{"id":303,"date":"2011-09-21T14:00:33","date_gmt":"2011-09-21T14:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=303"},"modified":"2011-11-04T17:45:04","modified_gmt":"2011-11-04T17:45:04","slug":"kunstlerdammerung-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=303","title":{"rendered":"K\u00fcnstlerd\u00e4mmerung (#1)"},"content":{"rendered":"<p><em>B\u00fccher sind viel zu billig<\/em>. Sprach gestern Wolfgang Falk, dtv-Chef, aus der FAZ, und hat recht. Dem gemeinen Leser wird das aber erstens egal sein und zweitens am Arsch vorbei gehen, denn der gemeine Leser will ja nur: lesen. Und das, selbstredend, m\u00f6glichst g\u00fcnstig. Drum wartet er ja auch auf die Romantaschenbuchausgabe f\u00fcr 9,99 \u20ac, weil ihm ein Hardcover zum verlegerischen Selbstmord-Kampfpreis von 19,90 \u20ac zu teuer ist. Immerhin: f\u00fcr 19,90 kriegt man ja schon &#8230; mindestens &#8230; anderthalb Autow\u00e4schen (mit Hartwachs). Oder 1 Kilo Bio-Kaffee.<\/p>\n<p>Die Buchbranche sieht derzeit ihre Felle sacht davonschwimmen, die Ums\u00e4tze gehen zur\u00fcck, und wer nicht wenigstens einen Massenseller vom Schlage Roche, Sarrazin oder Larsson per anno raushaut, der krebst wild druckend am Rande der Insolvenz vor sich hin. Was nat\u00fcrlich schlecht ist. Was auch und vor allem daran liegt, dass die Buchpreise seit 50 Jahren nicht gestiegen sind. Im Gegensatz zu allen anderen Preisen, L\u00f6hnen und Geh\u00e4ltern.<\/p>\n<p>Der gemeine Leser empfindet jetzt gef\u00e4lligst Mitleid. Mit den Verlagen. Was der gemeine Leser aber mangels Interesse (sowie mangels geeigneter Lobby-Kommunikationsm\u00f6glichkeiten der Autoren) \u00fcberhaupt nicht auf dem Schirm hat, ist, dass die eigentlichen Leidtragenden der allgemeinen Preispolitik die Autoren sind. Jedenfalls die paar Autoren, die keine Bestseller schreiben.<\/p>\n<p>Reflexartig zuckt man die Achseln und denkt sich, \u201eJa, pfff, wer keine Leser hat, der kann vom Schreiben halt auch nicht leben\u201c, aber daraus wird kein Schuh. Denn einer, der sagenwirmal 5.000 Leser hat, <em>sollte<\/em> ja durchaus vom Schreiben leben k\u00f6nnen. 5.000 Menschen, denen Autors erz\u00e4hlte Geschichte 10 oder gar 20 Euro wert ist, das sind doch immerhin 50-100.000 Euro Einnahmen, und damit kann man ja durchaus klarkommen als normaler Durchschnittsfamilienvater.<\/p>\n<p>Seltsamerweise kommt der gemeine Leser aber gar nicht auf die Idee, ein erfolgreicher Autor (mit 5.000 Lesern) m\u00fcsse von den 50-100.000 Reinerl\u00f6s mehr als eine kleine Vermittlungsgeb\u00fchr an den Verlag abtreten. Und sobald dann gar einer einen kleinen \u201eBestseller\u201c vorlegt (wie j\u00fcngst mein alter Freund Br\u00f6ckers), sprich: 20 oder 30tausend B\u00fccher zum Preis von 16,99 \u20ac verkauft, tauscht sich der Beobachter in Leseratten-Foren mit Gleichgesinnten aus, wegen der \u201egoldenen Nase\u201c, die sich der Autor nun wohl verdient.<\/p>\n<p>Drum. F\u00fcr die Akte: Die kleine \u201eVermittlungsgeb\u00fchr\u201c, die Autoren an Ihre Verlage und Zwischenh\u00e4ndler entrichten, betr\u00e4gt 95% des Verkaufspreises. Beim Taschenbuch. Beim Hardcover sind\u00b4s nur 90%. Sprich: von den 9,99 \u20ac, die der Buchh\u00e4ndler vom Leser kassiert, kommen beim Autor an: 50 Cent. Ein beliebter Autor, der ein einsames Arbeitsjahr mit dem Anfertigen eines sch\u00f6nen langen Textes f\u00fcr 5.000 Leser verbringt, kommt so auf eine Jahreseinnahme von nicht ganz 50.000 Euro, sondern: 2.500 \u20ac.<\/p>\n<p>Die goldene Nase des Bestsellerautors sieht auch nicht so viel gl\u00e4nzender aus, denn wer 20.000 Hardcover-Kopien seines beliebten Textes zum Preis von 16,99 \u20ac unters Volk bringt, erh\u00e4lt daf\u00fcr nicht etwa 340.000 \u20ac, sondern etwa 34.000 \u20ac. Immerhin: der Bestsellerautor k\u00f6nnte sich davon eine gediegene 2-Zimmer-Mietwohnung leisten. Zum Beispiel in Braunschweig. Sofern er keine Kinder hat.<\/p>\n<p>Sein von immerhin 5.000 Menschen gern gelesener Kollege hingegen wird mit seinem Honorar von 2.500 \u20ac im Jahr nicht ganz so weit kommen. Sondern muss bei seiner Mutter wohnen bleiben.<\/p>\n<p>Deshalb hat Herr Falk recht: B\u00fccher sind viel zu billig. Taschenb\u00fccher m\u00fcssen mindestens 15-20 Euro kosten, Hardcover mindestens 40. Verteilen wir die zus\u00e4tzlichen Einnahmen zu 90% in Richtung der Autoren und zu 10% in Richtung der Verlage, ist ein erster zarter Schritt in Richtung Existenzminimumsicherung f\u00fcr beliebte Schreiber gemacht. Den Rest finden wir dann auf dem Weg heraus.<\/p>\n<p>Wie, Wunschdenken? Klar, was denn sonst? Aber die Verlage fragen sich ja zu Recht, wohin ihr Weg f\u00fchren soll. Sofern sie bei ihrem Gesch\u00e4ftsmodell bleiben und nur Autoren eine Heimat bieten, die bei Mutti wohnen oder das Schreiben als Hobby neben der Beamtenlaufbahn betreiben, vermutlich ins Nichts. Denn am Horizont lauert eine schreckliche Gefahr: Die Autoren k\u00f6nnten sich nach der n\u00e4chsten Eink\u00fcrzungsrunde auf 3,5% vom noch einmal gedumpten Saturn-Verkaufspreis verhungernd abwenden \u2013 und via Kindle in Kombination mit einem Book-on-demand-Deal direkt an ihre 5.000 Leser. Womit die meisten wohl finanziell deutlich besser dast\u00fcnden (sofern, eben, sie \u00fcberhaupt Leser haben, die sie sch\u00e4tzen; aber falls sie so was gar nicht haben, n\u00e4mlich Leser, n\u00fctzt ihnen ja auch ein Verlag nichts).<\/p>\n<p>Immerhin: es herrscht auf ganzer Linie alarmierte Einigkeit zwischen Autoren und Verlegern: B\u00fccher sind viel zu billig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fccher sind viel zu billig. Sprach gestern Wolfgang Falk, dtv-Chef, aus der FAZ, und hat recht. Dem gemeinen Leser wird das aber erstens egal sein und zweitens am Arsch vorbei gehen, denn der gemeine Leser will ja nur: lesen. 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