{"id":373,"date":"2011-12-10T13:20:32","date_gmt":"2011-12-10T13:20:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=373"},"modified":"2013-01-25T22:21:23","modified_gmt":"2013-01-25T22:21:23","slug":"herrndorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=373","title":{"rendered":"Herrndorf"},"content":{"rendered":"<p><strong><em><span style=\"color: #000000;\">Tschick<\/span><\/em><\/strong> zu empfehlen, das war leicht: \u201eToll! Salinger, modern. Nur viel lustiger.\u201c <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Sand<\/span><\/em><\/strong> zu empfehlen, ist nur halb so leicht. Bis zum \u201eToll!\u201c geht\u00b4s genauso, aber danach, beim hilfreichen Etikettieren, wird\u00b4s haarig. Vielleicht geht\u00b4s ja so: \u201eAls w\u00e4ren Malcolm Lowry und Kafka nach ner Gehirn-OP im gleichen Zimmer aufgewacht und h\u00e4tten sich unter Prozac Geschichten erz\u00e4hlt, die dann Pfleger Vasquez-Figueroa aufgeschnappt und seinem Friseur Stephen Fry zur Nacherz\u00e4hlung \u00fcberlassen hat.\u201c<\/p>\n<p>Phantastisch. Grandios. Toll.<\/p>\n<p>Der Innenklappentext (<em>nicht<\/em> lesen!) ist ganz folgerichtig ein Dokument der Verzweiflung, denn nicht nur schafft der bedauernswerte Rowohlt-Werbetexter auf sieben Zeilen einen sagenhaften Spoiler, sondern auch die desperate Schlussfolgerung: &#8222;Nordafrika 1972.&#8220;<\/p>\n<p>Was f\u00fcr die Geschichte ungef\u00e4hr so egal ist wie \u201emit Buchstaben drin\u201c. Einfacher, wenn schon: Ein Mann mit angeschlagenem Sch\u00e4del versucht herauszufinden, wer er ist. Was durch diverse \u00e4u\u00dfere Hindernisse erschwert wird, vor allem aber durch sein eigenes Gehirn. Daraus entsteht eine kurzweilige und irrsinnige (sic) Geschichte um die doch viel grunds\u00e4tzlichere Frage: Wer bin ich, wenn ich mich auf mein Gehirn nicht mehr verlassen kann?<\/p>\n<p>Dar\u00fcber h\u00e4tte Herrndorf nat\u00fcrlich auch ein erfahrenes Sachbuch schreiben k\u00f6nnen oder ein trauriges autobiographisches, aber da er tats\u00e4chlich genial ist, kriegen wir ein sagenhaftes St\u00fcck unterhaltende Kunst.<\/p>\n<p>So gesehen. \u201eToll! Grandios. Lesen.\u201c Muss reichen.<\/p>\n<p>(Im \u00fcbrigen w\u00fcnsche ich mir zu Weihnachten (im Wissen, dass ich ein gnadenloser Egoist bin), dass Wolfgang Herrndorf auf wundersame und schulmedizinisch unerkl\u00e4rliche Weise \u00fcber Nacht spontangesund wird. Danach m\u00fcsste ich dann zwar auf einen verzichten, der mir aus der fast schon k\u00f6rperverlassenen Seele spricht* &#8211; aber das t\u00e4te ich gern. Bek\u00e4me ich doch so noch einen ganzen Haufen weitere grandiose Romane.)<\/p>\n<p>* Beispielhaft so, zitiert aus WHs\u00a0<a href=\"http:\/\/www.wolfgang-herrndorf.de\/\" target=\"_blank\">Blog<\/a> (17. 11), den zu lesen ich nicht sein lassen kann vor, nach und beim Kerzenanz\u00fcnden: \u201eIch habe es bisher immer vermeiden k\u00f6nnen, meinem Gegen\u00fcber mitten im Gespr\u00e4ch den R\u00fccken zuzuwenden und schreiend wegzulaufen oder ihm ins Gesicht zu schlagen. Aber dass das auch in Zukunft so bleibt, kann ich nicht garantieren. Ich sterbe, und du erz\u00e4hlst mir ungefragt deinen ganzen langweiligen Lebenslauf, M\u00e4dchen auf irgendeiner Party.<\/p>\n<p>Ein Bekannter, der vom Befund wei\u00df, kommt durch die T\u00fcr und erkl\u00e4rt, was f\u00fcr riesige Fortschritte die Medizin in den letzten Jahren gemacht habe, was die jetzt schon alles k\u00f6nnten, Brustkrebs, meine Schwester, wirklich erstaunlich, ja, und gute Besserung dann. Ja, dir auch.<\/p>\n<p>Und keiner stellt eine Frage. Keiner von diesen Herumschwallern stellt eine einzige Frage.\u201c<\/p>\n<address><strong>Wolfgang Herrndorf <\/strong>&#8211; <strong>Sand<\/strong> (Rowohlt Berlin 2011, 480 S., 19.95 \u20ac)<br \/>\n<strong>Wolfgang Herrndorf<\/strong> &#8211; <strong>Tschick<\/strong> (Rowohlt Berlin 2010, 256 S., 16.95 \u20ac)<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tschick zu empfehlen, das war leicht: \u201eToll! Salinger, modern. Nur viel lustiger.\u201c Sand zu empfehlen, ist nur halb so leicht. Bis zum \u201eToll!\u201c geht\u00b4s genauso, aber danach, beim hilfreichen Etikettieren, wird\u00b4s haarig. 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