{"id":34,"date":"2011-02-01T19:44:48","date_gmt":"2011-02-01T19:44:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=34"},"modified":"2014-01-25T13:12:40","modified_gmt":"2014-01-25T13:12:40","slug":"sterblich-in-wort-bild-und-ton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=34","title":{"rendered":"Sterblich in Wort, Bild und Ton"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Abblende. Und zwar bei uns bevorzugt auf die Themen \u201eKrankheit\u201c, \u201eSterben\u201c und \u201eTod\u201c. Mit diesem Trio muss man sich ja nun wei\u00df Gott nicht den Tag versauen, andererseits hat die Besch\u00e4ftigung mit eben jenem nat\u00fcrlich nicht nur deprimierende Aspekte, sondern wirkt geh\u00f6rig sinnstiftend in den Alltag hinein \u2013 gerade in den Alltag von Menschen, die noch nicht krank sind. Beziehungsweise gerade noch nicht sterben. Oder nicht mit \u201etodkrank\u201c konfrontiert sind.<\/p>\n<p>Deshalb gestatte ich mir die Weiterreichung einer Empfehlung meiner neuseel\u00e4ndischen Freundin A., die vor der ersch\u00fctternden Verletzung ihres Hauses in Christchurch immerhin noch Gelegenheit hatte, mir <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Lionel Shriver <\/span><\/em><\/strong>ans Herz zu legen, genauer: <strong>So much for that<\/strong>, einen absolut gro\u00dfartigen Roman (der im M\u00e4rz 2011 endlich auch auf Deutsch erscheint, unter dem Titel <em><strong>Dieses Leben, das wir haben<\/strong><\/em>).<\/p>\n<p>Der \u201ePlot\u201c ist simpel: Ein ehrlicher und tapferer Gutmensch (Shep), beschlie\u00dft mit zirka Ende vierzig, endlich zu tun, was er immer wollte. N\u00e4mlich ins \u201eAfterlife\u201c umzuziehen, zu Lebzeiten &#8211; in die Sonne, an den Strand, auf eine Insel im indischen Ozean, wo es sich von einem Dollar pro Tag gut leben l\u00e4sst. Shep besitzt, da er vor einem Jahrzehnt seine Firma verkauft hat, fast eine Dreiviertelmillion Dollar, das wird auf Pemba bis zum Lebensende reichen, f\u00fcr ihn, seine Frau und seinen sechzehnj\u00e4hrigen Sohn. Shep, der gute Mann, bereitet alles vor, bucht Fl\u00fcge, packt seine Taschen und stellt seine Frau vor vollendete Tatsachen: Ich gehe \u2013 und freue mich, wenn ihr beide mitkommt. Was sie (eine sagenwirmal schwierige Pseudok\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit) prinzipiell sogar vorstellbar findet, mit einer kleinen Einschr\u00e4nkung. Sie m\u00fcsste vorher noch mal kurz auf die gemeinsame Krankenversicherung zur\u00fcckgreifen, denn wie sie seit einigen Tagen wei\u00df, hat sie Krebs.<\/p>\n<p>Im folgenden schickt Shriver ihren (ja, \u201eLionel\u201c ist eine Frau) Shep resp. Hiob erbarmungslos in den existenziellen Keller, Schritt f\u00fcr Schritt und unaufhaltsam. Sheps Frau Glynis hat mit ihrer wirklich fiesen und unheilbaren Krebsart eine Lebenserwartung von nur noch maximal einem Jahr, will davon aber nichts wissen, sondern Chemos, will wieder ganz gesund werden und irgendwen verklagen, der daran schuld ist. Denn irgendwer muss ja schuld sein, irgendeinen Asbesthersteller, irgendwo. Die gemeinsamen Freunde nehmen Anteil, weinen solidarisch und verk\u00fcnden \u201eWenn wir\u00a0irgendwas\u00a0tun k\u00f6nnen &#8230;!\u201c, um dann direkt im Anschluss an die Bekundungen nicht mehr ans Telefon zu gehen oder wahnsinnig viel unterwegs zu sein. Sheps k\u00fcnstlerische und Geschwister, Gef\u00fchlsmutanten und Hirnspender par excellence, erwarten weiter finanzielle Unterst\u00fctzung vom \u201ereichen\u201c Bruder, und nat\u00fcrlich f\u00e4llt der greise Vater auch noch die Treppe runter und muss kurz ins Heim. Oder auch l\u00e4nger. W\u00e4hrend Sheps Sohn eh nur noch wortkarg virtuell lebt, bis nach S\u00fcdjapan vernetzt mit anderen grundlos depressiven Jugendlichen.<\/p>\n<p>Gutmensch Shep wird zum Pfleger seiner todkranken Frau, obwohl die Ehe l\u00e4ngst keine mehr war, vertagt seinen \u201eAfterlife\u201c-Plan, selbstredend, und wir d\u00fcrfen zusehen, wie sein Leben und seine Tr\u00e4ume (sowie nat\u00fcrlich sein Verm\u00f6gen) rasant vernichtet werden.<\/p>\n<p>Das bemerkenswerte an Shrivers Parabel ist, dass sie so verflucht sachlich ist und nie k\u00fcnstlich bitter ger\u00e4t. Jeder kennt die Menschen, die Shep umgeben, aus seinem eigenen Leben, und jeder, der die Destruktion des guten Mannes verfolgt, wei\u00df, dass es ihm (oder ihr) genauso ginge.<\/p>\n<p>Shep hat keine Chance. Zugegeben, die Begleitumst\u00e4nde sind, da amerikanisch, brutaler als in unserem kuschligen AOK-Land, womit Shriver die totale materielle Vernichtung ihres Protagonisten etwas flotter gelingt, dennoch ginge auch ein deutscher \u201eShep\u201c binnen 12 bis 24 Monaten komplett vor die Hunde.<\/p>\n<p>Es ist fast unerheblich, wie \u201ehappy\u201c das Ende eines solchen Romans \u00fcberhaupt geraten kann (verbl\u00fcffend, \u00fcbrigens), denn die Frage, die er aufwirft, ist unabh\u00e4ngig vom Ausgang (zumal der ja in jedem Leben der gleiche ist): Wie sollen wir unser Leben leben? Wie lange wollen wir unsere Tr\u00e4ume Tr\u00e4ume sein lassen \u2013 und den Beginn unseres Lebens auf \u201esp\u00e4ter\u201c verschieben? Bis uns jemand die Entscheidung abnimmt? Und den Weg ein f\u00fcr alle mal versperrt? Das w\u00e4r\u00b4s dann gewesen, eben: So Much For That.<\/p>\n<p>Wer indes gerade keine Zeit oder keine Lust auf einen 500 Seiten dicken Hiobs-Roman hat, wohl aber der Frage \u201eWas soll\u00b4n das hier eigentlich werden?\u201c nicht permanent ausweichen mag, der investiere 2 Stunden wahlweise in Nick Cassavetes ebenso traurigen wie lebensbejahenden Film <strong><em><span style=\"color: #000000;\">My sister\u00b4s keeper<\/span><\/em><\/strong>, in den zu Unrecht vergessenen\u00a0<em><strong>Marvin\u00b4s Room<\/strong><\/em> oder, etwas deutscher, Ben Verbongs Krebssterbekom\u00f6die <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Ob ihr wollt oder nicht<\/span><\/em><\/strong>. Alle drei helfen dem seiner Wurzeln beraubten Vollst\u00e4dter, sich behutsam gef\u00fchrt den Grenzen seiner Existenz zu n\u00e4hern. Was dann am Ende so oder so nicht zu Kummer oder Selbstmitleid f\u00fchrt, sondern zur Verinnerlichtung der Top 2 der ewigen Aphorismen-Charts: Memento Mori. Carpe diem.<\/p>\n<p>Sparen kann man sich hingegen \u2013 als ggf. Selbstkranker \u2013 die Lekt\u00fcre von <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Tim Parks: Die Kunst, stillzusitzen<\/span><\/em><\/strong>, sowie das neue Buch der von mir hochgesch\u00e4tzten <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Caroline Myss<\/span><\/em><\/strong>. Die n\u00e4mlich in <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Defy Gravity<\/span><\/em><\/strong> auf ihrem Weg von der \u201emedialen Heilerin\u201c zur Mystikerin in den Fu\u00dfstapfen der heiligen Theresa von Avila (\u201eDie innere Burg\u201c = Myss\u00b4 \u201eEntering the Castle\u201c) nun endlich bei der Erkenntnis angekommen ist, dass es gewisse Dinge gibt, die wir eben\u00a0nicht\u00a0selbst vollst\u00e4ndig heilen k\u00f6nnen. Und zwar nicht nur z. B. abgefahrene Beine, sondern auch einige andere abgefahrene Behinderungen.<\/p>\n<p>Was beides, alles und sowieso nicht weiter schlimm ist, aber das hatte Myss in ihrem direkt vom Kosmos diktierten Buch\u00a0<strong><em><span style=\"color: #000000;\">Why people\u00a0don\u00b4t heal and how they can <\/span><\/em><\/strong>bereits endg\u00fcltig und endg\u00fcltig\u00a0<em>awe-inspiring<\/em> formuliert.\u00a0Defy Gravity\u00a0ist weniger, denn Defy Gravity\u00a0l\u00e4sst sich auf eine simple Formel bringen: Letztlich liegt alles nicht in Deiner Hand. Sondern in denen h\u00f6herer M\u00e4chte. Sich deren Gnade zu \u00fcberantworten, ist eine herrlich gute und richtige Idee. Aber keine besonders neue, und keine, die man auf 250 Seiten auswalzen muss. Es tut auch ein schlichter Absatz, ungef\u00e4hr so:<\/p>\n<p>Genie\u00df Deine tempor\u00e4re Existenz (mit oder ohne Beine), solange sie dauert, sei dankbar f\u00fcr das Gute, das Du erlebst, und trage Deine Last wie ein Mann resp. eine Frau. F\u00fchre ein gutes Leben, im Sinne der ewigen Regeln, die Deine Seele als ewig g\u00fcltig kennt (falls nicht: check Jesus\u00b4, vor allem die letzten Meter, und den Kernsatz des ollen Kant). Im \u00fcbrigen: Hilf Dir selbst, dann helfen Dir die G\u00f6tter. Und mach dir keine Sorgen, denn Du gehst ja in diesem Kosmos nicht verloren. Wohin denn auch?<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abblende. Und zwar bei uns bevorzugt auf die Themen \u201eKrankheit\u201c, \u201eSterben\u201c und \u201eTod\u201c. 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