{"id":428,"date":"2012-03-25T18:50:29","date_gmt":"2012-03-25T18:50:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=428"},"modified":"2012-11-05T08:30:27","modified_gmt":"2012-11-05T08:30:27","slug":"kurz-nach-ich-heirate-eine-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=428","title":{"rendered":"Kurz nach &#8222;Ich heirate eine Familie&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Eine wirklich originelle deutsche TV-Serie* \u2013 gar eine, die im Ausland konkurrenzf\u00e4hig w\u00e4re &#8211; kann es in Zukunft nicht mehr geben. Wer\u00b4s hoffend glaubt, verkennt philantropisch die Sachlage, denn jene Konsumenten, die originelle Serien m\u00f6gen, verf\u00fcgen \u00fcber reichlich internationale Auswahl, w\u00e4hrend jene, die den Fernseher \u00fcberhaupt noch zur vorgeschriebenen Serienzeit einschalten, so gr\u00fcndlich gehandicappt sind, dass sie Originelles gar nicht verst\u00fcnden, geschweige denn zu sch\u00e4tzen w\u00fcssten. So bleibt denn den \u201eFernsehmachern\u201c nichts anderes \u00fcbrig, als f\u00fcr dieses noch vorhandene Publikum zu produzieren, und das ist nun mal vorwiegend sturzd\u00e4mlich.<\/p>\n<p>Was nicht bedeutet, dass das <em>gesamte<\/em> Publikum d\u00e4mlich ist, wei\u00df Gott nicht. Aber die intelligenteren Teile der Gesamtzielgruppe entscheiden eben selbst, wann ihre Serien laufen. Und welche. Und wer <span style=\"color: #000000;\"><strong><em>The Wire<\/em><\/strong> sieht, braucht nicht zus\u00e4tzlich <strong><em>KDD<\/em><\/strong>, wer <strong><em>Scrubs<\/em><\/strong> oder <strong><em>House M. D.<\/em><\/strong> kennt, braucht nicht <strong><em>Doctor\u00b4s Diary<\/em><\/strong><\/span>, und wer dann noch Kenntnis von der Existenz solcher Serien wie <strong><em>Californication<\/em><\/strong>, <strong><em>Mad Men<\/em><\/strong> oder <strong><em>Parenthood<\/em><\/strong> hat, braucht ja erst recht kein deutsches Angebot mehr \u2013 denn wer, um Himmels willen, soll sich das alles ansehen, so viel Zeit hat doch kein Mensch.<\/p>\n<p>Der Hinweis auf die zwei in den USA erfolgreichen Familienserien <strong><em><span style=\"color: #333333;\">Parenthood<\/span><\/em><\/strong> und <em><span style=\"color: #333333;\"><strong>Modern<\/strong> <strong>Family<\/strong><\/span><\/em> sei hier dennoch gestattet, denn beide (vor allem Parenthood) peilen erfolgreich eine vernachl\u00e4ssigte Zielgruppe an, zu der ich mich z\u00e4hle und zu der die 6-29j\u00e4hrigen eben nicht geh\u00f6ren: Erwachsene mit Kindern, die ohne Kinder fernsehen.<\/p>\n<p>Familienserien? Die? Mei. Nicht nach deutscher Programmdefinition, denn was hierzulande Familienserie hei\u00dft, hat jugendfrei und Richtung Krabbelstube abw\u00e4rtskompatibel zu sein, findet am Vorabend statt und kreist um Protagonisten wie Dr. Specht oder irgendwelche echten Affen. Erwachsene Themen finden m\u00f6glichst nicht statt, denn solche w\u00fcrden ja die mitgaffenden Kleinen \u00fcberfordern oder schlicht langweilen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend <em><strong><span style=\"color: #333333;\">Modern Family<\/span><\/strong> <\/em>als 25er-Comedy daherkommt und vom RTL-Publikum vermutlich verstanden wird (weshalb die Serie jetzt auf RTL Nitro anl\u00e4uft), ist <strong><em>Parenthood<\/em><\/strong> keinem Genre zuzuordnen, bestenfalls der <em>Dramedy<\/em>, die es in der hiesigen DIN-A-Schubladen-Wahrnehmung gar nicht geben sollte oder kann oder darf. Im echten Leben aber halten Drama und absurde Kom\u00f6die ausdauernd H\u00e4ndchen, und in diesem Wissen haben die Parenthood-Macher um Jason Katims ihren Stoff gestaltet: komisch, tragisch, herzlich, um relevante Themen kreisend, ohne wirkliche L\u00f6sungen f\u00fcr irgendwas anbieten zu wollen. Die portr\u00e4tierte Familie Braverman ist gro\u00df und besteht aus Rentner-Mom-und-Dad, ihren drei Kindern, deren angeheirateten Gef\u00e4hrten sowie diversen Enkeln, die Basen sind allesamt besetzt, von der heilen normalen Familie, deren j\u00fcngstes Kind sich als Autist entpuppt, \u00fcber den Hallodri-Bruder, dem eine Ex-Liebschaft pl\u00f6tzlich den gemeinsamen 5j\u00e4hrigen Sohn pr\u00e4sentiert, bis zur Karrieretochter mit gut aussendem \u201eStay-at-home-Dad\u201c, der von lauter flotten Yoga-M\u00fcttern angebaggert wird. Klingt solide, ist aber mehr, denn Jason Katims hat vor Parenthood die beste Serie aller Zeiten (<strong><em>Friday Night Lights<\/em><\/strong>) mit gestaltet und geschrieben, und wer die kennt, versteht um so besser, weshalb Schauspieler wie Peter Krause (Six Feet Under) und Lauran Graham (Gilmore Girls) sich um die Pl\u00e4tze in der Serie gerissen haben. Denn nicht nur ist die Temperatur des Dargebotenen perfekt gew\u00e4hlt, man findet auch die bew\u00e4hrte FNL-Machart wieder, die im besten Sinn europ\u00e4isch inspiriert ist: drei Kameras am Set, Vorgaben f\u00fcr die Darsteller nur im notwendigen Ma\u00df, Gestaltungsspielraum <em>galore<\/em>. Und das Ergebnis ist vorhersehbar: Man sieht nicht Schauspielern zu, man ist unter Menschen \u2013 und vergisst f\u00f6rmlich, dass zwischen uns und denen nicht nur eine Plastikscheibe steht, sondern Produktionsprozesse, Speichermedien und viele tausend Kilometer.<\/p>\n<p>Einziges Hindernis auf dem Weg zum Teilnehmen: Es gibt keine deutsche Fassung. Und nur die erste Parenthood-Staffel als europataugliche DVD. F\u00fcr Staffel 2 und die bald folgende 3 empfiehlt sich also bei anhaltender Sehnsucht nach erwachsenem Familienfernsehen die Anschaffung eines NTSC-DVD-Players.<\/p>\n<address><strong>Parenthood:<\/strong> Staffel 1 f\u00fcr zirka 20 Euro beim u.k.-H\u00e4ndler, der Rest h\u00f6chstens vom anderen Teichufer.<br \/>\n<strong>Modern Family<\/strong>: ab 2. April bei RTL Nitro (Pilot: 8. April, 23.50 h, RTL); DVDs (original) beim \u00fcblichen Einzelh\u00e4ndler.<\/address>\n<address><\/address>\n<address>* Ja, nat\u00fcrlich, Mensch, mit Ausnahme von <strong>Der letzte Bulle,<\/strong> das versteht sich doch wohl von selbst &#8230;<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine wirklich originelle deutsche TV-Serie* \u2013 gar eine, die im Ausland konkurrenzf\u00e4hig w\u00e4re &#8211; kann es in Zukunft nicht mehr geben. 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