{"id":213,"date":"2011-05-17T19:44:01","date_gmt":"2011-05-17T19:44:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=213"},"modified":"2011-05-17T19:44:25","modified_gmt":"2011-05-17T19:44:25","slug":"besserverdienendeblondinenbelletristik-pc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=213","title":{"rendered":"Besserverdienendeblondinenbelletristik (pc)"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr <em><strong>Little Bee<\/strong><\/em> sollte man <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Chris Cleave<\/span><\/em><\/strong> in den Urlaub schicken. Nach Nigeria, aber nicht an den Strand, sondern zu ganz normalen Miliz-Mitgliedern im Hinterland. Sofern er das \u00fcberlebt, schreibt er danach vielleicht ein gutes Buch. Oder wenigstens kein komplett beklopptes wie \u2013 Little Bee.<\/p>\n<p>Aber was hei\u00dft hier \u201ebekloppt\u201c? Bekloppt w\u00e4re ja blo\u00df einfach doof, daneben, debil, vielleicht \u00e4rgerlich, aber Cleaves Buch ist noch viel schlimmer. Nennen wir\u00b4s: krank, link, menschenverachtend, kalkuliert, zynisch. Weil?<\/p>\n<p>Die Verlags-PR ist prima, sinngem\u00e4\u00df oder fast w\u00f6rtlich: \u201eWir k\u00f6nnen Ihnen nicht verraten, was in diesem Buch passiert, aber es wird sie total mitnehmen!\u201c Und Cleave baut seine Story dann auch so auf, anfangs noch mit sauberen Mitteln (bis zirka Seite 20): Wir lernen ein junges nigerianisches Fl\u00fcchtlingsm\u00e4dchen bei der Quasi-Flucht aus einer Asylbaracke bei London kennen \u2013 einem <em>Detention Center<\/em>, in dem die \u00c4rmste zwei Jahre lang hocken musste. Davon wird Cleave irgendwann mal gelesen haben, in einem Frauenblatt, und Little Bee \u2013 dieses M\u00e4dchen \u2013 w\u00e4re in der Tat eine interessante Figur. Ist interessant. Von ihr und ihrem Leben, ihrem Weg, will ich etwas wissen.<\/p>\n<p>Nun wei\u00df aber Cleave, der Kenner: Das will seine Zielgruppe eben nicht. N\u00e4mlich das wissen. Denn seine Zielgruppe sind Frauen. Mitte 30 bis Mitte 40, urban, modisch, irgendwas mit Medien oder \u201ew\u00e4r gern irgendwas mit Medien\u201c, mit Zeit f\u00fcr Wellness, Shoppen, Lesen und vor allem mit Interesse daran, interessiert an der Welt zu <em>wirken<\/em>, kurz: ultimative Dumpfbacken. Also erfindet Cleave eine Protagonistin, mit der sich seine Zielgruppe komplett identifizieren kann. Sarah. Blonde Chefredakteurin eines Frauen-Lifestyle-Magazins. Mutter eines putzigen Vierj\u00e4hrigen, der den ganzen Tag im Batman-Kost\u00fcm ruml\u00e4uft. Und Sarah verbindet etwas <em>Entsetzliches<\/em> mit Little Bee. Aber was? <em>Das k\u00f6nnen wir Ihnen nicht verraten!<\/em><\/p>\n<p>Selbst als Little Bee und die blonde Dumpfbacke nach der entsetzlichen Beerdigung von Dumpfbackes selbstgemordetem\u00a0Mann zusammentreffen (den ebenfalls etwas ENTSETZLICHES mit Little Bee verbindet, aber was?), erfahren wir Leser <em>nicht<\/em>, worum es sich handelt. Die (Ich-Erz\u00e4hler)-Frauen m\u00fcssten zwar sofort \u00fcber dieses ENTSETZLICHE reden oder daran denken (sp\u00e4testens jetzt, aber eigentlich m\u00fcssten Sie von Anfang an dauernd dran denken), aber das tun sie nicht &#8211; auch nach der Wiederbegegnung nicht. W\u00e4r ja auch doof, denn dann w\u00fcsste ja die Leserin, um was es sich handelt bei dem mysteri\u00f6sen ENTSETZLICHEN \u201eEreignis\u201c, das die beiden verbindet. Und das sie einander, sich selbst und uns verschweigen.<\/p>\n<p>Dieser billige Taschenspielertrick nervt derma\u00dfen, dass man das Buch sp\u00e4testens auf Seite 80 emp\u00f6rt in den Kamin werfen m\u00f6chte \u2013 aber wer selbst als Erz\u00e4hler arbeitet, der sitzt einfach fassungslos vor dem unfassbaren Chuzpe-Zeugnis (im Wissen, dass eine Million beknackte Sarahs das Buch zum Bestseller gemacht haben) und m\u00f6chte doch dringend wissen, ob\u00b4s etwa noch schlimmer werden kann \u2013 oder ob\u00b4s wenigstens handwerklich rechtschaffen weitergeht und d\u00e4mlich, also kitschig endet.<\/p>\n<p>Aber nichts da. Es wird schlimmer. Cleave gibt alles. Denn ihm ist sehr bewusst, dass seine d\u00e4mliche Leserin sich einen Schei\u00df f\u00fcr Nigeria oder das Schicksal nigerianischer M\u00e4dchen interessiert. Sprich: Little Bee ist Staffage und Quotennegerin, aber bleiben kann sie nat\u00fcrlich nicht, weder in England noch am Leben, denn das w\u00e4re nicht ausreichend tragisch f\u00fcr die Million lesender Sarahs. Also muss Little Bee weg. (Interessanterweise scheint Cleave auf dem Weg seine Protagonistin selbst hassen zu lernen, kann ihr das aber nicht auf den Kopf zuschreiben, schlie\u00dflich will er seine Leserinnen (die er offenbar ebenfalls hasst) nicht verlieren (weil er ihr Geld braucht). Ob er <em>sich<\/em> mag? Passe &#8230;)<\/p>\n<p>Die komplett unglaubw\u00fcrdige Story entwickelt sich dann jedenfalls vor- und r\u00fcckblickend so (<em>Spoiler<\/em>! Unbedingt!): Sarah, blond wie ein Eimer, ist unreflektiert in der Midlife-Crisis. Ihren netten, klugen und politisch interessierten Times-Kolumnisten-Mann betr\u00fcgt sie mit einem attraktiven Deppen (M\u00e4nne ist so nett, trotzdem zu bleiben), sagt ihm das auch noch (M\u00e4nne ist so nett, trotzdem zu bleiben), betr\u00fcgt ihn weiter (M\u00e4nne ist so nett, mei\u00a0 &#8230;), l\u00e4dt ihn dann zum Vers\u00f6hnungs-Urlaub ein, ausgerechnet nach B\u00fcrgerkriegs-Nigeria, was er f\u00fcr eine d\u00e4mliche Idee h\u00e4lt, ihr aber nicht ausreden kann (er ist so nett &#8230;); wo die beiden dann am Strand \u00fcber zwei verfolgte M\u00e4dchen stolpern (Little Bee &amp; Schwester) und an eine Bande S\u00f6ldner geraten, die die M\u00e4dchen t\u00f6ten wollen. Der fiese Anf\u00fchrer verspricht, die M\u00e4dchen freizulassen, wenn Saras M\u00e4nne sich einen Finger mit der Machete abschl\u00e4gt, M\u00e4nne versucht\u00b4s (nett) und versagt (nett), daf\u00fcr schl\u00e4gt sich Sarah ohne zu Z\u00f6gern einen Finger ab (boah, taff!) &#8211; aber freigelassen werden die M\u00e4dchen trotzdem nicht (nicht nett, die M\u00f6rdermilizen). Sarah und M\u00e4nne fahren heim, Sara findet M\u00e4nne schwach, wegen des Fingers, betr\u00fcgt ihn offen weiter mit dem attraktiven Deppen, M\u00e4nne findet sich auch schwach (wie nett), zerbricht vor Scham und h\u00e4ngt sich auf (zu nett f\u00fcr diese Welt, nee, zu bl\u00f6d, aber sonst w\u00e4r er ja auch nicht mit Sarah verheiratet). Unterdessen wird Little Bees Schwester totgefoltert, vergewaltigt und zerhackt, vor den Augen und Ohren der kleinen Schwester, deren lange Flucht anschlie\u00dfend in zirka einem Absatz zusammen gefasst sind, denn solche Details interessieren Cleave nicht besonders; er muss sich ja um Sarahs Gedanken, ihren Job bei ihrer Frauenzeitschrift und ihre Aff\u00e4re k\u00fcmmern. Sowie den putzigen Sohn, Batman, der nicht richtig sprechen kann.<\/p>\n<p>Little Bee taucht bei Sarah auf und freundet sich dem zur\u00fcckgebliebenen Kind an. Das am Themseufer verloren geht, worauf Little Bee die Polizei rufen muss (sie ist so nett), worauf sie festgenommen und ausgewiesen wird \u2013 nach Nigeria. Heldin Sarah taucht im Deportationsflugzeug auf, begleitet Little Bee nach Nigeria und schreibt \u00fcber sie, um sie zu sch\u00fctzen. Schleppt die junge Frau dann aber ohne Motiv und Verstand an einen Strand wie den urspr\u00fcnglichen, wo die Polizei Little Bee aufgreift und mitnimmt. Cleave l\u00e4sst keinen Zweifel, dass die Kleine damit ihr Schicksal gefunden hat, also entsorgt ist, also tot. Ende.<\/p>\n<p>Merke: das (Little Bee = tot) erfahren wir auf der letzten Seite, allerdings wird die Geschichte \u2013 wenigstens Little Bees Seite der Geschichte \u2013 die ganze Zeit von der \u201eIch-Erz\u00e4hlerin\u201c Little Bee vorgetragen. Die nach allen Basisregeln des Erz\u00e4hlens nun eigentlich nicht tot sein d\u00fcrfte, weil ja Tote keine r\u00fcckblickende Geschichte erz\u00e4hlen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber bei Cleave geht auch das, nat\u00fcrlich. Es merkt ja keiner. Oder eben: keine. Und das ist das eigentlich Ersch\u00fctternde an diesem Buch \u2013 beziehungsweise am Erfolg des Buchs. Dass es Menschen, Leserinnen gibt, die <em>das alles nicht merken<\/em>. Die das alles nicht lesen. Denen v\u00f6llig wurscht ist, dass das Buch einfach nicht <em>geht<\/em>, nicht funktioniert, dass es nicht nur inhaltlich skandal\u00f6s ist, sondern obendrein handwerklich unm\u00f6glich, ein peinlicher Fall, den jeder Lektor mit Schwung in die Altpapiertonne h\u00e4tte entsorgen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aber sie merken es nicht, die Sarahs. Sie lesen das in Scharen, finden sich gegenseitig politisch interessiert, weil eine kleine Nigerianerin als Staffage im brunzbl\u00f6den Egoistinnenleben ihres Alter Ego Sarah mitspielt, und legen das d\u00e4mliche Machwerk am Ende mit einer Tr\u00e4ne im Auge auf den Coffeetable \u2013 sowie den Worten, \u201eAch, das war ja sooo ersch\u00fctternd\u201c ihren Freundinnen ans Herz.<\/p>\n<p>Immerhin, das stimmt, irgendwie. Ersch\u00fctternd ist\u00b4s.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Little Bee sollte man Chris Cleave in den Urlaub schicken. 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