{"id":21,"date":"2011-01-01T19:19:23","date_gmt":"2011-01-01T19:19:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=21"},"modified":"2011-11-04T17:52:07","modified_gmt":"2011-11-04T17:52:07","slug":"blatter-angelesen-weggefegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=21","title":{"rendered":"Bl\u00e4tter, angelesen, weggefegt"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Da in ein engagiertes Leserleben maximal 5.000 B\u00fccher passen*, ist das edle Motto \u201eWenn ich was anfange, bringe ich das auch zuende\u201c auf Romane garantiert nicht anzuwenden \u2013 resp. m\u00fcndet umgehend in fahrl\u00e4ssige Zeitverschwendung. Erst recht, da allj\u00e4hrlich zirka 8 Billionen neue Titel auf Deutsch erscheinen, oder sagen wir: 100.000. Das macht dann bitte 20 Leseleben per anno &#8230;<\/p>\n<p>Meistens reichen 40 Seiten, um zu wissen, ob sich ein Buch lohnt. Manchmal reichen 15, wie bei\u00a0Cordula Stratmann, siehe unten, manchmal quergelesene 50 wie bei Richard K\u00e4hler, siehe unten, aber nur sehr selten steige ich nach 400 von 800 Seiten wieder aus wie diesmal bei\u00a0<strong><em><span style=\"color: #000000;\">Jonathan Franzen<\/span><\/em><\/strong>. Den ich sehr sch\u00e4tze. Dessen \u201eKorrekturen\u201c ich sehr mochte. Und dessen Essays auch. Sowie die ersten 200 Seiten seines neuen Riesenwerks, denn \u201ePatty\u201c ist eine hervorragende Frauenfigur, und Franzen schreibt nun mal exzellent.<\/p>\n<p>Nur erschliesst sich mir von Seite zu Seite weniger, was das Ganze soll. Was manchem Kunstversteher vermutlich nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln entlockt, weshalb ich gestehe: Ich mag keine \u201el\u00b4art pour l\u00b4art\u201c. Ich mag Inhalt. Nennen wir\u00b4s: Bedeutung. Ganz gleich, welche. Irgendeine.<\/p>\n<p>Hat \u201e<strong><em><span style=\"color: #000000;\">Freiheit<\/span><\/em><\/strong>\u201c eine?<\/p>\n<p>Ich werde es nicht herausfinden.<\/p>\n<p>Wesentlich schneller, n\u00e4mlich umgehend weggelegt habe ich\u00a0<strong><em><span style=\"color: #000000;\">Guillermo del Toro<\/span><\/em><\/strong>. Den ich als Autor und Regisseur von Filmen wie \u201ePan\u00b4s Labyrinth\u201c und \u201eHellboy\u201c durchaus geh\u00f6rig verehre. Aber sein zusammen mit\u00a0<em><strong>Chuck Hogan<\/strong><\/em> abgelieferter Roman \u201eDas Blut\u201c ist bestenfalls \u00fcberfl\u00fcssig, weil Vampir- und Untoten-Dutzendware. Geh\u00f6rt also ganz nach vorn im Regal: Romane, die die Welt nicht braucht, und damit neben\u00a0Cordula Stratmann. Die man man bestimmt ganz lustig finden kann. Sofern man Roger Willemsen ist, denn der schreibt auf den R\u00fccken von Stratmanns neuem Buch: \u201eSeit ich Cordula Stratmann gelesen habe, m\u00f6chte ich in den Himmel kommen.\u201c Vermutlich klingt das nur ungewollt suizidal und sollte eigentlich ein Kompliment werden.<\/p>\n<p>Die erste Seite ist \u201eganz witzig\u201c. Wie Cordula Stratmann. Der Rest ist dann leider wirklich ganz uninspiriert und ganz und gar nicht der Rede wert.<\/p>\n<p>Nicht mal ganz witzig, daf\u00fcr aber genauso \u00fcberfl\u00fcssig ist\u00a0<em><strong>Markus Berges&#8216; <\/strong><\/em>Romandeb\u00fct <em><strong>Ein langer Brief an September Nowak<\/strong><\/em>, direkt daneben ungelesen wegwerfen geh\u00f6rt\u00a0<strong><em><span style=\"color: #000000;\">Harakimono Murakamis<\/span><\/em><\/strong> uralte Kurzgeschichte <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Schlaf<\/span><\/em><\/strong>, die Dumont schick illustriert noch einmal f\u00fcr viel Geld auf den Markt wirft. Die Story ist gleichzeitig pr\u00e4tenti\u00f6s, bekloppt\u00a0und\u00a0schlecht geschrieben, die Kombination ist rar, das reicht bestimmt demn\u00e4chst f\u00fcr einen Nobelpreis. Aber lesenswert ist es nicht.<\/p>\n<p>Was aus ganz anderes Gr\u00fcnden auch f\u00fcr\u00a0<strong><em><span style=\"color: #000000;\">Richard K\u00e4hler<\/span><\/em><\/strong>s <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Wei\u00dft du, was ich glaube, Paps?<\/span><\/em><\/strong> gilt, denn ausnahmsweise schreibt RK nicht \u00fcber Stoffteddys oder Frauen, sondern \u201e\u00fcber Gott, die Welt und die Gottverdammte Liebe\u201c. Getarnt ist das Ganze als Dialog mit Tochter Lilly (19), versammelt sind Briefe von Vater (zirka 90%) und Tochter (zirka 10%). Lilly (19) ist eine ganz typische junge Frau, sympathisch, interessant und ihrem Alter entsprechend wach, anders als ihr Vater (zirka 60). Aber nicht genug damit, dass man einen alten und stark schwatzenden Mann lesend folgt, der sich offenbar zum ersten Mal in seinem Leben grundlegenden Fragen ersch\u00fctternd naiv auf umgedrehte Fernstechersichtweite n\u00e4hert \u2013 schlimmer ist der Ton, in dem er das tut, denn der zwickt nicht nur manchmal, der tut durchgehend weh. Erinnert sich noch einer an den bemitleidenswert verzweifelten \u201eIch will auch ma irgendeine Freundin!\u201c Klischee-Teestubenturnbeutelvergesser und sein \u201eDu, lass uns das ma diskutieren, das war jetzt glaub ich echt ganz doll verletztend, wie du die Iris gerade angekuckt hast, du\u201c, wegen dem man immer fluchtartig ins Freie musste &#8230;?<\/p>\n<p>Aber gut. Ich geb\u00b4s zu. Ich bin keine reifere Frau, die einen Kissenknicker f\u00fcr\u00b4s Leben sucht. Und ich mag ja auch keine Pilcher-Romane. Also bin ich genau das Gegenteil der Zielgruppe und damit komplett disqualifiziert.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n ist was anderes. Und zwar zum Beispiel\u00a0<strong><em><span style=\"color: #000000;\">Philipp Kaufman<\/span><\/em><\/strong>s unheimlich kurze Erz\u00e4hlung <em><strong>Alle meine Freunde sind Superhelden<\/strong><\/em>. Die Idee ist brillant (der einzige Nicht-Superheld ist der Erz\u00e4hler, denn der ist zwar unsichtbar, aber nur f\u00fcr seine Frau, Perfect Girl, und die anderen \u201eSuperhelden\u201c sind all die anderen ihm \u00fcberlegenen v\u00f6llig normal gest\u00f6rten Gestalten, also Du und ich), die Ausf\u00fchrung ist &#8230; schlampig, vorsichtig gesagt. Daraus h\u00e4tte man mehr machen k\u00f6nnen! Einen dicken Roman zum Beispiel! Aber gerade das liebe ich an diesem Zwitter als Poesie und hingeschmissener Kurzgeschichte: Ja, nat\u00fcrlich h\u00e4tte man das auswalzen k\u00f6nnen. Aber Kaufman war so nett, es nicht zu tun.<\/p>\n<p>Was gab\u00b4s denn noch?\u00a0<em><strong>Kehlmann<\/strong><\/em>. <strong><em><span style=\"color: #000000;\">Lob<\/span><\/em><\/strong>. Ja. Lob auch daf\u00fcr. Gutes Buch f\u00fcr Kehlmann-Groupies. Reden und Aufs\u00e4tze des Jungmeisters, verfasst auf den Reisen von Goetheinstitut zu Goetheinstitut. M\u00f6ge bald so viel Ruhe um den begabten Mann einkehren, dass er wieder mal ernsthaft zum Schreiben kommt.<\/p>\n<h5>*\u00a0 Wer nicht rechnet, findet diese Zahl emp\u00f6rend niedrig. Ist sie auch. Aber 50 Jahre \u00e1 durchschnittlich 100 St\u00fcck verdienen ein Flei\u00dfk\u00e4rtchen mit Stern, denn das entspricht &#8211; \u00fcber die Gesamtstrecke gesehen, inklusive Durststrecken qua Arbeit, Ausbildung, Kinderkoliken und anderer Hindernisse: \u201evier Tage Lesezeit pro Buch\u201c. Heute schon aussortiert?<\/h5>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da in ein engagiertes Leserleben maximal 5.000 B\u00fccher passen*, ist das edle Motto \u201eWenn ich was anfange, bringe ich das auch zuende\u201c auf Romane garantiert nicht anzuwenden \u2013 resp. m\u00fcndet umgehend in fahrl\u00e4ssige Zeitverschwendung. 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