{"id":2331,"date":"2019-04-08T09:53:13","date_gmt":"2019-04-08T09:53:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2331"},"modified":"2019-04-08T09:53:14","modified_gmt":"2019-04-08T09:53:14","slug":"spassbremsen-fuer-fortgeschrittene%ef%bb%bf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2331","title":{"rendered":"Spa\u00dfbremsen f\u00fcr Fortgeschrittene\ufeff"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn einem so viele Autos entgegenkommen, sind das nat\u00fcrlich <em>alles<\/em> Geisterfahrer &#8230; aber gelegentlich beschleicht mich ja nun doch der Verdacht, dass die Dinge anders liegen bzw. ausgerichtet sind, n\u00e4mlich meine Schnauze ordnungswidrig in den korrekt fahrenden Mainstream. Ich arbeite daher gerade an einem Wendeman\u00f6ver, denn &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>1) Wollte die Hamburger MoPo dringend meinen Standpunkt zum Krankensystem haben, bat mich, meinen <a href=\"https:\/\/www.erz\u00e4hler.net\/?p=2262\">Blogeintrag<\/a> dazu auf geeignete Weise zu k\u00fcrzen, war dann aber (nach meiner K\u00fcrzung) der Meinung, nee, das sei ja &#8230; polemisch. Und auch gar kein Standpunkt. Jedenfalls nicht der gew\u00fcnschte, also der der Redakteurin, die in nuce auf dem eigenen Standpunkt steht, es gebe eben nicht zu viele \u00c4rzte, sondern zu wenige. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Standpunkte sind also als Freunde\nauseinandergegangen, meiner bleibt ungedruckt. Ulrich Montgomery \u00fcbernimmt garantiert\ngern.<\/p>\n\n\n\n<p>2) Sa\u00df ich letzte Woche in einer Gespr\u00e4chsrunde zum Thema \u201eWie krank ist unser Gesundheitssystem\u201c. Schon im Vorgespr\u00e4ch war allerdings klar, dass meine Position wenig brauchbar ist, denn ich bin ja der Ansicht, dass unser Gesundheitssystem nicht krank ist, sondern tot. Hingegen ist das Krankensystem, das an die Stelle des Gesundheitssystems getreten ist, kerngesund. Hierzu muss man dann allerdings satte 2-5 Minuten lang vertiefen, dass das Krankensystem keine Insel ist, sondern Teil des Wachstumssystems, dessen Erfolg wir mittels BIP messen \u2013 also jener Zahl, vor der sogar ihr Erfinder, Nobelpreistr\u00e4ger Simon Kusnets, von Anfang an warnte \u2013 und vor ein paar Jahren noch mal <em>sehr<\/em> deutlich. Er ist in guter Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach meiner Erfahrung l\u00e4sst sich das Drama sehr hell und schnell\nvermitteln, und es versteht auch jeder, worin das Problem tats\u00e4chlich besteht.\nAuf dieser Grundlage l\u00e4sst sich dann prima verhandeln, ob man das Krankensystem\nin sich \u00e4ndern kann, ob man das Gesamtsystem \u00e4ndern m\u00fcsste, ob das \u00fcberhaupt\ngeht, und \u2013 wenn nicht \u2013 wie man die eigene Gesundheit in Zukunft noch sch\u00fctzen\nkann. Auch hier: wenn \u00fcberhaupt &#8211; siehe Digitale Patientenakte, CancerSeek und\nAbilifyMyCite. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber all das scheint &#8230; weitgehend uninteressant zu sein. Jedenfalls f\u00fcr Menschen, die im Krankensystem t\u00e4tig sind oder \u201ekomplement\u00e4re\u201c Heilungen anbieten oder die f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Publikum arbeiten und senden und dabei wissen: Das wollen die Leute nicht h\u00f6ren, die Leute = das Publikum. Da f\u00fchlt sich der Zuschauer angegriffen, wenn man den f\u00f6rmlichen Ball zu ihm zur\u00fcckspielt und ihn in die Selbstverantwortung nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits &#8230; waren dann nach der Veranstaltung doch\ndiverse Menschen aus dem Publikum bei mir und fragten sich (und mich), wieso\ndenn all meine Versuche, \u00fcbers angek\u00fcndigte Thema zu reden, so schnell erstickt\nworden waren. Ich will mal optimistisch annehmen, dass das nur an der Besetzung\nder Runde lag, denn fraglos konnten die alle besser als ich Hoffnungen wecken,\ndass man mit etwas gutem Willen so gut wie jede Krankheit wieder loswird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00f6rt man das gern.<\/p>\n\n\n\n<p>3) Bin ich eine echte Mehrfachspa\u00dfbremse. Aber eine\nh\u00f6fliche. Ich habe mir daher in der Runde alle Bemerkungen verkniffen, die\ndarauf h\u00e4tten hindeuten k\u00f6nnen, dass es auch so was wie Schicksal gibt \u2013 und\ndass wir eben nicht auf <em>alles<\/em>\nEinfluss haben. Mir erscheint das wichtig, und ich finde es auch nicht als\nSpoiler, wenn man sich die M\u00f6glichkeit des Scheiterns eingesteht. Aber auch das\nwill offenbar keiner wissen. Weil man dann &#8230; direkt die Hoffnung verliert?<\/p>\n\n\n\n<p>Aus meiner Erfahrung mit den vielen, die sich an mich\nwenden, ist das Gegenteil der Fall. Sich einzugestehen, dass man Krankheit nun\nmal offensteht und dass es auch so was wie echte \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse und <em>Schicksal<\/em> gibt, deprimiert \u201emeine\u201c\nRatsuchenden nicht, sondern befreit sie von Schuldgef\u00fchlen. Unser Bem\u00fchen,\nwieder heil zu werden und daf\u00fcr alles zu tun, unseren K\u00f6rpern und Seelen zu\nhelfen, ist nicht kleiner als vor der Erkenntnis \u201eEs k\u00f6nnte aber auch\nschiefgehen\u201c, sondern mindestens genauso gro\u00df wie vorher. Daraus ergibt sich\naber eine Zusatzerkenntnis, die mir essentiell erscheint: Wir sind jederzeit\nsterblich. Und es ist nicht deprimierend oder schlimm, sich das einzugestehen,\nes ist hilfreich. Denn es ver\u00e4ndert unseren Blick auf alles, jeden einzelnen\nTag und auf das Leben an sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar ist das keine Ansicht, die man einem gr\u00f6\u00dferen\nPublikum zumuten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Runde sa\u00dfen neben mir Dr. R\u00fcdiger Dahlke und Lothar\nHirneise. Lothar Hirneise hat ein faszinierendes Buch \u00fcber Krebs geschrieben,\nich habe viel gelernt und kann zu vielen seiner grunds\u00e4tzlichen Erw\u00e4gungen nur\nnicken. Ich bin aber nicht seiner Ansicht, dass jeder Krebs grunds\u00e4tzlich\nheilbar ist. Schon gar nicht, wenn man bereits \u00fcber 80 ist. Siehe oben, Spoiler\nund Spa\u00dfbremse: Meines Wissens m\u00fcssen wir irgendwann an irgendwas sterben. Aber\nes scheint vielen Leuten besser zu gehen, wenn sie das schlicht ignorieren.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcdiger Dahlke hat 65 B\u00fccher geschrieben. Ich bin ganz\nseiner Ansicht, dass die sogenannte Seele eine gro\u00dfe Rolle spielen kann bei der\nEntstehung von Krankheit und bei dem R\u00fcckweg zur Genesung. \u00dcberdies bin ich wie\ner der Ansicht, dass unser Aufenthalt hier eine Reise darstellt und wir die\nGelegenheit nutzen sollten, Erkenntnisse zu gewinnen \u00fcber uns selbst und unsere\nRolle im ewigen Samsara.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur &#8230; in \u201eKrankheit als Sprache der Seele\u201c schreibt Dahlke\n(unter vielem anderen): \u201eEin gebrochener Arm symbolisiert ein gebrochenes\nVerh\u00e4ltnis zur Welt.\u201c Ich glaube, manchmal symbolisiert ein gebrochener Arm ein\ngebrochenes Verh\u00e4ltnis zum Fahrrad oder zum gegnerischen Vorstopper. Will\nsagen: Wer das Grobstoffliche komplett ausblendet und <em>alle<\/em> Antworten in der \u201eSeele\u201c sucht, \u00fcbersieht vermutlich in vielen\nF\u00e4llen etwas ganz Wesentliches. Zum Beispiel den rostigen Nagel im eigenen Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u00fcbrigen, um noch fester auf die Spa\u00dfbremse zu treten: Wer\ndie \u201eMisserfolge\u201c all jener ausblendet, die sich eifrigst bem\u00fchen und doch\nnicht so ganz wieder heil werden oder gar krank bleiben oder sterben,\ninsinuiert unbewusst oder ungewollt, \u201edann hast du dich eben nicht gut genug\nbem\u00fcht\u201c. Ich finde das desastr\u00f6s, insbesondere im herrschenden Zeitgeist, in dem\nja dank reichlich neoliberalem R\u00fcckenwind das eh schon fragw\u00fcrdige \u201eJeder ist\nseines Gl\u00fcckes Schmied\u201c geworden ist zu \u201eJeder ist seines Ungl\u00fcckes Schmied\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>So bleibe ich als, den Fu\u00df fest auf dem Pedal in der Mitte,\ngespannt auf die Ausstrahlung der Gespr\u00e4chsrunde, irgendwann tbd. Soweit ich\nmich entsinne, h\u00e4tte im Publikum beinahe jemand geklatscht, als ich sagte\n\u201eSchuld liegt in der Vergangenheit, Verantwortung in der Zukunft\u201c, aber bevor\nich das vertiefen konnte, waren mW schon wieder alle mit dem Senden von was\nanderem besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>(Ich frage mich trotzdem (bockig) weiterhin, ob es nicht\ndoch ein \u201ePublikum\u201c gibt f\u00fcr die IMHO realistischere und entspannende\nWirklichkeitssicht, frei nach Camus: Wir m\u00fcssen uns Sisyphos als gl\u00fccklichen\nMenschen vorstellen.)<\/p>\n\n\n\n<p>(Hat das iPhone eigentlich eine Kamerafunktion? Muss ich mal\npr\u00fcfen, ToDo-Liste irgendwo weit unter \u201ePilotbuch schreiben\u201c, \u201eZucchini s\u00e4en\u201c\nund \u201eSteuererkl\u00e4rung\u201c.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn einem so viele Autos entgegenkommen, sind das nat\u00fcrlich alles Geisterfahrer &#8230; aber gelegentlich beschleicht mich ja nun doch der Verdacht, dass die Dinge anders liegen bzw. ausgerichtet sind, n\u00e4mlich meine Schnauze ordnungswidrig in den korrekt fahrenden Mainstream. 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