{"id":575,"date":"2012-09-23T15:37:13","date_gmt":"2012-09-23T15:37:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=575"},"modified":"2013-01-25T22:27:34","modified_gmt":"2013-01-25T22:27:34","slug":"todlicher-gebrauchtbuchhandel-kunstlerdammerung-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=575","title":{"rendered":"T\u00f6dlicher Gebrauchtbuchhandel (K\u00fcnstlerd\u00e4mmerung #9)"},"content":{"rendered":"<p>Marktranzparenz ist doch was Feines. F\u00fcr den Konsumenten. Weshalb sich Versicherungs-, Handy- und Energieanbieter so viele lustige Tarife ausdenken, die kein Mensch versteht. Im Fall Buch l\u00e4sst sich das allerdings nicht machen, das mit den Nutzungstarifen, und so ist die Transparenz prima: f\u00fcr sparsame Leser. Allerdings eine mittlere Katastrophe f\u00fcr Handel und Autoren (sofern sie eben keine Mega-Bestseller schreiben, sondern \u201enur\u201c von ein paar Zehntausend Menschen gelesen werden).<\/p>\n<p>Exemplarisch? Okay. Der komfortable Buch- und TV-Eink\u00e4ufer \u201erebuy\u201c bietet dem verkaufswilligen Buchbesitzer z. B. 1,07 \u20ac f\u00fcr ein gelesenes Exemplar von \u201eProphezeiung\u201c. Das ist gut f\u00fcr alle. Es schafft Platz im Regal des Lesers, ohne dass der sich auf einen verregneten Flohmarkt stellen muss, dazu kriegt der Gute dann auch noch einen trockenen Euro auf die Hand, und <em>rebuy<\/em> bietet das Hardcover dann bei <em>amazon<\/em> f\u00fcr 2,50 &amp; 3 Euro Versand an, bei tats\u00e4chlichen eigenen Versandkosten von 1,20, kommt also unterm Strich ebenfalls auf seine Kosten und Erl\u00f6se pro Transaktion &#8211; und der neue Lesewillige hat f\u00fcr 6,50 ein gutes oder sehr gutes Exemplar (statt daf\u00fcr die normalen 19,95 zu bezahlen). Fein. Win-win-win-Situation.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen bleiben selbstredend Buchh\u00e4ndler, Verlage und Autoren, denn die verdienen an dem Tausch ja nicht mehr mit. Haben sie ja auch schon. Beim ersten Mal. Nur funktionierte das ganze Gesch\u00e4ftsmodell der Erw\u00e4hnten eigentlich fundamental anders, n\u00e4mlich nach Gro\u00dfvaters Regeln. Denen aus der Zeit vor dem Web 2.0. Denen, die schlicht besagen: Wer dieses tolle Buch einigerma\u00dfen frisch lesen m\u00f6chte, der bezahlt daf\u00fcr bis Anfang 2013 19,95 \u20ac, denn nur so k\u00f6nnen Verlag, Buch\u00e4ndler und Autor von der Herstellung der Werke leben. Was eben auch zwingend bedeutet: Nach Gebrauch verbleibt das Buch im K\u00e4uferschrank oder wandert in den M\u00fcll. Oder nach 3 Jahren in die Flohmarktkiste. Wer das Produkt unter dem von Urheber und Verwerter festgesetztem Preis kaufen will, muss also drei Jahre warten und hoffen, dass er zuf\u00e4llig den richtigen Flohmarkt findet, sprich: wer das Buch interessant findet und lesen m\u00f6chte, muss es binnen der ersten 2 Jahre nach Erscheinen zum regul\u00e4ren Preis kaufen. Eben: f\u00fcr 19,95 \u20ac. Nach 2-3 Jahren haben dann Urheber und Verwerter hoffentlich ihre Miete aus diesen 19.95-Verk\u00e4ufen verdient &#8211; und k\u00f6nnen die Preise senken, indem sie Taschenb\u00fccher drucken, die den Flohmarktanbietern angemessen Konkurrenz machen.<\/p>\n<p>Das funktionierte. Eben so. Denn B\u00fccher sind zu billig, sowieso. Aber unter den radikal ver\u00e4nderten Marktverh\u00e4ltnissen ist sogar dieses billige Jammern obsolet, denn \u2013 siehe oben. Und bei einem \u201enormalen\u201c Buch, also einem, das sich vom Start weg in einer Zahl von 3.000-5.000 Exemplaren in den Markt bewegt, besteht nicht die geringste Kundensorge (resp. Autorenhoffnung), dass das Angebot an exzellenten Gebrauchten beizeiten kleiner werden k\u00f6nnte als die Nachfrage, denn es reicht zur Markts\u00e4ttigung vollst\u00e4ndig aus, wenn sagenwirmal 100 der ausspr\u00fcnglich ausgelieferten 3.-5.tausend Exemplare \u201edrehen\u201c, also zu best\u00e4ndig niedriger werdenden Preisen wieder und wieder weiterverkauft werden.<\/p>\n<p>(Und, nein, es gibt keine wenigstens rettungsringende \u201eGema\u201c, die erfasst, wie viele Leser mitlesen und dann Buchfunkgeb\u00fchren an die Urheber verteilt. Und, nein, die <em>Kopierabgabe<\/em> der VG Wort kann das auch nicht erfassen, es wird ja nichts kopiert &#8230;)<\/p>\n<p>Von \u201eProphezeiung\u201c sind sch\u00e4tzungsweise 200 Lese-Exemplare gedruckt und gratis verteilt worden, au\u00dferdem ein paar hundert Rezensionsexemplare f\u00fcr die Redaktionen des Landes. Das sollte also reichen, um bis zirka 2050 weitere Einnahmen f\u00fcr Verlag, Buchh\u00e4ndler und Autor wirksam zu unterbinden.<\/p>\n<p>Wie, ich soll aufh\u00f6ren zu jammern und mir einen anst\u00e4ndigen Beruf suchen? Ja. Okay. Hab ich doch schon gemacht, Mensch, wie alle Autoren, die Miete zahlen m\u00fcssen, Familien haben und ihre Marmeln noch beisammen. Wir machen das jetzt nur noch in unserer Freizeit, schreiben, und der Leser wird\u00b4s nicht mal merken, denn dem bleiben ja die anderen Autoren, die kinderlosen, die nicht rechnen k\u00f6nnen oder Millionenerben sind oder selbst noch bei ihren Eltern wohnen. Sowie Martin Walser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marktranzparenz ist doch was Feines. F\u00fcr den Konsumenten. Weshalb sich Versicherungs-, Handy- und Energieanbieter so viele lustige Tarife ausdenken, die kein Mensch versteht. 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