{"id":2268,"date":"2019-02-13T14:36:57","date_gmt":"2019-02-13T14:36:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2268"},"modified":"2019-02-13T14:36:57","modified_gmt":"2019-02-13T14:36:57","slug":"zwischenhalt-aus-voller-sockenschussfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2268","title":{"rendered":"Zwischenhalt aus voller Sockenschu\u00dffahrt"},"content":{"rendered":"<p>Zugegeben, ich war kurz sauer auf Frau P. vom FA S., weil die mir eine Zweiwochenfrist zum Einspruch gegen ihre Ablehnung meines Widerspruchs (hahaha, herrlich) einger\u00e4umt hatte &#8211; und dann zwei Wochen in den Urlaub gefahren war. Nachdem ich sie aber jetzt doch erreicht habe, bin ich vers\u00f6hnt. Zwar ist mein Antrag endg\u00fcltig von Frau P.\u00a0abgelehnt worden (also die Anerkennung der privaten Beschulungskosten f\u00fcr meine j\u00fcngste Tochter als \u201eau\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung\u201c, wegen des vorangegangenen Mordversuchs, siehe unten: das <em>ist<\/em> <em>keine<\/em> au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung). Aber Frau P. sieht das ja gar nicht so. Selbst. Sie h\u00e4lt die Belastung f\u00fcr absolut au\u00dfergew\u00f6hnlich unertr\u00e4glich und versteht auch, dass mich das ruiniert, aber das kann sie eben auch nicht \u00e4ndern. Gibt ja keine Gesetzesl\u00fccke, die ihr das erlaubte.<\/p>\n<p>Frau P. und ich konnten uns sehr schnell auf die Kurzfassung meinerseits einigen. \u201eDer Gesetzgeber will also, dass gemobbte, hochbegabte, h\u00f6chst wunderbare und originelle Kinder entweder sterben oder in einer geschlossenen landen und von ordentlich Personal mit Psychopharmaka gef\u00fcttert werden? Nur dann darf \u2013 in den Anstaltsr\u00e4umen \u2013 privat unterrichtet und der finanzielle Aufwand f\u00fcr die Eltern als Belastung ber\u00fccksichtigt werden?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist richtig.\u201c<\/p>\n<p>Finde ich nicht. Aber gut. Oder auch nicht. Jedenfalls sch\u00f6n, dass wir mal dr\u00fcber gesprochen haben.<\/p>\n<p>Es zeigt sich ja zunehmend, dass der Gesetzgeber nicht irgendwas verbockt hat, sondern das alles sehr ernst meint. Die Kinder springen j\u00fcngst vermehrt von Balkonen oder bringen sich mit 11 eben einfach um. Selber Schuld, h\u00e4tten ja auch statt dessen die Karriere als Zombies in Zwangsjacken w\u00e4hlen und sich n\u00fctzlich machen k\u00f6nnen im Wachstumsmotor. Ich konnte das aber nicht zulassen, jedenfalls nicht bei meiner Tochter. Weil ich sie liebe. Mehr als mich selbst, falls das jemanden interessiert.<\/p>\n<p>Ich konnte aber dar\u00fcber auch nie schreiben. Weil ich Angst hatte. Vor diesem, jenem und noch was anderem. Da aber nun der Vorgang beerdigt ist, nicht meine Tochter (die sehr gl\u00fccklich lebt), will ich die Eckdaten der Geschichte doch abschlie\u00dfend noch kurz nachreichen. Bei Interesse. Denn 2016\/2017 schrieb ich mit selbst hinter die Ohren und eben nicht in dieses Blog (ich sag ja, Feigling):<\/p>\n<p>Mann, bin ich manchmal doof. Ich kann nicht mal richtig lesen. Dabei steht\u00b4s doch \u00fcber dem Eingang: <em>Schulbeh\u00f6rde<\/em>. Nicht <em>Sch\u00fcler<\/em>beh\u00f6rde. Aber um mich Dussel zu erleuchten, musste erst ein Mitarbeiter dieser Einrichtung meiner Gattin gegen\u00fcber explizit ausf\u00fchren, seiner Beh\u00f6rde sei das Kindeswohl allenfalls zweitrangig, erstrangig sei die Einhaltung der Schul(geb\u00e4ude)pflicht.<\/p>\n<p><em>Jetzt<\/em>verstehe ich das alles. Doof. Ich h\u00e4tte eben <em>nicht<\/em>Ende 2014 die Kriminalpolizei verst\u00e4ndigen sollen, als meine Tochter in der ersten gro\u00dfen Pause um Haaresbreite diese N\u00e4hnadel verschluckt h\u00e4tte, die ihr ein\/e gymnasiale\/r Mitsch\u00fcler\/in geschickt ins Pausen-Franzbr\u00f6tchen drapiert hatte. Die Kripo befand zwar, ihre Ermittlungen aufnehmend, dies sei ein Fall von versuchter schwerer K\u00f6rperverletzung, aber die Schule forderte uns umso dringender auf &#8211; davon <em>niemandem\u00a0<\/em>zu erz\u00e4hlen. Weder den anderen Eltern noch den anderen Sch\u00fclern noch der Presse. Wir sollten doch besser rasch, da man die k\u00f6rperliche Unversehrtheit des Anschlagopfers auch zuk\u00fcnftig nicht garantieren k\u00f6nne&#8230; die Schule wechseln.<\/p>\n<p>Haben wir gemacht, schmerzhaft in jeder Hinsicht, pers\u00f6nlich wie finanziell. Also Schule und auch gleich die Nachbarschaft 50 Kilometer weitr\u00e4umig gewechselt, weil ja der\/die anonyme T\u00e4ter\/in bzw. dessen\/deren Eltern sonst weiterhin gewusst h\u00e4tte, wo wir wohnen. Leider hat das nicht zum gew\u00fcnschten Ergebnis gef\u00fchrt, denn die Alternative \u201ePrivate Holzbastelschule auf dem Dorf, in Gr\u00fcndung\u201c war keine, da meine Tochter eben smart ist, ausgezeichnet zweisprachig liest und schreibt und obendrein ausgesprochen freundlich zu anderen Menschen. So viel inhaltliche wie soziale Kompetenz lie\u00df sich leider mit den Wertvorstellungen und dem Wissensstand der neuen Mitsch\u00fcler und Lehrer nicht in Einklang bringen &#8211; den neuerlichen brutalen Spie\u00dfrutenlauf billigten die Verantwortlichen komplett entspannt, wir hingegen komplett gar nicht. Und fragten ob dieses Horrors beim Sch\u00fcleramt an, was wir denn alternativ machen sollten oder k\u00f6nnten, nach dieser furchtbaren Vorgeschichte. Ah. Nee. Eben beim <em>Schulamt<\/em>, nicht \u201e<em>Sch\u00fcleramt<\/em>\u201c, siehe oben.<\/p>\n<p>Das war dumm. Und so blieb, den beh\u00f6rdlich verfeinerten Alptraum ungeheuer abk\u00fcrzend, nach Unmengen Gutachten (Beh\u00f6rdenkommentar: &#8222;Les ich nicht, so was&#8220;), Unmengen Leid, Kummer, entgegenkommendem, geduldigem Wohlverhalten unsererseits und \u00a0(kein Scherz) beh\u00f6rdlichen Knastdrohungen gegen uns sowie unsere Tochter (!) stehen: Meine Frau und meine Tochter zogen im August 2016 nach Frankreich, zu Freunden. Ich blieb. Und zog hier um, notgedrungen &#8211; in eine kleine Obstscheune im Matsch (Marschland). Weil ich nun einmal meine beruflichen und finanzamtlichen Dinge hierzulande geordnet beenden musste, vor dem Versuch, in Frankreich oder sonstwo neu zu starten. (Die Aufl\u00f6sung einer GmbH dauert inzwischen mehr als 2 Jahre. Das ist schon wieder kein Scherz. Und das zus\u00e4tzlich absurde \u201emehr als\u201c liegt daran, dass die Formulare f\u00fcr die K\u00f6St-Erkl\u00e4rung abgeschafft worden sind, allerdings die elektronische Abmeldung noch gar nicht funktioniert).<\/p>\n<p>Ich wusste aber schon damals, als unsere Familie vom Amt zu 2\/3 ins kinderfreundliche Ausland gesprengt wurde, dass ich nicht mehr \u00f6ffentlich zu kl\u00e4ren versuchen w\u00fcrde, ob das denn wirklich so gemeint ist, wie\u00b4s praktiziert wird: Dass das Schulamt die Schulen sch\u00fctzt und nicht die Sch\u00fcler, und dass <em>nicht die Schule dem Wohl des Kindes dienen soll, sondern das Kind dem Wohl der Schule<\/em>. Dass man uns damals endlich explizit erkl\u00e4rte, hatte ich zur Kenntnis genommen, zur deutschen Vorstellung von \u201eFreiheit\u201c habe ich meines Wissens eh alles gesagt, was ich zu sagen habe. (Es findet sich unter dem Stichwort \u201eSchulzwang\u201c im <em>Rubikon<\/em> und\/oder auf diesem Blog, im Archiv). Dass neben unserem deutschen System weltweit nur eines die \u201eLufthoheit \u00fcber den Kinderbetten\u201c anstrebt, n\u00e4mlich das nordkoreanische, bedarf sicher keiner zus\u00e4tzlichen Ausschm\u00fcckungen.<\/p>\n<p>Und doch, am Rande bemerkt: Es war ungeheuer begl\u00fcckend und erfrischend, damals in Frankreich mit Beh\u00f6rdenvertretern zu tun zu haben, die Familie und Kindeswohl tats\u00e4chlich f\u00fcr <em>wichtig\u00a0<\/em>halten, und nicht f\u00fcr zweit- oder drittrangig; und es war sogar sch\u00f6n zu h\u00f6ren, erst recht in dieser wohlklingenden Sprache, auf Franz\u00f6sisch, dass man sich auf uns und unsere doppelt und dreifach als hochbegabt anerkannte Schutzbefohlene freute. Unter solchen Umst\u00e4nden nimmt man ja sogar den Ausnahmezustand in Kauf, Hauptsache, die Mitmenschen wissen, worauf es ankommt. Und das ist, nach meinem bescheidenen Daf\u00fcrhalten, das Wohlergehen derer, denen die Zukunft geh\u00f6rt \u2013 unserer Kinder. Und, nein, ich wundere mich nicht, dass ich auch mit dieser humanistischen Ansicht mal wieder fast allein dastehe auf deutschem Flur, ich bin doch schon gro\u00df.<\/p>\n<p>Bis hierher stand dieser Text lange in meinem Rechner herum. Unpubliziert. Weil ich schlicht und ergreifend Angst hatte. Nicht um mich, wohl aber um die Seele meiner Tochter. Die Frage eines gr\u00f6\u00dferen Mainstreammediums, ob man diese furchtbare Story bitte \u201emachen\u201c d\u00fcrfe, lehnte ich damals ab, denn 2016 hatten wir noch Hoffnung, doch irgendwann zur\u00fcckkehren zu d\u00fcrfen und unsere Tochter an einem hiesigen Gymnasium anmelden zu k\u00f6nnen. Diese Hoffnung hat sich inzwischen erledigt, ebenso wie die, die Beschulung der jungen Frau B\u00f6ttcher durch die deutschsprachige Web-Individualschule werde von den Beh\u00f6rden anders betrachtet als die Anschaffung von Helikopterbenzin. Beides betrachtet der Gesetzgeber als Privatvergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>So also endet diese Etappe unserer Reise, gl\u00fccklich, erl\u00f6st, aber auch mit einem ganz dezentem Gef\u00fchl, in etwas Groteskem festzustecken: Nach 30 erfolgreichen Jahren und solidarischen Einkommensteuerzahlungen in H\u00f6he von bestimmt bummelig 1 Million Euro wartet nun auf mich\/uns ggf. die Pleite (nicht Privatinsolvenz, bin selbstst\u00e4ndig) als MS-Kranker, ohne Anspruch auf irgendwas &#8211; denn die Million habe ich ja in die falsche Gemeinschaftskasse gezahlt und daher keinen Anspruch, nicht mal auf einen monatlichen Cent, aus der Gemeinschaftskasse. Ein Trost aber bleibt mir, und der ist gar nicht so klein, sondern schon fast erwachsen: Meine Tochter ist ein wunderbarer Mensch. Sie ist heil geblieben (oder wieder ganz heil geworden), sie denkt frei und \u00fcberaus originell, und sie hat ihr sch\u00f6nes und gro\u00dfes Herz behalten (ebenso wie ihren sch\u00f6nen und gro\u00dfen Geist). Dass ich dazu meinen Beitrag leisten durfte, macht mich froh und gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Und in diesem Sinn will ich mich morgen wieder an den Schreibtisch setzen, \u00fcber den gefrorenen Matsch Richtung Feldweg schauen und in meinen Taschen kramen, ob da nicht doch noch eine gr\u00f6\u00dfere Dosis L\u00e4cheln hervorzuzaubern ist. Der Rest ist dann schlicht Schweigen. Und Warten auf die Kavallerie. (Obwohl &#8230; ach, nee, das sind ja auch Beamte, die reiten garantiert nur \u00fcber mich weg. Dann warte ich doch lieber nur auf die Sonne.)<\/p>\n<p>P.S.: Meine Tochter hat eine Klasse \u00fcbersprungen, an der Web-Individualschule (Bochum), ihre Mittlere Reife mit klasse Zensuren abgelegt und ist (bereits l\u00e4nger) eine begnadete K\u00fcnstlerin. Sowie eine wunderbare Menschin. Wir d\u00fcrfen uns jetzt kurz in Deutschland aufhalten, da sie als j\u00fcngste Sch\u00fclerin\/Studentin an einer (privaten) Fachhochschule f\u00fcr Gestaltung angenommen worden ist. W\u00e4re das <em>nicht\u00a0<\/em>per Eignungstest gegen die zahlreiche Konkurrenz gelungen, h\u00e4tte sie, wie das NS-Schulamt mir erkl\u00e4rte, <em>nicht\u00a0<\/em>arbeiten d\u00fcrfen (was sie gern t\u00e4te, sie kann ja mit Ihren Illustrationen schon Geld verdienen). Jugendliche sollen in NS nicht arbeiten. Die Schulpflicht besteht in NS fort. Zw\u00f6lf Jahre. Keine Ausnahmen. Wer das nicht will, geht in den Knast. Oder in die Klapse.<\/p>\n<p>Hey, das w\u00e4r ja wohl auch noch sch\u00f6ner, wenn hier irgendwelche begabten und eigensinnigen Jugendlichen frei rumlaufen w\u00fcrden! Nachher werden das noch begabte Erwachsene, die dann ihr Gehirn und ihr Herz einsetzen! Wehret den Anf\u00e4ngen! Und macht jeden Querdenker einen Kopf k\u00fcrzer, sonst erfindet der nachher noch so was Gef\u00e4hrliches wie &#8230; das <em>Feuer<\/em>!<\/p>\n<p>P.P.S.: Mein Lieblingsdetail will ich am Ende doch loswerden. Die beh\u00f6rdlich bestellte NS-Psycho-Gutachterin hatte n\u00e4mlich nach der begr\u00fc\u00dfenden Erkl\u00e4rung meiner Tochter, sie wolle doch gern weiter lernen und Abitur machen, den ma\u00dfgeblichen Auftaktsatz im Repertoire: &#8222;Ach, vergi\u00df es, in 5 Jahren ist hier sowieso Krieg, was willst du da mit Abitur?&#8220;<\/p>\n<p>Ich fand das bemerkenswert. Und bestimmt kann man das bef\u00fcrchten. Aber ob ich das als zielf\u00fchrende Berufsberatung f\u00fcr eine (damals) 12j\u00e4hrige durchgehen lasse, wei\u00df ich immer noch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugegeben, ich war kurz sauer auf Frau P. vom FA S., weil die mir eine Zweiwochenfrist zum Einspruch gegen ihre Ablehnung meines Widerspruchs (hahaha, herrlich) einger\u00e4umt hatte &#8211; und dann zwei Wochen in den Urlaub gefahren war. 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