sehr), lassen unsere Maschinen die Arbeit machen (und besteuern nicht mehr Arbeit, sondern Produktivität, erheben Transaktionssteuern, steigen aus der NATO aus, machen unsere Kohlekraftwerke dicht, filmen und den ganzen Tag gegenseitig und stellen die Filme bei youtube ein, verstaatlichen ein paar Dinge und entlassen trotzdem die Hälfte unserer Bullshit-Jobber in den Ämtern, schaffen Zwänge ab und gestatten uns echte Freiheit …

Das Problem ist doch, dass dieses Utopia kein unerreichbarer Unsinn ist. Das Problem ist, dass es herstellbar wäre. Wallerstein hat prägnant beschrieben, was wir auf dem Weg in dieses absolut erreichbare Paradies tun müss(t)en. Aber selbst wenn es „uns“ gelänge, die 20% Klugen im gemeinsamen Interesse einzuspannen, würde doch unser derzeitiges Rom nicht sagen „Super, macht, endlich mal hat jemand eine gute Idee“, kürzer gesagt, weil ich hier ganz Wallersteins Meinung bin: Es würde eine Menge Opfer geben. Nicht Opfer im Sinne von „ok, ich ess jetzt vegan und spende mehr Geld“, sondern Opfer im tatsächlichen Sinn. Wir würden zu Hunderttausenden hingerichtet werden.

Kann man machen. Sicher finden wir sogar welche, die sich zuerst erschießen lassen für die Zukunft unserer Kinder (meine Bewerbung ist ja längst abgegeben), aber … finden wir wirklich genug? Nicht „genug“ kluge Pensionäre mit Professorentiteln, die in alternativmedialen Talkshows klug reden, sondern Leute, die den Kopf tatsächlich hinhalten?

Nie im Leben.

Deshalb sind die Dummen klug. Was „wir“ ihnen versprechen, ist ein schrecklicher, tödlicher Kampf für eine bessere Welt (in der sie allerdings keine Bullshitjobs mehr haben und auch nicht dauernd neue Autos oder dauernd All-Inclusive-Urlaub). Was „wir“ da im Angebot haben, ist mithin … so vollständig unattraktiv, dass jeder halbwegs rational denkende Normalbegabte nur sagen kann, „Ok, ich guck mal lieber weiter Tagesschau, kauf mir ein paar Amazon-Aktien und buche noch mal einen schönen Urlaub.“

Will sagen: Ich finde es ein bisschen fies, wenn „wir“ diese Leute dissen, diese 80%, die nicht aus dem Quark kommen, die nicht mal ins Denken zu kommen scheinen, geschweige denn ins Handeln. Auch wenn es uns schwer oder unmöglich fällt, das einzusehen: Dahinter steckt nicht Blödheit, sondern Vernunft.

Was uns fehlt? Nicht viel. Alles. Nämlich eine Story, die jedermannfrau ins Herz spricht und vermittelt, wofür es sich zu leben und vor allem wofür es sich zu sterben lohnt. Solche Stories hatten wir früher, in verschiedenen Formen: Die Religionen boten diesen über das eigene Leben hinausweisenden sterbenswerten Rahmen mit ihren Konzepten von Himmel und Hölle, aber auch Nationalismus, Kommunismus, Faschismus, waren diesbezüglich klar, in ihrer ganzen dementen Schlichtheit: Es braucht Ideale, für die man zu leben und notfalls zu sterben bereit ist. Diese Ideale waren immer Konstruktionen, erdacht, um die Zukunft tragfähig zu machen – mal besser (Bergpredigt), mal wesentlich schlechter (God´s Own Country).

Derzeit haben wir so was leider nicht, Ideale sind aus, Gebote hat´s, tolerant und pc, nur mehr zwei: Kaufe. Und produziere (dich). Zukunft lässt sich daraus nicht gestalten, und so ist der Dumme vielleicht doch der Ehrlichere: So, wie die Dinge liegen, trinkt man doch am besten noch alles aus, was auf dem Tresen herumsteht.

Ich bleibe diesbezüglich auch nur deshalb ein Idiot, weil aus der oben zusammengefassten „vernünftigen“ Haltung allerhand Unschönes für meine Kinder resultiert. Wegen diverser sehr altmodischer Vorstellungen bleibt mir also gar nichts anderes übrig, als den Stein weiter da hochzurollen, im Wissen, dass er direkt wieder ins Tal rollt. Aber Camus hatte schon recht: Wir dürfen … nee, müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen denken.

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Go ahead, Business Punk, make my day

Gut, dass es Business Punk 1994 noch nicht gab, sonst hätte Cobain sich vermutlich deswegen erschossen. (Insider sortieren noch mal eben in „Wal im Netz“ (1997) die Buchstaben des Bandleaders von XXL Asylum um). Jedenfalls ist das supercool. Oder Huxley. Business Punk. Mwuahaha. Muss man bringen. Und dann hoffen, dass da draußen wenigstens 20.000 Leute rumlaufen, die das witzig finden, weil „hey, klar, work hard, play hard – Alda, wenn dat nicht punk ist, wat denn dann? Sid Vicious hat auch hard geplayt und geworkt, um ordentlich Kohle zu machen, das weiß ja wohl jeder. Und ich bin voll der Punk, weil, mein Anzug is von H&M, und auf meinen Socken steht vorn „R/L“, und ich trag die absichtlich falsch rum! Im Schuh! Anarchy in the UK Size 9!“

Gedruckt werden vom Business Punk meines Wissens 35.000 Stück – läuft also mit der Kundschaft aus der Lobotomie-Abteilung. Aber wieso erwähne ich das überhaupt? Ach so, weil: Ich das gekauft habe. Am Flughafen. Ausgabe 6/2018. Weil ich Erzähler bin und in Storys sehr grundsätzlich eine Waffe sehe, zum Guten wie zum Schlechten einsetzbar. Und weil laut Punky-Business-Inhaltsverzeichnis ein Storytellingprofi Auskunft gibt, nämlich Markus Gull. Der (Interview-)Text ist überschrieben mit „Wer lügt, kommt in die Hölle“ (augenzwinker, cool, kaugummikau, ironisch, nä?), Gull nennt sich „Story Dude“ und berät „Unternehmen rund um die Themen Brand- und Entertainment-Stories“. Seine vorgetragene Überzeugung lässt sich tatsächlich kurz zusammenfassen: Authentizität ist King. Ganz gleich, was wir verkaufen wollen, der Weg zum Börsenerfolg führt durch die Herzen. Einen persönlichen Wert vermitteln. Um diesen Wert herum eine Story entwickeln. Und immer ehrlich sein. Geht sonst schief.

Vermutlich glaubt Gull sich das selbst. Lügen darf man nicht. Das merken die Leute ja. Und dann kaufen sie einem nichts ab. Keine Dieselautos. Keine Smartphones. Keine Politik. Keinen Afghanistan-Einmarsch. So sieht´s aus. In der Welt von Business Punk.

Der Punk ist (hier hat der Korrektor gepennt): Tatsächlich funktioniert die ganze Welt inklusive Wahrnehmung über Stories – solche, die man uns erzählt und jene eine, die wir uns über uns selbst erzählen. Gull hat also in so fern recht, als wir (Hedonisten, Egoisten, alle „entitled“) spüren, wenn jemand lügt und uns hinter seinem Claim oder seinen bunten Einladungen gar keinen weiteren glasklaren Alles-Meins-Lustgewinn verspricht, sondern irgendwas Differenzierteres. Sprich: ob eine kleine Story („Just do ist“, „Geiz ist geil“, „Weil ich es mir wert bin“) uns berührt oder nicht, hängt von unserer großen Story ab, jener, die uns grundsätzlich und wesentlich ist – unserem Bild von uns selbst und unserer ausgesprochenen oder unausgesprochenen Vorstellung davon, wozu wir hier sind, was „man“ tun oder lieber lässt, und welchen Sinn das Ganze wieso hat.

Der Business Punk verschweigt das natürlich, und man kann es ihm nicht vorwerfen. Er will ja nur verkaufen, nicht Erkenntnis befördern oder die Welt verbessern oder seinem ewigen Spießer-Publikum beim Pogotanzen mit dem Arsch ins Gesicht springen, wahlweise sehr, sehr laut Gitarre spielen und mit variablen Lyrics mitteilen: „Hört doch einfach mal auf, 24/7 komplett stumpf und link zu sein, das wäre doch mal ein Anfang.“

Ich glaube, Kurt hätten die beim Business Punk nicht mal als Fahrradkurier eingestellt. (Und Sid Vicious nur vielleicht, aber garantiert nicht vor dem 3. Februar 1979).

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Spaßbremsen für Fortgeschrittene

Wenn einem so viele Autos entgegenkommen, sind das natürlich alles Geisterfahrer … aber gelegentlich beschleicht mich ja nun doch der Verdacht, dass die Dinge anders liegen bzw. ausgerichtet sind, nämlich meine Schnauze ordnungswidrig in den korrekt fahrenden Mainstream. Ich arbeite daher gerade an einem Wendemanöver, denn …

1) Wollte die Hamburger MoPo dringend meinen Standpunkt zum Krankensystem haben, bat mich, meinen Blogeintrag dazu auf geeignete Weise zu kürzen, war dann aber (nach meiner Kürzung) der Meinung, nee, das sei ja … polemisch. Und auch gar kein Standpunkt. Jedenfalls nicht der gewünschte, also der der Redakteurin, die in nuce auf dem eigenen Standpunkt steht, es gebe eben nicht zu viele Ärzte, sondern zu wenige.

Unsere Standpunkte sind also als Freunde auseinandergegangen, meiner bleibt ungedruckt. Ulrich Montgomery übernimmt garantiert gern.

2) Saß ich letzte Woche in einer Gesprächsrunde zum Thema „Wie krank ist unser Gesundheitssystem“. Schon im Vorgespräch war allerdings klar, dass meine Position wenig brauchbar ist, denn ich bin ja der Ansicht, dass unser Gesundheitssystem nicht krank ist, sondern tot. Hingegen ist das Krankensystem, das an die Stelle des Gesundheitssystems getreten ist, kerngesund. Hierzu muss man dann allerdings satte 2-5 Minuten lang vertiefen, dass das Krankensystem keine Insel ist, sondern Teil des Wachstumssystems, dessen Erfolg wir mittels BIP messen – also jener Zahl, vor der sogar ihr Erfinder, Nobelpreisträger Simon Kusnets, von Anfang an warnte – und vor ein paar Jahren noch mal sehr deutlich. Er ist in guter Gesellschaft.

Nach meiner Erfahrung lässt sich das Drama sehr hell und schnell vermitteln, und es versteht auch jeder, worin das Problem tatsächlich besteht. Auf dieser Grundlage lässt sich dann prima verhandeln, ob man das Krankensystem in sich ändern kann, ob man das Gesamtsystem ändern müsste, ob das überhaupt geht, und – wenn nicht – wie man die eigene Gesundheit in Zukunft noch schützen kann. Auch hier: wenn überhaupt – siehe Digitale Patientenakte, CancerSeek und AbilifyMyCite.

Aber all das scheint … weitgehend uninteressant zu sein. Jedenfalls für Menschen, die im Krankensystem tätig sind oder „komplementäre“ Heilungen anbieten oder die für ein größeres Publikum arbeiten und senden und dabei wissen: Das wollen die Leute nicht hören, die Leute = das Publikum. Da fühlt sich der Zuschauer angegriffen, wenn man den förmlichen Ball zu ihm zurückspielt und ihn in die Selbstverantwortung nimmt.

Möglich.

Andererseits … waren dann nach der Veranstaltung doch diverse Menschen aus dem Publikum bei mir und fragten sich (und mich), wieso denn all meine Versuche, übers angekündigte Thema zu reden, so schnell erstickt worden waren. Ich will mal optimistisch annehmen, dass das nur an der Besetzung der Runde lag, denn fraglos konnten die alle besser als ich Hoffnungen wecken, dass man mit etwas gutem Willen so gut wie jede Krankheit wieder loswird.

Natürlich hört man das gern.

3) Bin ich eine echte Mehrfachspaßbremse. Aber eine höfliche. Ich habe mir daher in der Runde alle Bemerkungen verkniffen, die darauf hätten hindeuten können, dass es auch so was wie Schicksal gibt – und dass wir eben nicht auf alles Einfluss haben. Mir erscheint das wichtig, und ich finde es auch nicht als Spoiler, wenn man sich die Möglichkeit des Scheiterns eingesteht. Aber auch das will offenbar keiner wissen. Weil man dann … direkt die Hoffnung verliert?

Aus meiner Erfahrung mit den vielen, die sich an mich wenden, ist das Gegenteil der Fall. Sich einzugestehen, dass man Krankheit nun mal offensteht und dass es auch so was wie echte äußere Einflüsse und Schicksal gibt, deprimiert „meine“ Ratsuchenden nicht, sondern befreit sie von Schuldgefühlen. Unser Bemühen, wieder heil zu werden und dafür alles zu tun, unseren Körpern und Seelen zu helfen, ist nicht kleiner als vor der Erkenntnis „Es könnte aber auch schiefgehen“, sondern mindestens genauso groß wie vorher. Daraus ergibt sich aber eine Zusatzerkenntnis, die mir essentiell erscheint: Wir sind jederzeit sterblich. Und es ist nicht deprimierend oder schlimm, sich das einzugestehen, es ist hilfreich. Denn es verändert unseren Blick auf alles, jeden einzelnen Tag und auf das Leben an sich.

Offenbar ist das keine Ansicht, die man einem größeren Publikum zumuten sollte.

In der Runde saßen neben mir Dr. Rüdiger Dahlke und Lothar Hirneise. Lothar Hirneise hat ein faszinierendes Buch über Krebs geschrieben, ich habe viel gelernt und kann zu vielen seiner grundsätzlichen Erwägungen nur nicken. Ich bin aber nicht seiner Ansicht, dass jeder Krebs grundsätzlich heilbar ist. Schon gar nicht, wenn man bereits über 80 ist. Siehe oben, Spoiler und Spaßbremse: Meines Wissens müssen wir irgendwann an irgendwas sterben. Aber es scheint vielen Leuten besser zu gehen, wenn sie das schlicht ignorieren.

Rüdiger Dahlke hat 65 Bücher geschrieben. Ich bin ganz seiner Ansicht, dass die sogenannte Seele eine große Rolle spielen kann bei der Entstehung von Krankheit und bei dem Rückweg zur Genesung. Überdies bin ich wie er der Ansicht, dass unser Aufenthalt hier eine Reise darstellt und wir die Gelegenheit nutzen sollten, Erkenntnisse zu gewinnen über uns selbst und unsere Rolle im ewigen Samsara.

Nur … in „Krankheit als Sprache der Seele“ schreibt Dahlke (unter vielem anderen): „Ein gebrochener Arm symbolisiert ein gebrochenes Verhältnis zur Welt.“ Ich glaube, manchmal symbolisiert ein gebrochener Arm ein gebrochenes Verhältnis zum Fahrrad oder zum gegnerischen Vorstopper. Will sagen: Wer das Grobstoffliche komplett ausblendet und alle Antworten in der „Seele“ sucht, übersieht vermutlich in vielen Fällen etwas ganz Wesentliches. Zum Beispiel den rostigen Nagel im eigenen Fuß.

Im übrigen, um noch fester auf die Spaßbremse zu treten: Wer die „Misserfolge“ all jener ausblendet, die sich eifrigst bemühen und doch nicht so ganz wieder heil werden oder gar krank bleiben oder sterben, insinuiert unbewusst oder ungewollt, „dann hast du dich eben nicht gut genug bemüht“. Ich finde das desaströs, insbesondere im herrschenden Zeitgeist, in dem ja dank reichlich neoliberalem Rückenwind das eh schon fragwürdige „Jeder ist seines Glückes Schmied“ geworden ist zu „Jeder ist seines Unglückes Schmied“.

So bleibe ich als, den Fuß fest auf dem Pedal in der Mitte, gespannt auf die Ausstrahlung der Gesprächsrunde, irgendwann tbd. Soweit ich mich entsinne, hätte im Publikum beinahe jemand geklatscht, als ich sagte „Schuld liegt in der Vergangenheit, Verantwortung in der Zukunft“, aber bevor ich das vertiefen konnte, waren mW schon wieder alle mit dem Senden von was anderem beschäftigt.

(Ich frage mich trotzdem (bockig) weiterhin, ob es nicht doch ein „Publikum“ gibt für die IMHO realistischere und entspannende Wirklichkeitssicht, frei nach Camus: Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.)

(Hat das iPhone eigentlich eine Kamerafunktion? Muss ich mal prüfen, ToDo-Liste irgendwo weit unter „Pilotbuch schreiben“, „Zucchini säen“ und „Steuererklärung“.)

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