{"id":846,"date":"2013-07-27T15:21:53","date_gmt":"2013-07-27T15:21:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=846"},"modified":"2013-07-27T15:21:53","modified_gmt":"2013-07-27T15:21:53","slug":"empfehlungen-aus-dem-sommerleseloch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=846","title":{"rendered":"Empfehlungen aus dem Sommerleseloch"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich im Gespr\u00e4ch mit meiner Lieblingsbuchh\u00e4ndlerin kurz ins w\u00fcste Kopfsch\u00fctteln geraten war wegen der von mir (an)gelesenen Sommerb\u00fccher, habe ich mir dann doch sagen lassen, <strong>JoJo Moyes<\/strong> Bestseller \u201e<strong>Ein ganzes halbes Jahr<\/strong>\u201c sei \u201egarantiert zwar keine Literatur, aber ein prima Schm\u00f6ker\u201c &#8211; allerdings nur f\u00fcr Frauen. S\u00e4mtliche Bemerkungen zum fies kalkulierten Taschenspiel und billigen Effekthandel habe ich uns erspart und spare an dieser Stelle weiter, nur so viel sei mildernde Umst\u00e4nde halber gestattet: Chuzpe hat die Lady, denn sogar die meisten ebook-Autorinnen h\u00e4tten sich nicht getraut, \u201eZiemlich beste Freunde\u201c einfach mit ner tumben Abziehbilder-RomCom und einer Prise Tabu (\u201eSterbehilfe\u201c) abgemischt auf den Publikumsteller zu legen. Also: Chapeau. Nicht mein Teller, \u00e4h, Tisch.<\/p>\n<p>Ebenso wenig wie der Jungsbestseller \u201e<strong>Silo<\/strong>\u201c (Wool) von <strong>Hugh Howey<\/strong>. Ich war zwar gewarnt (von den \u201eRezessionen\u201c aus dem amazon-Kosmos), dass sich dieses dem Web entwachsene Werk auf den ersten 100 Seiten etwas z\u00e4h liest, aber leider \u00e4ndert sich daran bis zum Ende nichts. Und Howeys abschlie\u00dfende Drohung (nach 540, gef\u00fchlt 5000 Seiten), das sei ja erst der Auftakt zu seiner Saga gewesen, hat es wirklich in sich. Nicht auszudenken, was da noch an dystopischer Langeweile auf uns zukommt.<\/p>\n<p><strong>Daniel Suarez<\/strong> j\u00fcngsten Roman \u201e<strong>Kill Decision<\/strong>\u201c kann man, anders als Howeys, zwar prima lesen, ohne wegzud\u00e4mmern, allerdings vertut der von mir sehr gesch\u00e4tzte \u201e<strong>Daemon<\/strong>\u201c-Autor sich diesmal doch geh\u00f6rig in der Wahl der Waffen. Dronen, die sich schw\u00e4rmend selbstst\u00e4ndig machen \u2013 das h\u00e4tte ein wunderbarer SF-Roman werden k\u00f6nnen, kluge Warnungen wie die vom alten PKD oder Crichton oder Olsbergs \u201eSystem\u201c weiterf\u00fchrend, aber Suarez verlegt sich leider auf permanenten Krach, also Die-Hard-Unsinn mit nervt\u00f6tendem Klischeepersonal. Wird bestimmt ein 1A- Blockbuster f\u00fcr arbeitslose Ritalinabh\u00e4ngige, floppt aber deutlich unter jeder IQ-Latte durch. Was schade ist, weil das Thema so viel herg\u00e4be.<\/p>\n<p>Ganz und gar anders verh\u00e4lt es sich mit <strong>Thomas Glavinic<\/strong>s Roman (?) &#8222;<strong>Das bin ich ja&#8220;<\/strong>, denn hier gibt das Thema (Glavinic) \u00fcberhaupt nichts her. Glavinic schreibt zwar sehr komische sinnlose hin Dialoge, das allerdings nur gegen Ende des Textes. Der ganze Rest liest sich wie der lange Facebook-Eintrag eines der vielen, vielen Menschen, die ein sehr langweiliges Leben f\u00fchren, das sie selbst f\u00fcr interessant halten. Verleger, Kulturschaffende und andere, die f\u00fcr Glavinic wichtig sind, waren und sein werden, kommen bestens weg bei der Bauchpinselei, das Feuilleton \u00fcberschl\u00e4gt sich vor Begeisterung und hat \u201estundenlang nur gelacht\u201c, und ich habe das ganz bestimmte Gef\u00fchl: da will ich nie wieder st\u00f6ren. Und falls mal ein vergleichbar sterbensuninteressanter Abteilungsleiter der HUK Coburg \u201eaugenzwinkend\u201c, \u201ezum Totlachen\u201c\u00a0\u00fcber <em>seine<\/em> Branche schreibt, will ich das auch nicht lesen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr aber interessante Romane interessanter Autoren. Also zum Beispiel die von John Green, Lionel Shriver und Neil Gaiman.\u00a0<strong>Gaiman<\/strong> erweist mit <strong>The Ocean At The End of The Lane<\/strong> neuerlich als unehelicher Enkel von King, Carroll und Lovecraft, die phantastische Story r\u00fchrt wie gewohnt in phantastisch dunklen Untiefen von Kindheit und Jugend, und wer\u00b4s gern konkret und handfest hat, l\u00e4sst gef\u00e4lligst die Finger davon. Alle anderen staunen wie \u00fcblich \u00fcber die einzigartige und beunruhigende Phantasiewelt des Herrn G. In der Frage, ob Jugendliche so was lesen sollten, gehen seine und meine Meinung allerdings weiterhin als Freunde auseinander. Ich h\u00e4tte danach n\u00e4chtelang nicht schlafen k\u00f6nnen, als junger Mensch, aber Neil behauptet ja steif und fest, seine Kinder k\u00f6nnten. M\u00fcssen die Gene sein.<\/p>\n<p><strong>Shriver (Lionel)<\/strong>: Dank ihrer exzellenten und zurecht bestverkauften Romane <strong>Wir m\u00fcssen \u00fcber Kevin reden<\/strong> (der \u00fcbrigens auch ersch\u00fctternd pr\u00e4zis verfilmt wurde, falls jemand das verpasst hat) und <strong>Dieses Leben, das wir haben<\/strong> (<strong>So Much for That<\/strong>) hat sich zwischenzeitlich auch ein Verlag f\u00fcr The <strong>New Republic <\/strong>gefunden, ein Buch, das allerdings auf dem langen Weg aus Shrivers Schublade ein bisschen Staub angesetzt hat. Bildsch\u00f6n geschrieben ist es aber immer noch, und die entscheidende Frage, in wie weit unsere Medien die Welt erfinden, stellt sich heute genauso dringend wie Mitte des letzten Jahrzehnts, als der Stoff entstand. Dass Shriver mit ihrem neuen Roman <strong>Big Brother<\/strong> den Finger ganz wo anders hinlegt, n\u00e4mlich ins amerikanische Familienfett, versteht sich allerdings auch von selbst, denn seit Kevin wissen wir ja, dass Shriver am besten dorthin geht, wo es weh tut. Da ich hier ausnahmsweise nicht spoilern will, belasse ich es beim schlichten Hinweis: Was w\u00fcrdet ihr denn machen, wenn euer geliebter kleiner K\u00fcnstlerbruder nach vier Jahren Funkstille wieder bei euch auftauchte, mittellos, selbstbewusst &#8211; und unglaublich verfettet? Ihn zwei Wochen f\u00fcttern und dann weiter seinem Exitus entgegenreisen lassen \u2013 oder die eigene Familie (die ja nur angeheiratet ist) f\u00fcr die Rettung und Gesundung des Blutsbruders aufs Spiel setzen? Was Shriver dar\u00fcber in gewohnt gro\u00dfartigen Worten zu erz\u00e4hlen hat, tut weh. Von Anfang bis Ende.<\/p>\n<p>Kompletter Nachz\u00fcgler war ich bei <strong>John Green<\/strong>. Da n\u00e4mlich \u201e<strong>The Fault In Out Stars<\/strong>\u201c (Das Leben ist ein mieser Verr\u00e4ter) schon so lange auf den Bestsellerlisten steht, war ich sicher, dass es nichts taugen <em>kann<\/em> \u2013 und sehe mich vollst\u00e4ndig korrigiert, nach der Lekt\u00fcre. Ein Jugendbuch ist das wohl nur, weil Erwachsene bevorzugt irrelevanten Stuss lesen wie den von Glavinic, drum verlege ich mich ab jetzt gern auf Jugendb\u00fccher. \u201eThe Fault\u201c ist perfekt komponiert, sch\u00f6n geschrieben, sch\u00f6n relevant und ausgesprochen r\u00fchrend. Und wer keine Angst hat, sich mit der wichtigsten Fragen des Lebens auseinanderzusetzen (also unserer Sterblichkeit), der greift bedenkenlos zu und wird reich belohnt. Anschlie\u00dfend l\u00e4sst sich dann mit \u201e<strong>An Abundance of Katherines<\/strong>\u201c einer der Stars-Vorg\u00e4nger ebenfalls von Herzen empfehlen. Denn auch hier geht\u00b4s, gekleidet in eine durchaus komische jugendliche Road-Story, um eine Frage, die Glavinic und Co. garantiert nicht kennen: Ist es wirklich ein erstrebenswertes Ziel, einzigartig zu sein? Also eigentlich um die gleiche Frage wie in den \u201eStars\u201c: da es \u201eUnsterblichkeit\u201c nicht gibt \u2013 was stellen wir an mit unserem Leben vor dem Tod?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich im Gespr\u00e4ch mit meiner Lieblingsbuchh\u00e4ndlerin kurz ins w\u00fcste Kopfsch\u00fctteln geraten war wegen der von mir (an)gelesenen Sommerb\u00fccher, habe ich mir dann doch sagen lassen, JoJo Moyes Bestseller \u201eEin ganzes halbes Jahr\u201c sei \u201egarantiert zwar keine Literatur, aber ein &hellip; <a href=\"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=846\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[15],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/846"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=846"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/846\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":850,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/846\/revisions\/850"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=846"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}