{"id":2154,"date":"2017-11-26T12:43:56","date_gmt":"2017-11-26T12:43:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2154"},"modified":"2017-11-26T12:45:44","modified_gmt":"2017-11-26T12:45:44","slug":"grossstoerung-im-kopf-des-feuilleton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2154","title":{"rendered":"Gro\u00dfst\u00f6rung im Kopf des Feuilleton"},"content":{"rendered":"<p><strong>Amitav Ghosh<\/strong>, indischer Feingeist und Literat, fragt sich und uns, die wir den existenzbedrohenden Klimawandel kaum oder gar nicht zur Kenntnis nehmen, \u201eare we deranged?\u201c und w\u00e4hlt hier das perfekte Wort, denn deranged ist &#8222;gest\u00f6rt&#8220; &#8211; und besser als \u201ebescheuert\u201c. Nat\u00fcrlich ginge auch \u201esind wir irre?\u201c, aber \u201ederanged\u201c ist durcheinander, nicht mehr arrangiert, eben: gest\u00f6rt. Und das umfasst ja auch die Unf\u00e4higkeit, klar und kontrolliert zu denken und zu handeln. Betreffend den Klimawandel, lautet die Antwort also entschieden \u201eJa\u201c. Nun unternimmt aber Ghosh den Versuch, herauszufinden, weshalb gerade unsere Literaten und das Feuilleton so wenig mit dem Klimawandel anzufangen wissen und kommt dabei zum richtigen Schluss, Feuilleton, Hochliteratur und \u201eanerkannte\u201c Intellektuelle seien Vasallen und Hofnarren der imperialen Powers to be. Dummerweise aber lebt Ghosh in der Filterblase, die er beschreibt, sprich: ist literarisch zensiert und beschr\u00e4nkt, mit seinen exemplarischen Dystopie-Eckpunkten Atwood, McEwan und McCarthy. Von Philip K. Dick wei\u00df er nichts, von Crichton auch nicht, und von kontinental-lokalen Ph\u00e4nomenen wie Sch\u00e4tzing nat\u00fcrlich erst recht nichts. Ach, Ghosh wei\u00df schlicht nichts von all dem, nichts von Dystopie, nichts von \u201eSciFi\u201c, daher ger\u00e4t seine Analyse zwangsl\u00e4ufig ein bisschen peinlich, denn das &#8222;Gest\u00f6rte&#8220; liegt sicher nicht darin begr\u00fcndet, dass es an intellektuellen Literaten mangelt, es liegt nur daran, dass Intellektuelle wie Ghosh und seine Feuilletonblase diese Literaten nicht kennen. Geschweige denn diese Autoren loben. Denn die schreiben ja keine Literatur. Sagt das Feuilleton. Kreis geschlossen, Affe tot.<\/p>\n<p>Sieht man von diesem Riesenproblem ab, ist Ghoshs Buch nat\u00fcrlich h\u00fcbsch. Er kennt seinen Flaubert. Erz\u00e4hlt viele Anekdoten und fragt sich selbst immer wieder, wieso es ihm so schwer f\u00e4llt, Klima in seine Romane einzubauen. Das Feuilleton wird sein Buch lieben. Es ist fast vollkommen ungef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Dennoch: Ghoshs Vermutung, die intellektuellen Autoren machten per se den Fehler, das Klima links liegen zu lassen, ist grundfalsch. Die Liste derer, die sich \u00e4u\u00dfern, ist lang, schon im kleinen Deutschland reicht sie von <strong>Dirk C. Fleck<\/strong> (j\u00fcngster sch\u00f6ner Beitrag <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/es-gibt-nichts-mehr-zu-retten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>, im <em>Rubikon<\/em>,wirklich sehr lesenswert, wenn auch traurig) bis <strong>Kegel<\/strong> bis h\u00f6chst popul\u00e4r <strong>Sch\u00e4tzing<\/strong> bis <em>yours truly<\/em>, und an Dystopien mangelt es eh ohnehin nicht, auch nicht an solchen aus der Anglo-Shpere, die unsere Klima-St\u00f6rung wenigstens als Mitursache f\u00fcr den kommenden Untergang auf dem Zettel haben. Nur: Das intellektuelle Feuilleton (festangestellt) will von all dem nichts wissen, Zukunft ist \u201eScience Fiction\u201c, also per se \u201eb\u00e4h\u201c, das Feuilleton hat traditionell Bedeutenderes zu umkreisen als Relevantes, n\u00e4mlich seinen Nabel. Und da passt die Welt nicht rein. Soll sich doch das Ressort Wissenschaft drum k\u00fcmmern, um solche Sci Fi. Oder die Politik. Das Problem ist nur: diese Ressorts besch\u00e4ftigen sich nicht mit Romanen. Soll sich das Feuilleton drum k\u00fcmmern. Case closed. Schade.<\/p>\n<p>Denn es ginge ja. Eigentlich. Wenn das Feuilleton nicht komplett verpeilt w\u00e4re und obendrein die \u201eAlternativlos\u201c-Agenda seiner Geldgeber gefressen h\u00e4tte. Dass es auch anders geht, zeigt mir ganz pers\u00f6nlich (sehr zu meiner Freude) eine noch unbestochene angehende Intellektuelle namens<strong>\u00a0Misty Matthews-Roper<\/strong>, die in ihrer Diplomarbeit unter dem Titel <a href=\"https:\/\/uwspace.uwaterloo.ca\/handle\/10012\/10759\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Responding to Ethical Dilemmas in the Anthropocene: Sven B\u00f6ttcher\u2019s Prophezeiung <\/strong><\/a>das systemische Problem verstanden hat (und obendrein die Verbindungen sich hieraus ergebenden Frageapparates mit Camus\u00b4 Vorstellungen von Revolte, Freiheit und Leidenschaft. Dem Feuilleton haben die von mir geworfenen diversen Zaunpf\u00e4hle im Buch offenbar nicht gereicht, aber, wie mein ehemaliger Philosophielehrer so treffend markierte: \u201eKleine Gehirne sind eben sehr schwer zu treffen.\u201c<\/p>\n<p>K\u00f6nnten wir also vielleicht doch auf die Wissenschaftsresorts ausweichen, wenn es um den Transport \u00fcberlebenswichtiger Frage in Richtung Mainstream geht? Wohl kaum. Denn \u00fcberl\u00e4sst man die Bewertung von Literatur Klima-Experten, erweist sich als fatal, dass, wer einen Hammer hat, \u00fcberall nur N\u00e4gel sieht. Und sonst nichts. Herausragend finde ich diesbez\u00fcglich wegen pers\u00f6nlicher Betroffenheit das Nachwort des ZEIT-Wissenschaftlers (Namen hab ich glatt vergessen) zur Ausgabe von <em>Prophezeiung<\/em> in der ZEIT-Hardcover-Edition <em>Wissenschaftskrimis<\/em> &#8211; der sich allen Ernstes kritisch dar\u00fcber ausm\u00e4hrt, dass die von mir angeblich behauptete (Nein! Falsch!) pr\u00e4zise Wetterprognose \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume nicht m\u00f6glich ist. (Das wei\u00df ich! Darum geht\u00b4s nicht! Es geht um Hybris. Und daran, ob wir unseren Rechnern nicht zu viel Vertrauen schenken! Oder zeitnah schenken werden! Mann!)<\/p>\n<p>Gut. Nat\u00fcrlich r\u00e4ume ich ein, dass ich am \u201eMisserfolg\u201c (na ja) der <em>Prophezeiung<\/em> auch selber schuld bin, und zwar gleich dreifach. Denn wenn man schon wei\u00df, wie das Feuilleton tickt, darf man nat\u00fcrlich nicht <em>Thriller<\/em> draufschreiben, selbst wenn der Stoff total spannend dargeboten wird, sondern w\u00e4hlt gef\u00e4lligst <em>Roman<\/em>. (Kiwi, ich hab dir das hundertmal gesagt!). Zweitens aber ist man gef\u00e4lligst auch nicht originell und w\u00e4hlt eben nicht eine Protagonistin, also eine Frau, denn Thriller lesen nur M\u00e4nner, und die wollen Bruce Willis. Und wenn man dann auch noch fair ist als Autor und die eigene Heldin so anlegt, dass sie eben <em>nicht<\/em> von Anfang an perfekt ist, sondern in so fern unperfekt, als sie das Dilemma der Hybris nicht nur extern erf\u00e4hrt, sondern auch <em>innerlich<\/em>, ja, dann ist der Ofen nat\u00fcrlich endg\u00fcltig aus. Denn so was! Will die weibliche Leserschaft nun wirklich nicht lesen. Eine Frau, die <em>lernen<\/em> muss? (Schaudern vom Band; das ist ja \u00fcble Fantasy!).Die verbleibenden schlechten Amazon-Rezessionen (sic, ich liebe dieses von den KritikerInnen so gern gew\u00e4hlte Fehlwort) begr\u00fcndeten ihre Ablehnung ja dann vorwiegend mit \u201ezu viele Fremdw\u00f6rter\u201c bzw. \u201eZu viel Wissenschaft\u201c.<\/p>\n<p>Ich find\u00b4s trotzdem sch\u00f6n, von wenigstens zwei Leuten sogar \u00f6ffentlich verstanden zu werden. Danke also, Miss Roper. Und Danke, Florian Felix Weyh.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich aber und eben nicht nur die <em>Prophezeiung<\/em> betreffend, scheint mir das Problem doch deutlich gr\u00f6\u00dfer zu sein als Ghosh mit seinem \u201ederanged\u201c vermutet \u2013 denn bei jeder \u201eVerwirrung\u201c besteht ja zumindest eine Resthoffnung, dass der Patient sich wieder entwirrt und das Geradeausdenken neu erlernt. Unser \u201eDerangement\u201c aber geht in so fern weiter und tiefer, weil wir nach meinem Empfinden sehr wohl wissen, dass wir uns selbst umbringen, allerdings nicht wirr oder versehentlich handeln, wie wir handeln, sondern durchaus folgerichtig \u2013 also alles andere als \u201ewirr\u201c.<\/p>\n<p>Denn im Kern geht (oder ginge) es doch um die Erkenntnis, dass wir kollektiv gegen die Wand fahren und das nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen, weil wir keine Bremse in unser seit mehr als einem Jahrhundert so rasant und schillernd dahinrasendes Gef\u00e4hrt eingebaut haben, in den sogenannten Kapitalismus. Ulrike Hermann konstatierte ja ganz zurecht: \u201eDer Bremsweg des Kapitalismus ist nicht erforscht\u201c \u2013 und so bleiben wir eben lieber sitzen, als versuchsweise einen Anker auf den Asphalt zu werfen oder w\u00e4hrend der Fahrt die Hinterr\u00e4der abzubauen. So was ist n\u00e4mlich gef\u00e4hrlich. Zwar nicht ann\u00e4hrend so gef\u00e4hrlich wie die Weiterfahrt, die unweigerlich t\u00f6dlich enden wird, aber trotzdem: gef\u00e4hrlich. Also gilt: Lieber nichts \u00e4ndern. Parole: Wird schon gutgehen. (Spoiler gef\u00e4llig? N\u00f6, wird\u00b4s nicht.)<\/p>\n<p>So machen wir also, wie (historisch) alle kollabierenden Imperien, \u201emehr vom Problem, um das Problem zu l\u00f6sen\u201c, sprich eingebaute Obsoleszenz, Schrottpr\u00e4mien, eAutos und Solard\u00e4cher. Was das Problem vergr\u00f6\u00dfert, nicht kleiner macht, bei endlichen Ressourcen, aber wenn die Ressourcen nicht reichen, dann folgen wir halt Googles Schmidt und Teslas Musk und &#8230; erschlie\u00dfen den Mond! Und machen auch dort alles kaputt.<\/p>\n<p>\u00c4ndern werden wir so nichts an unserem Untergang. Mehr Effizienz, gar \u201eendlose, kostenlose Energie aus der Sonne\u201c w\u00fcrde alles nur noch schlimmer machen, \u201eGr\u00fcne\u201c Ideen sind, wie wir l\u00e4ngst wissen, reine L\u00fcgen (auf dem gleichen Wachstumshaufen gesprossen wie alle anderen neoliberalen Ideen).<\/p>\n<p>Aber unsere Weigerung, uns angemessen zu verhalten, hat tiefere Wurzeln. Wir m\u00fcssten uns eben ganz anders verhalten. Unsere gesamte Gesellschaft, unser Wirtschaftsmodell, unser Denken korrigieren. Um zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Das einzusehen, f\u00e4llt allerdings schwer. Und wer\u00b4s nicht einsieht, kommt eben nicht mal in die N\u00e4he von Handeln. So bleibt also stehen: \u201eLieber tot als klug\u201c, denn klug ist anstrengend. Tot nicht.<\/p>\n<p>(Aber, mit englischem Tippfehler: <em>Ghosh<\/em>! An den belletristisch-intellektuellen Autoren liegt\u2019s, wenn \u00fcberhaupt, zuletzt &#8230;)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/022652681X\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=022652681X&amp;linkCode=as2&amp;tag=www119fragede-21&amp;linkId=eb29a8a0bd354cfcdd5f31b4bb30e4e3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=022652681X&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=www119fragede-21\" border=\"0\" \/><\/a><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=www119fragede-21&amp;l=am2&amp;o=3&amp;a=022652681X\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>P.S.: Ich sehe gerade, dass Blessing die deutsche Ausgabe &#8222;<strong>Die gro\u00dfe Verblendung<\/strong>&#8220; nennt. Das finde ich nat\u00fcrlich grundfalsch. Aber inhaltlich wird\u00b4s nicht viel \u00e4ndern am sch\u00f6ngeistigen Text.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amitav Ghosh, indischer Feingeist und Literat, fragt sich und uns, die wir den existenzbedrohenden Klimawandel kaum oder gar nicht zur Kenntnis nehmen, \u201eare we deranged?\u201c und w\u00e4hlt hier das perfekte Wort, denn deranged ist &#8222;gest\u00f6rt&#8220; &#8211; und besser als \u201ebescheuert\u201c. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2154\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,3,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2154"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2154"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2154\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2157,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2154\/revisions\/2157"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}