{"id":2650,"date":"2023-10-19T16:00:41","date_gmt":"2023-10-19T16:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2650"},"modified":"2023-10-19T19:03:31","modified_gmt":"2023-10-19T19:03:31","slug":"wir-fragilen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2650","title":{"rendered":"Wir Fragilen"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt Menschen wie mich. Irgendwo da drau\u00dfen. Ich kenne ihre Namen nicht, ich kann sie nicht sehen, und sie melden sich auch nicht bei mir, aber ich wei\u00df, dass es sie gibt. Dies zu wissen, beruhigt mich, vers\u00f6hnt mich, tr\u00f6stet mich. Auch wenn es praktisch folgenlos bleibt, denn es \u00e4ndert weder etwas an den herrschenden Zust\u00e4nden, noch an meinem Gesundheits- oder Kontozustand. Und doch: Zu wissen, dass es euch gibt, beruhigt mich. Ich bin nicht allein aus der Art geschlagen, es gibt andere wie mich. Irgendwo.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass wir einander nicht kennen, liegt in der Sache selbst, in unserer Natur. Was uns verbindet und zugleich die Begegnung verhindert, ist Fragilit\u00e4t. Was uns im Herzen verbindet und deshalb im Raum trennt, ist ein schwaches Nervenkost\u00fcm, ein empfindliches Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind so vielem nicht gewachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durchaus: Sanftheit! Freundlichkeit! Umarmungen! Scherzen! Satire, Ironie und tieferer Bedeutung! Wohl aber auch jedem respektvollen Austausch von Urteilen und Ansichten, die M\u00f6glichkeit des eigenen Irrtums immer im Blickwinkel. Nicht aber gewachsen sind wir dem L\u00e4rm, der Dummheit, der Grobheit des Vortrages wie der Geste, der 99 von 100 unserer Gegen\u00fcber ganz selbstverst\u00e4ndlich ist und sie nicht im Mindesten ber\u00fchrt. Uns geht es anders. Unsere Antennen sind fein, nicht stabil. Bei Windst\u00e4rken ab 3 brechen die einfach ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Windst\u00e4rken 4 bis 12 herrschen allerdings fast \u00fcberall. Nicht nur unter den meisten, den Lauten, Groben, die sich ganz vortrefflich finden und einander erst recht, allerorten, unter dem allerkleinsten gemeinsamen Nenner. Aber nicht nur unter den allgegenw\u00e4rtigen Schlachtern, dumpfen Vorstoppern und Vollkaskofrauen mit schweren Knochen sind wir ersch\u00fcttert deplatziert. Uns wirft schon der nur an sich selbst dichtende J\u00fcngling aus der Bahn, umso mehr die Achtsamkeit predigende Beamtin in Teilzeit, die achtsam und liebevoll allein sich selbst im Blick hat (denn erst muss sie ja ganz zu sich kommen und sich mit ihrem inneren Kind vers\u00f6hnen, ehe sie verantwortungsvoll den Blick auch auf andere richten wird k\u00f6nnen).<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind so leicht zu ersch\u00fcttern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Laute wirft uns aus der Bahn. Das Dumpfe wirft uns aus der Bahn. Das Aktivaggressive wie das passive. Das Primitive. Das Achtlose. Das D\u00e4mliche. Das Plappernde. Das Egozentrische. Das Luxusjammern, das L\u00e4stern, das Wehleiden an Nichts. Das Lethargische. Das Schweigende.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind so allumfassend instabil.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wissen nicht erst seit gestern, sondern seit unserem ersten Tag im Kindergarten, dass alles uns Selbstverst\u00e4ndliche ganz und gar exotisch ist und ganz und gar nicht kompatibel mit 99 von 100 unserer Mitkinder und sp\u00e4teren -menschen. Wir sehen sie, sie uns nicht. Wir sind leise, sie nicht. Wir denken nach, sie nicht. Wir zweifeln, zuerst an uns selbst, sie nicht, und wenn, an sich selbst zuletzt. Wir wollen teilen, in Frieden sein, tr\u00f6sten und getr\u00f6stet werden, sie nicht. Wir haben f\u00fcr alles Lebende eine Schw\u00e4che, sie nicht. Sie haben St\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kennen einander nicht. Nat\u00fcrlich finden wir nicht zueinander. Nat\u00fcrlich gehen wir nicht f\u00fcreinander auf die Barrikaden. Nat\u00fcrlich verteidigen wir nicht mit flammenden Reden und in die \u00d6ffentlichkeit gehaltenen Gesichtern den einen, die eine von uns, die ihre Stimme erhebt f\u00fcr den Menschen, die sich hinausgewagt hat ins Feuer des Gew\u00f6hnlichen, des Groben, in die alles vernichtende Gemeinheit der Allgemeinheit. Wir f\u00fchlen mit, o ja, aus tiefstem Herzen. Wir senden gute Gedanken durchs f\u00fcnfte Element, und ob! Und schweigen. Es nimmt uns alles so sehr mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist uns nicht gegeben, zusammenzustehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde euch nie kennenlernen, nie sehen, nie h\u00f6ren. Aber ich bin nicht allein. Nicht nur auf meinem Dach liegt ab Windst\u00e4rke 3 eine geknickte Antenne. Ihr seid da. Am Lauf der Dinge \u00e4ndert das nichts. In mir alles. Zu wissen, auf allen Wegen durch Leben und Menge, dass ihr da seid, irgendwo, allerorten, unauff\u00e4llig bis zur Unsichtbarkeit, still, leise und von edlem Gem\u00fct, am Rande gehend, still unter all den Groben und Gemeinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind so ganz und gar nicht ger\u00fcstet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut zu wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin bereichert, vers\u00f6hnt und beruhigt, weil es euch gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Menschen wie mich. Irgendwo da drau\u00dfen. Ich kenne ihre Namen nicht, ich kann sie nicht sehen, und sie melden sich auch nicht bei mir, aber ich wei\u00df, dass es sie gibt. 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