{"id":810,"date":"2013-05-25T10:23:30","date_gmt":"2013-05-25T10:23:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=810"},"modified":"2013-05-25T10:23:30","modified_gmt":"2013-05-25T10:23:30","slug":"geschichten-ohne-erzahler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=810","title":{"rendered":"Geschichten ohne Erz\u00e4hler"},"content":{"rendered":"<p>Das gut angezogene Fachblatt <em>GQ<\/em> hielt unl\u00e4ngst lebens- und fernsehphilosophisch fest, es gebe \u00fcberall tolle echte Frauen. Also: echte. Mit reichlich guten Seiten, aber auch mit reichlich Meisen. Im Leben g\u00e4b\u00b4s die, klar, sowieso, aber auch in allen amerikanischen Serien (von <em>Game of Thrones<\/em> bis <em>Girls<\/em>, von <em>Mad Men<\/em> bis <em>Breaking Bad<\/em> etc. pp.). Nur in deutschen Serien gebe es echte Frauen eben weiterhin nicht. Nur reinen Klischee-Schrott, vulgo L\u00fcgen, entweder ganz-ganz-prima Frauen oder ganz, ganz b\u00f6se. Korrekt konstatiert. Aber woran liegt\u00b4s?<\/p>\n<p>Ebenso einfach wie falsch w\u00e4re es, diesen Mangel unseren Autoren und \u201eShowrunner\u201cn anzulasten, denn die bem\u00fchen sich ja hinter den Kulissen nach Kr\u00e4ften, den Frauen gerecht zu werden. Dabei geraten sie allerdings unvermeidlich an ein un\u00fcberwindliches Hindernis, n\u00e4mlich Frauen. Denn die entscheiden, was im <em>Fernseh<\/em> l\u00e4uft \u2013 nicht nur zu Hause, auf dem Sofa, sondern auch in Redaktionen und Produktionen. Dort eine im besten Sinn vielschichtige Protagonistin vorzuschlagen, also eine mit St\u00e4rken <em>und<\/em> Schw\u00e4chen, ist keine vielversprechende Idee. St\u00e4rken: ja. Immer gern. Dem naiven Erz\u00e4hler wird dann kurz erkl\u00e4rt, wie sich die Dinge in der Wirklichkeit verhalten, derzeit gern mit Hinweis auf <strong><em>Hanna Rosins<\/em><\/strong> Meisterwerk \u201e<strong><em>Das Ende der M\u00e4nner<\/em><\/strong>\u201c. Woraus sich glasklar als beweisen ergibt: Frauen haben keine Schw\u00e4chen. Null. Eine Frauenfigur <em>mit<\/em> Schw\u00e4chen w\u00e4re also Fantasy. Und Fantasy will ja nun wirklich keiner sehen. Beziehungsweise keine.<\/p>\n<p>Hierzulande erdacht, w\u00e4re Antonia Soprano nicht bei der Mafia gewesen. Und nicht in Therapie. Blo\u00df eine tolle Mutter. Gregorina House w\u00e4re nicht b\u00f6se gewesen. H\u00e4tte kein Vicodin genommen. Nur ihre genialen Diagnosen, die h\u00e4tte sie behalten d\u00fcrfen. Und Frau McNulty h\u00e4tte jeden Fall in 45 Minuten gel\u00f6st.<\/p>\n<p>Was bliebe? Eine intelligente Serie mit gro\u00dfem Erz\u00e4hlbogen \u2013 das m\u00fcsste doch gehen, irgendwie. Wenn auch nicht mit einer starken Frau. Ein Mann w\u00e4re ja erfindbar. M\u00e4nner d\u00fcrfen Macken haben. Dass eine solche \u201emoderne\u201c Serie gew\u00fcnscht ist, behauptet das \u00f6ffentliche Fernseh<em> <\/em>zwar<em> <\/em>sogar in <em>Der Spiegel<\/em>, vertreten durch verdiente Abteilungsleiter, tut aber unterhalb von angestrengter PR alles, um eben jene Serien zu verhindern. Wie? Na ja. Vorsichtig formuliert: Jemand m\u00fcsst\u00b4s ja machen. Am besten jemand, der\u00b4s kann, also ein(e) f\u00e4hige(r) Autor(in) und Showrunner(in). Solche gibt\u00b4s auch vereinzelt in Deutschland, aber wahrgenommen werden sie derzeit \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur bei Sat.1. Gelegentlich. Weil man dort wei\u00df, dass man ohne Gehirn nicht weit kommt, in diesem Fall ohne Seriengehirn, man also den Typ oder die Typin dringend braucht, der\/die erz\u00e4hlen kann, im kleinen Episodenrahmen wie im gro\u00dfen Staffelrahmen. Man muss nun nicht gleich wie HBO, Showtime oder AMC (Parole: \u201eStory matters here\u201c) begreifen, dass der Erfolg einer Serie vorrangig an dieser Position h\u00e4ngt, aber hierzulande fehlt schon die Erkenntnis, dass es so was wie einen \u201eCreator\u201c \u00fcberhaupt <em>gibt<\/em>.<\/p>\n<p>Mein j\u00fcngstes Serienkonzept war mit 40 kleingedruckten Seiten recht umfangreich, sehr pr\u00e4zise und durchdacht, im Gro\u00dfen wie im Detail, und selbstredend zierte die Titelseite der bescheidene Urheberhinweis \u201ecreated by\u201c. Im Wissen, dass so was bei \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern nicht verstanden wird, entschloss sich die pr\u00e4sentierende Produktion allerdings ohne R\u00fccksprache mit dem Urheber zu einer marginalen Korrektur und versah das Ganze mit einer rechtlich weniger gef\u00e4hrlichen Formulierung: \u201eAufgeschrieben von\u201c. Proteste gegen solches Tipp-Exen sind fruchtlos, wahlweise gef\u00e4hrlich, denn freie Protokollf\u00fchrer genie\u00dfen weder K\u00fcndigungsschutz noch Urheberschutzrechte.<\/p>\n<p>Findet man sich als leidenschaftlicher Macher und Geschichtenerz\u00e4hler z\u00e4hneknirschend mit dieser Korrektur ab, geht\u00b4s aber erst richtig los. Denn da der \u00f6ffentlich-rechtliche Veranstalter gar nicht <em>wei\u00df<\/em>, dass eine intelligent gemachte Serie ein Gehirn braucht, das den \u00dcberblick beh\u00e4lt, fehlt die Position des \u201eCreators\u201c, \u201eShowrunners\u201c oder \u201eCreative Producers\u201c auch im Vorspann \u2013 sowie in der Kalkulation. Sprich: weder kann der Erz\u00e4hler und kreative Producer f\u00fcr die zu leistende Arbeit mit einem \u201eCredit\u201c rechnen \u2013 noch mit Bezahlung. (Dank der neuen Vertr\u00e4ge des hier ungenannt bleibenden Senders, mit dem man angeblich besser sieht, sieht man allerdings nicht einmal mehr Autoren-Wiederholungshonorare im Erfolgsfall.)<\/p>\n<p>Aber es gibt ja Menschen, die all das zu ignorieren bereit sind und einfach trotzdem gute Geschichten erz\u00e4hlen wollen. Notfalls eben ohne Anerkennung im Vorspann oder auf dem Konto. Hier nun rennt der leichtbuddhistische Geschichtenerz\u00e4hler allerdings endg\u00fcltig gegen W\u00e4nde, denn da er ja keinen Titel und Position in Team sowie Etat hat, sondern nur Aufschreiber ist, hat er nat\u00fcrlich auch keine Entscheidungsbefugnis. Sondern h\u00f6chstens Angebotsbefugnisse &#8211; und ansonsten aufzuschreiben, was Producerinnen, Redakteurinnen und Praktikantinnen ihm \u2013 vorschreiben. Respektive diktieren. Jeden kontraproduktiven Bl\u00f6dsinn. Verweigert er dies (und sei es mit dem l\u00fcckenlosen Nachweis, der reine Bl\u00f6dsinn vernichte die Struktur der Erz\u00e4hlung und damit auch alle Chancen auf einen Produktionsauftrag), wird der Creator (bzw. Aufschreiber) na \u2013 eben: entlassen.<\/p>\n<p>Wie dabei etwas anderes herauskommen soll als \u201eDer Landarzt?\u201c oder die n\u00e4chste Mordserie aus dem Schwarzwald?<\/p>\n<p>Gar nicht.<\/p>\n<p>Aber es gibt noch Hoffnung, f\u00fcr die Enkel: Sobald hierzulande echtes weibliches Selbstbewusstsein nachw\u00e4chst, holen wir die verpassten letzten 20 Jahre nach, und zirka 2040 gibt\u00b4s dann eine wirklich gute deutsche Serie. Mit einer echten, tollen Protagonistin. Mit ner Meise. Solange freuen wir uns einfach vor, denn zu sehen gibt\u00b4s ja auch ohne unsere \u00f6ffentlich-rechtliche Beteiligung ausreichend Grandioses, allzeit frisch aus dem Ausland. Mit \u201eBorgen\u201c, \u201eBroadwalk Empire\u201c, \u201eMad Men\u201c, \u201eCalifornication\u201c und \u201eParenthood\u201c kommen wir garantiert noch eine ganze Weile aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gut angezogene Fachblatt GQ hielt unl\u00e4ngst lebens- und fernsehphilosophisch fest, es gebe \u00fcberall tolle echte Frauen. Also: echte. Mit reichlich guten Seiten, aber auch mit reichlich Meisen. 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