{"id":694,"date":"2012-12-30T17:16:38","date_gmt":"2012-12-30T17:16:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=694"},"modified":"2012-12-30T22:56:32","modified_gmt":"2012-12-30T22:56:32","slug":"zahlen-bitte-5-fur-genieser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=694","title":{"rendered":"Zahlen, bitte (#5) (F\u00fcr Genie\u00dfer)"},"content":{"rendered":"<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p>\u201eEs ist unm\u00f6glich, die Annehmlichkeiten des Daseins zu genie\u00dfen, ohne gleichzeitig vern\u00fcnftig, edel und gerecht zu leben.\u201c Es entzieht sich meiner Kenntnis, mit welchen Spitznahen Epikur jene verunglimpfend belegte, die seinerzeit stocktumb diese H\u00fcrde nahmen. F\u00fcr die Jetztzeit mag die ganze Bande sich frei nach Philosoph Haddock bescheiden mit einem schlichten \u201eArschgeigen, Herzlose, Hirntote, vermaledeite.\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sagen wir das denen nicht auf den Kopf zu, den Nachbarn, Verwandten, Bekannten, Freunden, die sich \u201ezwischen den Jahren\u201c einfinden, sich bewirten lassen und sich freuen \u00fcber die sch\u00f6nen Getr\u00e4nke und Geschenke. Nat\u00fcrlich sprechen wir das ganze unerfreuliche Thema gar nicht an, aus Erfahrung. Der Kreis der wahren Freude ist ja eh schon mikroskopisch klein, und die polternden Gutmenschen unter denen sind, weit weg, so ganz und gar allein, erst recht zum Fest.<\/p>\n<p>Und, eben, das Glashaus: Wir haben uns ja auch nicht mit Ruhm bekleckert dieses Jahr. Sind wieder weit unter dem Fernziel durchgerauscht, das da lautet \u201eMilde Gaben p. a. in H\u00f6he von 10% des Bruttoeinkommens.\u201c Schlappe 2% haben wir geschafft. Pah. L\u00e4cherlich. Gerade mal so \u00fcber der Minimalanforderung an jeden, der sich \u201eMensch\u201c nennen will. Denn wer \u201e1%\u201c nicht schafft, der verdient ja wahrlich nichts anderes als \u201eArschgeige\u201c und den ganzen Rest von oben.<\/p>\n<p>Zahlen, bitte? Die Reichen und die Armen schaffen das. Jene, die zwischen 0 und 50.000 \u20ac brutto im Jahr einnehmen, geben f\u00fcr die noch \u00c4rmeren durchschnittlich 1,2% ihrer Mittel. Jene, die \u00fcber 500.000 verdienen, schaffen\u00b4s auch, mit durchschnittlich 1,6%.<\/p>\n<p>Dazwischen: Die Kreise, in denen wir uns vorwiegend bewegen, bestehend aus Menschen mit Bruttoeinkommen zwischen 50.000 und 100.000 sowie ein paar mit Einnahmen dar\u00fcber. Niemand in diesen Kreisen leidet Not, jede und jeder k\u00f6nnte schmerz- und problemlos teilen, die meisten auch problemlos 10% weitergeben \u2013 sie aber sind sogar von dem l\u00e4cherlichen \u201e1%\u201c \u00a0weit entfernt, die Mittelst\u00e4ndler. Durchschnittlich 0.4-0,6% vom Brutto kommen an den Taschenigeln vorbei, und hier scheint das ganze Elend des ebenso gef\u00fchl- wie moralfreien Durchschnitts durch. Zu reich, um noch zu f\u00fchlen, wie weh Armut tut, zu \u201earm\u201c (mit Blick in Richtung derer \u201eda oben\u201c), um sich in irgendeiner 1%-Pflicht zu sehen, zu bl\u00f6d, um \u00fcber die eigene allt\u00e4gliche Unselbst\u00e4ndigkeit und den abendlichen <em>Tatort<\/em> hinaus die Welt \u00fcberhaupt wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Ich sollte eine Kleinanzeige aufgeben: \u201eSuche neue Bekannte.\u201c Allerdings m\u00fcsste ich vorher wohl umziehen, in die USA (Gesamtschnitt 2% vom Brutto), die Schweiz (1,2%), nach England (1,1%) oder nach Belgien, Holland, Schweden (alle so um 1%), und <em>landschaftlich<\/em> finde ich\u00b4s hier ja nun wirklich, zugegeben, ganz wundersch\u00f6n.<\/p>\n<p>Und so l\u00e4chelt er, der harmoniebem\u00fchte Wicht, fragt \u201enoch ein Filet, ihr Lieben? Noch etwas Wein?\u201c und knirscht nachts mit den Z\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Leserat f\u00fcr Weckrufinteressierte: <strong>Peter Singer \u2013 Leben retten. Wie sich die Armut abschaffen l\u00e4sst \u2013 und warum wir es nicht tun <\/strong>(Dt. von Olaf Kanter, Arche 2010, 267 S., 17.90 \u20ac).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist unm\u00f6glich, die Annehmlichkeiten des Daseins zu genie\u00dfen, ohne gleichzeitig vern\u00fcnftig, edel und gerecht zu leben.\u201c Es entzieht sich meiner Kenntnis, mit welchen Spitznahen Epikur jene verunglimpfend belegte, die seinerzeit stocktumb diese H\u00fcrde nahmen. 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