{"id":308,"date":"2011-09-22T08:53:46","date_gmt":"2011-09-22T08:53:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=308"},"modified":"2011-11-04T17:43:51","modified_gmt":"2011-11-04T17:43:51","slug":"kunstlerdammerung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=308","title":{"rendered":"K\u00fcnstlerd\u00e4mmerung (#2)"},"content":{"rendered":"<p>(Die gestrigen \u00f6ffentlichen und privaten Postfach-Kommentare zu meinen Buchpreis-Anmerkungen verk\u00fcrzt zusammenfassend:) \u201eDie Verlage und der Buchhandel verdienen zu viel!\u201c Echt?<\/p>\n<p>Weil die Verlage vom Erl\u00f6s eines 10-Euro-Taschenbuchs 4 Euro behalten? Weil die Buchh\u00e4ndler von jedem 10 Euro-Buch weitere 4 Euro behalten? Herrgott, von irgendwas m\u00fcssen die doch auch leben, all diese flei\u00dfigen Werker. Die in den Verlagen, die ihre Autoren betreuen, B\u00fccher gestalten und drucken lassen, Anzeigen schalten \u2013 da bleibt doch bei einem 5.000 mal verkauften Taschenbuch kaum was h\u00e4ngen f\u00fcr den Gewerbesteuereintreiber, das schnallt schon meine Achtj\u00e4hrige per \u00dcberschlagsrechnung. 50.000 Einnahme minus 7% Mwst, Herstellungskosten, Vertrieb, anteilige Lohn-, Lohnneben- und Sozialversicherungskosten f\u00fcr die Angestellten, die das Buch lektorieren, korrigieren, setzen \u2013 und die nebenher auch noch ein paar andere Dinge tun, zum Beispiel viele miese Manuskripte anlesen und Ablehnungen in Umschl\u00e4ge stecken; Druckereien, Autos zum Ausliefern, Anzeigen, die getextet und gestaltet werden wollen &#8230;<\/p>\n<p>Und meine Buchh\u00e4ndlerin, die soll pro verkauftem Taschenbuch <em>keine<\/em> 4 Euro kriegen? Wovon soll die denn leben? Die Gute hei\u00dft doch nicht mit Nachnamen Amazon &#8211; und verkauft im Monat mit Gl\u00fcck 300 von diesen Billig-B\u00fcchern, und dazu noch mal 100 Hardcover.<\/p>\n<p>Soll sie sich doch gehackt legen? Beratung beim Buchkauf braucht doch eh keiner mehr? Und Lektoren auch nicht?<\/p>\n<p>Himmel. Nein, nicht die \u201egierigen\u201c Verlage und Buchh\u00e4ndler (au\u00dfer den gro\u00dfen gierigen) sind das Problem. B\u00fccher. Sind. Zu. Billig.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnt man nat\u00fcrlich weiter die Achseln zucken als Konsument und sich selbst sowie den Autoren sagen, \u201eGut, dann lasst das halt mit dem Schreiben. Oder bezahlt es selbst. Sucht euch einen anst\u00e4ndigen Job und schreibt in der Freizeit.\u201c Dabei allerdings kommt dann halt auch nur Freizeitliteratur heraus, entsprechend einem von mir in meiner Freizeit restaurierten Jaguar E-Type, vulgo: so l\u00e4uft das nicht, jedenfalls nicht mit Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aber gut. Aber: mei. Schreiben kann ja eh jeder. Lernt man doch in der Schule. Ist doch keine Kunst. Haken dahinter, weiter im Text.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnt ja statt dessen &#8230; Popstar werden. Oder Filme drehen. Gut, ich hab das Gegenargument klingelnd im Kopf, schon klar: Es gibt viel zu viele \u201eK\u00fcnstler\u201c, und wir k\u00f6nnen nicht alle davon leben, dass wir uns gegenseitig beim Singen filmen. Klingt cool und wahr, ist aber doch nur wieder <em>nothing but half the truth<\/em>. Denn gerade unter den wirklich originellen singenden und bildnernden K\u00fcnstlern sind etliche, die vom H\u00f6rer, Leser oder kuckenden Sonstwiekonsumenten nicht nur schlecht bezahlt werden, sondern gar nicht.<\/p>\n<p>Jaron Lanier, Netz-Urgestein und garantiert kein Neo-Luddist, hat schon vor Jahren v\u00f6llig zurecht darauf hingewiesen, dass <em>Youtube<\/em> und Co. <em>s\u00e4mtlichen<\/em> K\u00fcnstlern den Garaus machen. Denn es werden ja nicht nur die jungen Talente, die dort ausstellen, um bekannt zu werden, nicht honoriert \u2013 das Angebot an umsonst zu konsumierender Kreativit\u00e4t zertr\u00fcmmert auch den gesamten Markt f\u00fcr jene K\u00fcnstler, die daf\u00fcr bezahlt werden <em>m\u00fcssen<\/em>, dass sie arbeiten.<\/p>\n<p>Wie sich das l\u00f6sen l\u00e4sst? Recht simpel. Wir zwacken einfach 8 Euro monatlich von der GEZ-Geb\u00fchr ab und verteilen die um. N\u00e4mlich an die K\u00fcnstler. \u201eFlattr\u201c macht das ja schon vor, allerdings setzt der Dienst a) auf Freiwilligkeit und will b) selbst Geld verdienen, was sich in diesem noblen Volkskunstversorgungszusammenhang verbietet. Drum: Jeder deutsche Steuerpflichtige zahlt ab heute 100 Euro p.a. als \u201eK\u00fcnstlergroschen\u201c, die Kohle wird automatisch monatlich abgebucht, im Rahmen der Sozialabgaben. Daf\u00fcr kriegt aber auch jeder Steuerpflichtige ein modifiziertes \u201eFlattr\u201c-Konto, sprich, so oft er irgendwas im Netz sieht, h\u00f6rt oder liest, was ihm gef\u00e4llt, belohnt er das per Klick auf das entsprechende Gef\u00e4llt-mir-Simpelk\u00e4stchen mit einem, zwei oder zehn Punkten im Gegenwert von meinetwegen 10 Cent. Und zwar solange, bis sein 100-Euro-Konto leer ist. Dann gibt\u00b4s erst im n\u00e4chsten Januar wieder was f\u00fcr die coolen K\u00fcnstler. Nicht pers\u00f6nlich vergebene Guthaben gehen direkt in den gro\u00dfen K\u00fcnstlereimer, bei dem jeder Mitglied werden kann, der Kunst ver\u00f6ffentlich, so kommt der Rest des Geldes unter die guten Leute. Damit wir uns nicht missverstehen: Wir reden hier \u00fcber bummelig 25 Millionen Erwerbst\u00e4tige x 100 Euro, also ein j\u00e4hrliches Kunstf\u00f6rderungsprogramm von 2,5 Milliarden Euro. Zum pro-deutsche-Nase-Monatsabopreis von 8 Euro 50! (Wie, ich kann nicht rechnen? Kann sein, aber die Details kriegt garantiert mein Buchhalter raus, wenn ich erst das Kultusministerium \u00fcbernommen hab. Wie, es <em>gibt<\/em> gar kein Kultusministerium?)<\/p>\n<p>Und noch mal wie: das ist ja ne zweite GEZ? Ja! Und zwar eine zeitgem\u00e4\u00dfe! Das muss doch mal aufh\u00f6ren, Kinder, euer komplett verstrahltes \u201eIch will aber immer alles billig, und die Kunst, die Kreativit\u00e4t und die nicht so ganz massentaugliche Unterhaltung, die ich so liebe, die will ich <em>umsonst<\/em>!\u201c Das ist Zechprellerei als Volkssport. Ihr geht doch auch nicht \u00fcber den Wochenmarkt und esst da alles auf, ohne zu zahlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Die gestrigen \u00f6ffentlichen und privaten Postfach-Kommentare zu meinen Buchpreis-Anmerkungen verk\u00fcrzt zusammenfassend:) \u201eDie Verlage und der Buchhandel verdienen zu viel!\u201c Echt? Weil die Verlage vom Erl\u00f6s eines 10-Euro-Taschenbuchs 4 Euro behalten? 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