Sugar me!

Aber Obst ist doch so gesund! Und Smoothies! Sowieso! Sagt sogar die Brigitte! Weshalb also Obst als „wenig“ auf unserem Poster steht, Zucker ganz oben auf der “Weglassen”-Liste und Obst-Smoothies ganz und gar gestrichen sind, werde ich immer wieder gefragt (meist sogar nett und ohne „Du hast doch keine Ahnung!“). Wer nun Michael Moss´ Das Salz-Zucker-Fett-Komplott nicht lesen mag (weil: zu dick), hat aber garantiert kurzweiligen Spaß am Selbstversuch des australischen Schauspielers Damon Gameau. Läuft unter That Sugar Film oder (dt., dem hiesigen Humor angepasst „Voll verzuckert“) in jedem vertrauenswürdigen BluRay-Player. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie nicht Ihren Arzt oder Apotheker, denn in dessen Studium kommt Ernährungwissenschaft nicht vor.

Michael Moss – Das Salz-Zucker-Fett-Komplott: Wie die Lebensmittelkonzerne uns süchtig machen (Ludwig 2014, 624 S., 19.99 €).

Veröffentlicht unter Ernährung | Hinterlasse einen Kommentar

Die Wahrheiten der anderen

Einspruch. Das deutsche Fernseh war nicht schon immer so ungeheuer lausig und rückständig wie heute – diese Entwicklung verdanken wir der Geburt unserer  Privatsender in den Achtzigern, vor allem aber der daraus folgenden, vollends verpeilten Idee unserer öffentlich-rechtlichen, sie müssten um der Quote willen fortan jeden Scheiß mitmachen und das Niveau der Privaten möglichst stabil unterbieten. Das war aber mal anders, kurz vorher, also bis in die frühen Achtziger hinein. Nicht nur wegen „Ekel Alfred“.

Die auch schon fast ganz Alten unter uns erinnern sich nämlich diesbezüglich an das (sogar in Sachen „Quote“ höchst erfolgreiche) Experiment unter dem Titel „Tod eines Schülers“ (B: Robert Stromberger, R: Claus Peter Witt): eine 6-teilige-Miniserie, die den Suizid des Schülers Claus Wagner aus 6 verschiedenen Perspektiven beleuchtet – woraus sich eben immer neue Wahrheiten ergeben, wo man die Wahrheit längst erkannt zu haben glaubte. Das war 1981 formal und inhaltlich stark, und man kann es sich heute noch ansehen (sofern man das bisschen Patina wohlwollend übersieht und sich nicht dran stört, dass das ZDF den längst abbezahlten Stoff teuer und in miserabelster Bildqualität exklusiv auf DVD präsentiert – eigenhändig mit dem iPhone abgefilmte Super-8-Filme sehen jedenfalls allemal besser aus).

Ich erwähne das aber auch nur, weil der Rest der Fernsehwelt eben nicht in den Achtzigern mit Vollgas aufs Abstellgleis abgebogen ist, sondern weiter exzellente Serien produziert. Und aus denen ist das Showtime-Format The Affair ganz entschieden hervorzuheben (created by Hagai Levi & Sarah Treem) – nicht nur, aber auch, weil sie mit den verschiedenen Wahrheiten der Protagonisten mindestens ebenso gekonnt spielt wie die deutsche Antiquität von oben. Und das ist, bis ins Detail, eine wahres Fest – in dramatischer wie in spannender Hinsicht, auf gut Deutsch: a must see.

P.S.: Wer sich dieses komische Prime-Zeug hat andrehen lassen, weil sie/er sowieso den ganzen Tag Bücher und Filme bestellt – da gibt´s den Affären-Stoff gratis.

Veröffentlicht unter Film | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Bücherversenken (Künstlerdämmerung #25)

Also, wenn jemand mich so entrüstet anschaut wie diese junge Kultivierte neulich vor dem Altpapiercontainer, beim Büchereinwerfen, dann fange ich schon aus Notwehr an zu schenken. Aber nicht aus Überzeugung.

Gelesene Bücher gehören nämlich entweder ins Regal, wenn man zu viel Platz hat, oder in den Container. Sogar ungelesene Bücher, die man nicht mehr lesen will (weil man zum Beispiel zu alt ist, wie ich). Aber keinesfalls gehören Bücher auf den Flohmarkt, zu amazon oder zu Momox. Man verkauft ja auch kein Brötchen weiter, nachdem man es durch hat.

Leuchtet natürlich keinem ein, schon gar nicht der Bücherfreundin vorm Container, weil: Ein Buch ist ja kein Brötchen. Sondern ein Kulturgut. Und ein Brötchen kann man nach dem Goutieren gar nicht weiterverkaufen (jedenfalls möchte ich mir das nicht vorstellen). Ein Buch: durchaus.

Ich kann aber auch Leute hauen. Oder erschießen. Aber man darf halt nicht alles, was man kann.  Und verkauften alle Leute ihre gebrauchten Brötchen weiter, wären alle Bäcker pleite.

Wie? Eben, ja. Da alle Leute ihre gebrauchten Bücher weiterverkaufen, gehen die Autoren pleite, genau.

Weil die Leute das können, Bücher weiterverkaufen oder verleihen oder weiterverschenken. Ändert aber nix dran, dass man das nicht darf. Weil´s fies ist.

Deshalb: Altpapier.

Ich durfte ihr das sogar erklären, der Kulturfreundin vorm Container. Sie hat sogar zugehört. Und sogar genickt (einmal, kurz). Und vermutlich sogar verstanden, was ich sage.

Aber ich schwöre, sie wird weiter gelesene Bücher verleihen, verschenken und an Momox weiterreichen.

Weil Bücher etwas Schönes und Wertvolles sind.

Autoren? Ach, Autoren, Autoren. Nu nehmse sich mal nich so wichtig, Sie.

Veröffentlicht unter Allgemein, Künstlerdämmerung | Hinterlasse einen Kommentar

Der Schöpfer ist eine Privatbank

Dass einem bei Paul Schreyers Rundgang durch die Gebäude der Geldregierung gelegentlich dezent schwindlig wird, liegt nicht am eloquenten Reiseführer, sondern an der präsentierten Architektur: In einem so komplexen mehrstöckigen Spiegelpalast verliert der Besucher eben doch gelegentlich die Orientierung. Oder steht auch mal mit einem Fuß im luftleeren Raum, erschrocken, wahlweise fassungslos.

Die eleganten 192 Seiten „Wer regiert das Geld“ ließen sich indes unzulässig verkürzen auf den konstatierenden Kern, dass wir tatsächlich nichts mehr zu melden haben – und „wir“ meint eben nicht „du und ich“, sondern „du und ich und all unsere Vertreter“. Diese längst gefühlte Wahrheit belegt Schreyer eindrucksvoll, macht aber nicht den bei anderen Kritikern beliebten Fehler, Geld, Geldschöpfung, Kredite und Schulden per se zum Teufelswerk zu erklären, sondern schildert den jahrhundertelangen Kampf um das Recht zur Geldschöpfung ungetrübt von ideologisch eingefärbten Brillen.

Stehen bleibt der besorgniserregend schön gebaute Spiegelpalast. Und wer genau hinschaut resp. –liest, findet endlich sogar die Antwort auf die Frage, weshalb die nie gewählten Herren und Damen der Welt (von IWF bis Fed) so ungeheuer selbstsicher auftreten und Mofafahrern wie Varoufakis nicht mal zuhören. Mir jedenfalls war zwar bewusst gewesen, dass unsere Banken permanent Geld aus dem Nichts erzeugen, nicht aber vollständig klar war mir bis zur Lektüre von Schreyers Kapitel 3 gewesen, dass die Banken a) sich mittels Staatsanleihen allwöchentlich risikolos steuerfinanzieren und b), wichtiger, längst auch alle weltweiten Bilanzierungsregeln selbst festlegen. Und was nur nach einem Glasbaustein aussieht, ist de fato das Fundament, auf dem der ganze Palast bombenfest steht: nach Lage der Dinge droht den Banken nämlich tatsächlich nicht mehr die geringste Gefahr. Jedenfalls nicht von „dir und mir und allen, die wir wählen können“.

P.S.: Neben der Erhellung hat die Lektüre einen weiteren angenehmen Effekt, jedenfalls für mich: Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich froh, dass sich auf meinem Girokonto kein „Geld“ befindet. (Gut, zugegeben, noch froher wäre ich natürlich, wenn ich anderes Geld hätte, also sogar echtes, aber man kann ja nun wirklich nicht alles haben).

Paul Schreyer: Wer regiert das Geld? – Banken, Demokratie und Täuschung (Westend 2016, 220 S., 16.99 €)

Veröffentlicht unter Politik, Sachbuch | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Leseprobe

Mit Dank an den Westend Verlag = herunterladbares .pdf bei Klick aufs Cover*.

Veröffentlicht unter Sachbuch | 1 Kommentar

Dr. Spin an der Mückenfront

Monsanto ist schnell. Kaum stellt dieser durchgeknallte VT-Argentinier Vasquez seine alarmierend schlüssige Theorie in den Raum, nicht der originale Zika-Virus sei schuld an den brasilianischen Embryo-Schrumpfköpfen, sondern ein Larvenvernichtungsmittel im Wasser (also mitten in der Mückenbrutstätte), ballert die Presse Monsantos Dementi als schlüssige Entwarnung rund um den Globus, exemplarisch laut die Huffington Post: A viral Story links the Zika virus to Monsanto. Don´t believe it (16. Februar).

Die Spin-Taktik ist billig, gekauft wird sie trotzdem: Denn widerlegt wird hier wortreich allerhand Irrelevantes, der Elefant im Zimmer verschwindet aus dem Blick. Während die Journaille auf Spatzen ballert und spöttisch festhält, der Wirkstoff Pyriproxyfen sei erst ab 1 TL pro Liter gesundheitsgefährdend, lässt man Vaquez´ Kernvermutung unter den Tisch fallen. Die nämlich geht fragend so, in Prosa: „Könnt´s nicht sein, dass der Zika-Virus in den Mücken durch das Larvengift in den Mückenbrutstätten mutiert ist? Und dass dieser Virus Zika 2.0 neue Folgen hat, nämlich die Wachstumschädigung von Larven, äh, Embryonen?“

Zur Gesamtstudienlage hat Der Freitag (15. 2.) eine gute Sammlung incl. Vasquez Stein des Anstoßes, nach der Lektüre weiß man, dass das ganze schurnalistische De-Bunking fieser Unfug ist, vor allem aber: Niemand behauptet, die fötalen Schrumpfhirne entstünden durchs Trinken von zu viel Pyro-Wasser, sondern naheliegend ist die Frage, wieso sich der seit Jahrzehnten grassierende Virus ausgerechnet dort verändert, wo man erst seit kurzem die Trägermücken mit einem Embroyonenhirnschrumpfmittel bekämpft, vulgo dem Wirkstoff Pyriproxifen. Der nämlich, Obacht, hemmt die Entwicklung von Mücken- und Floheiern und -larven während 3 Monaten, indem er die Wirkung des Juvenilhormons mimikriert, was schlicht bedeutet (nachzulesen in jeder Wikipedia): „Überhöhte JH-Gaben führen zu Entwicklungsstörungen in Form von überzähligen Larvalhäutungen. Dabei treten häufig Missbildungen auf, zudem können sich die Tiere dann nicht mehr vollständig häuten und verenden, bevor sie das fortpflanzungsfähige Adultstadium erreicht haben.“ Gebildet wird das JH im corpus allatum, also direkt hinterm Insektenhirn, und auch wenn Hirn nicht gleich Hirn ist, halten wir fest: Pyriproxifen killt ausdrücklich keine Erwachsenen. Sondern ist ein Insect-Growth Regulator, ein Fötenvernichter: Pyriproxifen verstümmelt und tötet lediglich Nachwuchs.

Daher Vasquez´ Theorie. Besser: Seine Frage, auf der Suche nach der naheliegendsten Erklärung. Die Antwort auf diese Frage 1+1 muss nicht 2 lauten. Aber sie gehört gebührend laut in den Raum gestellt – und nicht übertönt von Monsantos gut geölter PR.

Veröffentlicht unter Allgemein, Medien | Hinterlasse einen Kommentar

Terrifying?

Alternet/Salon behauptet: This video is the most terrifying thing you will see today. (College Student´s Answers to Those Basic Questions Will Shock You …)

Na ja, jein, weil: andererseits … wenn die dann in 10 Jahren die Finger auf den Raketenstartknöpfen haben, wissen sie doch gar nicht, wohin sie zielen müssen, also lassen die sich vielleicht ganz leicht verwirren und treffen … sich selbst?

Veröffentlicht unter Medien, Politik | Hinterlasse einen Kommentar