{"id":2074,"date":"2017-07-18T08:48:24","date_gmt":"2017-07-18T08:48:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2074"},"modified":"2017-07-18T08:48:24","modified_gmt":"2017-07-18T08:48:24","slug":"der-betrogene-patient","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=2074","title":{"rendered":"Der betrogene Patient"},"content":{"rendered":"<p>Meine Entscheidung von 2008, die Schulmedizin und deren dringende Tysabri-Empfehlung abzulehnen, habe ich gelegentlich \u00f6ffentlich begr\u00fcndet, n\u00e4mlich mit dem damaligen Entschluss: \u201eWenn ich schon sterben muss, dann doch lieber an meiner Krankheit als an der Behandlung\u201c. Das Publikum des <em>K\u00f6lner Treff<\/em> war danach sehr still, aber w\u00e4hrend ich mitten drin weiter Auskunft geben durfte, murrte und murmelte es leise um uns herum. Denn offenkundig war dieser gedankliche Selbstg\u00e4nger f\u00fcr viele der Anwesenden ein Affront. Man muss doch den Empfehlungen der \u00c4rzte folgen. Die helfen einem doch. Die wissen, was sie tun. Und haben wirksame Medikamente, gr\u00fcndlich getestet und von Beh\u00f6rden zugelassen. Medikamente, die in jedem Fall den Zustand des Patienten verbessern. Wie kann einer da so unvern\u00fcnftig sein, nichts zu tun? Oder besser, nichts <em>hinzuzuf\u00fcgen<\/em>, sondern alles <em>wegzulassen<\/em>, was den K\u00f6rper bei der Heilung st\u00f6rt. Und dann behauptet dieser Vollkranke auch noch, der K\u00f6rper wolle nichts anderes als heil sein. Man d\u00fcrfe sich ihm nur nicht in den Weg stellen, sondern m\u00fcsse ihn dabei unterst\u00fctzen, so gut es eben geht. Eben, durchs Weglassen von allem, was ihm schadet, was ihn irritiert, was ihn st\u00f6rt. (Murmelnd aus dem <em>off<\/em>: &#8222;Verr\u00fcckt, der B\u00f6ttcher. Hirnverbrannt. Muss an seiner MS liegen. Case closed.&#8220;)<\/p>\n<p>Dass der Schulmediziner Dr. Gerd Reuther eben diese Maxime des Weglassens kennt und in seinem Buch \u201e<strong>Der betrogene Patient<\/strong>\u201c immer wieder unterstreicht, reicht eigentlich schon aus f\u00fcr seine Disqualifikation als systemkonformer Arzt. Denn wer als Mediziner so denkt \u2013 oder gar so handelt \u2013 dessen Karriere ist schlicht beendet (oder f\u00e4ngt gar nicht erst an). \u201eWeglassen\u201c ist im Gesundheitssystem keine Option, denn \u201eWeglassen\u201c verhei\u00dft ja Entsetzliches: Umsatzeinbr\u00fcche f\u00fcr \u00c4rzte, Behandler und Krankenh\u00e4user, obendrein auf nat\u00fcrlichem Weg gesundende Patienten, die nicht dauerbehandelt werden m\u00fcssen, sondern einfach wieder auf die Beine kommen. Das kann niemand wollen. Au\u00dfer den Patienten, klar, aber was die wollen, <em>kann<\/em> nicht von Bedeutung sein in einem System, das inzwischen, wasserdicht gestaltet, 12% des BIP generiert und Unmengen Arbeitspl\u00e4tze sichert.<\/p>\n<p>Wie pr\u00e4zis alles in diesem System verzahnt ist und unheilvoll zum Schaden des Patienten zusammenh\u00e4ngt, hat Reuther in seinem Buch zusammengetragen, knattertrocken formuliert und mit einem kleingedruckten 60-Seiten-Quellenapparat belegt &#8211; sein Buch findet daher seinen angemessenen Ehrenplatz zwischen denen von <a href=\"http:\/\/www.erz\u00e4hler.net\/?p=1305\" target=\"_blank\">Goetzsche<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.erz\u00e4hler.net\/?p=1084\" target=\"_blank\">Angell<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.erz\u00e4hler.net\/?p=1168\" target=\"_blank\">Goldacre<\/a> und Kassirer \u2013 als Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr jeden, der sich zumindest vorstellen kann, jemals krank zu werden und zum Arzt zu gehen. Erst recht nat\u00fcrlich f\u00fcr alle, die sich bereits \u201ein Behandlung\u201c befinden, also dem System dienen, indem sie sich kostenpflichtig chronisch kaputttherapieren lassen.<\/p>\n<p>Wer das Thema kennt, wird nat\u00fcrlich gelegentlich blo\u00df nicken und weiterbl\u00e4ttern, weil wir ja l\u00e4ngst alle wissen, dass man in Krankenh\u00e4usern stirbt, weil unsere stolzen \u00c4rzte sich das H\u00e4ndesch\u00fctteln nicht abgew\u00f6hnen k\u00f6nnen (\u201eDas haben wir schon immer so gemacht\u201c), aber Reuthers trockener und faktenreicher Vortrag erhellt weit mehr als die meisten Berichte \u00fcber das Gesundheitssystem, dass das System eben nicht <em>krank<\/em> ist, sondern sich \u00e4u\u00dferst gesund und vital selbst dient.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist diese systematische Selbstbedienung unmoralisch und gemeingef\u00e4hrlich f\u00fcr jeden Patienten, aber die Gestaltung des \u201eGesundheitssystems\u201c ist so grunds\u00e4tzlich konsequent und richtig im Sinn des \u00fcbergeordneten Systems, also unserer gesamten Lebens- und Wirtschaftsorganisation, dass sich gar nichts \u00e4ndern <em>kann<\/em> \u2013 solange wir nicht fundamental umdenken. (Save the date: Wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen). Der Patient ist indes gut beraten, sich dies klarzumachen: Alles, was medizinisch vern\u00fcnftig w\u00e4re, rasche Gesundung bef\u00f6rderte und chronische Krankheit vermiede, ist schlicht gesch\u00e4ftssch\u00e4digend \u2013 und schlecht f\u00fcr\u00b4s BIP.<\/p>\n<p>Reuthers Buch dient mithin bei allem Faktenreichtum vor allem der Aufkl\u00e4rung des Patienten, der bislang irrglaubte, das Gesundheitssystem versuche ihm zu dienen \u2013 ihn also gesunden zu lassen. Das ist nicht der Fall, denn gesunde Menschen sind Gift f\u00fcr die Bilanz. Gesunde Menschen brauchen keine Medikamente und keine \u00c4rzte. Welches Interesse sollten also Pharmahersteller, Krankenhausbetreiber und \u00c4rzte an gesunden Menschen haben? (Am Rande: Weshalb selbst die <em>Krankenkassen<\/em> kein Interesse mehr an nicht chronisch kranken Menschen haben, wird jedem klar, der sich mal spa\u00dfeshalber zum \u201eMorbi-RSA\u201c durchgoogelt; man betrachte diesen als finalen genialen Coup der Gesundheitsindustrielobby, um den gesundungswilligen Patienten endg\u00fcltig abzuservieren).<\/p>\n<p>Kurz: Sich all dies mittels Lekt\u00fcre des Reuther-Berichts vor dem Arztbesuch klarzumachen, ist zwar \u00e4u\u00dferst deprimierend, aber auch \u00e4u\u00dferst hilfreich, denn es bewahrt jeden, der sich tempor\u00e4r unwohl f\u00fchlt, so oder so vor Schaden. Entweder, weil er auf den Arztbesuch gleich verzichtet, oder weil er die Therapievorschl\u00e4ge seines Arztes richtig versteht. Als dienlich, aber nicht dem Patientenwohl, sondern dem eigenen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3742300717\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3742300717&amp;linkCode=as2&amp;tag=www119fragede-21&amp;linkId=20d8e1c75653acaa9ec277e61c4819ad\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=3742300717&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=www119fragede-21\" border=\"0\" alt=\"\" \/><\/a><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=www119fragede-21&amp;l=am2&amp;o=3&amp;a=3742300717\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><em>Dr. med. Gerd Reuther, Der betrogene Patient. riva, 400 S., 19.99 \u20ac<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Entscheidung von 2008, die Schulmedizin und deren dringende Tysabri-Empfehlung abzulehnen, habe ich gelegentlich \u00f6ffentlich begr\u00fcndet, n\u00e4mlich mit dem damaligen Entschluss: \u201eWenn ich schon sterben muss, dann doch lieber an meiner Krankheit als an der Behandlung\u201c. 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