{"id":1712,"date":"2016-02-04T12:00:46","date_gmt":"2016-02-04T12:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=1712"},"modified":"2016-02-04T12:05:59","modified_gmt":"2016-02-04T12:05:59","slug":"we-are-looking-for-dreamers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--erzhler-7wa.net\/?p=1712","title":{"rendered":"&#8222;We are looking for dreamers.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ungeheuer leicht, an <strong>Brad Birds<\/strong> <strong>&#8222;Tomorrowland&#8220; <\/strong>(dt., sonderbar: <em>A World Beyond<\/em>) herumzun\u00f6rgeln: zu platt, zu laut, zu naiv, zu amerikanisch, zu unlogisch, zu irgendwas, jedenfalls nicht Arthaus. Genauso leicht w\u00e4re es, den Film als das zu nehmen, was er ist: Ein buntes Popcorn-Gedicht um eine gro\u00dfe Wahrheit, n\u00e4mlich die, dass <em>allein<\/em> unsere Vorstellung von der Zukunft die Zukunft formt. Und so, wie die Dinge liegen, haben wir den Glauben an eine gute Zukunft vollst\u00e4ndig verloren, sind also praktisch schon tot.<\/p>\n<p>Das klingt, nicht zuf\u00e4llig, unter unserer \u201e<strong>Zukunft<\/strong>\u201c in \u201e<strong>Die ganze Wahrheit \u00fcber alles<\/strong>\u201c durchaus \u00e4hnlich, und den kleinen finsteren Vortrag des Erzschurken Nix (sic) h\u00e4tten wir nat\u00fcrlich zitieren k\u00f6nnen (h\u00e4tten wir ihn denn schon vor Druckbeginn gekannt). Ein bisschen runder geht\u00b4s aber auch, eben so (die Abteilung \u201eWas mit &#8222;Zukunft&#8220; gemeint war\u201c hier \u00fcberspringend):<\/p>\n<address><strong>Was wir daraus gemacht haben<\/strong>: Eine Worth\u00fclse auf unserem Weg zum erweiterten Suizid. Als unser Unwohlsein mit dem ganzen Konzept begann, sind uns ja immerhin noch gelungene Aphorismen gelungen wie <em>Fr\u00fcher war sogar die Zukunft besser (Karl Valentin) <\/em>oder <em>Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war<\/em> (Yogi Berra) oder <em>Mangels Nachfrage findet Morgen nicht statt<\/em> \u2013 aber dieses vergleichsweise lustige Mahnen ist lang her, und heute aber scheint es, als w\u00e4re unsere Zukunft nicht nur schlechter geworden, sondern f\u00f6rmlich verschwunden, als h\u00e4tten wir vor lauter Fragen, Aufgaben und Tempo schlicht gar keine <em>Zeit<\/em> mehr f\u00fcr unsere Zukunft; als sei sie uns \u201eabhanden gekommen unter der Diktatur der Gegenwart\u201c (Welzer) des permanenten \u201eJetzt!\u201c (Eckhart Tolle), anders vermutet, schon in den 1960ern: \u201eMir will es doch so vorkommen, als ob das, was (&#8230;) dem Menschen abhanden gekommen ist, die F\u00e4higkeit ist, ganz einfach das Ganze sich vorzustellen als etwas, das v\u00f6llig anders sein k\u00f6nnte.\u201c (Theodor W. Adorno).<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Das stimmt nat\u00fcrlich nicht. <em>Vorstellen<\/em> k\u00f6nnen wir die Zukunft n\u00e4mlich durchaus noch, allerdings absolut nicht mehr utopisch, sondern nur noch dystopisch, also schwarz. Licht und bunt schaffen wir nicht mehr, und das, obwohl wir in unserem gemeinsamen R\u00fcckspiegel <em>sehen<\/em>, dass unsere Zukunft immer gestaltbar <em>war<\/em>, und zwar (meist) zu unserem grandiosen gemeinsamen Vorteil. Das scheint vergessen, denn heute setzen wir\u00a0 unsere politischen Vertreter nicht umgehend ab und vor die Landesgrenze, wenn sie von \u201eAlternativlosigkeit\u201c sprechen &#8211; also uns das Allerwesentlichste unseres Menschseins absprechen, n\u00e4mlich sogar die <em>M\u00f6glichkeit<\/em> des Gestaltens unseres zuk\u00fcnftigen Lebens: diesen Glauben an die Gestaltbarkeit unserer Zukunft, den scheint man uns tats\u00e4chlich genommen zu haben.<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>(&#8230;)<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Utopien? Sind als naiv diskreditiert. Hatten wir doch alles schon. Hat alles nicht funktioniert. Gute Ideen? Hatten wir auch. Haben auch nicht funktioniert. So sagen wir heute, \u201ewas in harmloseren Zeiten nur den ausgepichten Spie\u00dfb\u00fcrgern vorbehalten war: \u201eAch, das sind ja Utopien, ach, das ist ja nur im Schlaraffenland m\u00f6glich, im Grunde soll das auch \u00fcberhaupt gar nicht sein\u201c (Adorno, ebd).<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Dass wir so ticken und empfinden ist gew\u00fcnscht und gewollt. Nicht von uns vielen, die wir unter der Gegenwart mehr oder minder leiden, sondern von den wenigen, die gegenw\u00e4rtig profitieren. So dient die Zukunftsvorstellung nur mehr zum Bangemachen und zum Unterstreichen der f\u00fcr die \u201ePowers to be\u201c so wichtigen Herdenhaltung: \u201eWir k\u00f6nnen ja eh nichts \u00e4ndern, es geht zu Ende.\u201c So oder so. Vermutlich blutig und im Kampf Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, Kind gegen Zombie. Und wenn uns \u00fcberhaupt noch irgendwas helfen kann in dieser nahen Zukunftswelt der uns \u00fcberschwemmenden Aliens aus dem Weltall oder dem nahen Osten oder gleich der \u201eWalking Dead\u201c, dann doch, wenn \u00fcberhaupt noch jemand, das US-Milit\u00e4r.<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>(&#8230;)<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Die Diagnose f\u00e4llt aber noch ein bisschen verheerender aus, wenn wir den verbleibenden Kitsch entfernen und konstatieren m\u00fcssen: Wir haben die Zukunft vergessen und verraten, und die Zukunft, das ist eure Zeit. Die Zukunft, das seid ihr. Das hei\u00dft: Obwohl wir alle \u2013 Politiker wie Nichtpolitiker \u2013 seit Jahrzehnten wissen, dass es so nicht weitergeht und wir unseren Kindern und Enkeln einen Desasterplaneten hinterlassen werden, haben wir nicht gehandelt. Sondern abgewartet. Und uns damit beruhigt, dass ihr uns ja h\u00f6chstens unterlassene Hilfeleistung vorwerfen k\u00f6nntet, aber keinen Mord. Das allerdings wird nicht wahr, selbst wenn wir es uns hundertmal in unsere K\u00f6pfe und Strafgesetzb\u00fccher l\u00fcgen: Auch Nichthandeln ist Handeln, und im Ergebnis besteht kein Unterschied zwischen Mord und unterlassener Hilfeleistung. Letztere hat nur einen besseren Ruf.<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Das Schlimme ist: Wir sp\u00fcren das. Wir wissen das. Wir haben es verbockt, gr\u00fcndlich. Haben nicht richtig hingeguckt, viel vergessen, waren bequem und gedankenlos und haben nichthandelnd zugelassen, dass eure Zukunftsaussichten immer schlechter werden. Heute aber, im Jetzt, k\u00f6nnen wir das nicht mehr ignorieren. Heute wissen wir und gestehen uns sogar ein, dass es euch, unseren Kindern, eben nicht \u201eeinmal besser gehen wird\u201c als uns. Das glauben nur noch 13% von uns, und Harald Welzer fragt zurecht: \u201eWo nehmen die restlichen 87% die entspannte Haltung her, dagegen nichts zu tun?\u201c<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Aber diese Haltung ist keine. Und schon gar nicht entspannt. Sondern eine schwere, zukunftslose Depression. Wir wissen doch, dass es kein Argument gibt, nichts zu tun. Dass es schon seit Jahrzehnten kein Argument mehr f\u00fcr unser Nichtstun <em>gab<\/em>. Und ihr k\u00f6nnt euch gar nicht vorstellen, wie <em>peinlich<\/em> uns das ist. Wie sehr wir uns sch\u00e4men. Denn alles, was wir verschoben haben, wird euch auf die F\u00fc\u00dfe fallen. Und jetzt haben wir auch noch den Glauben verloren, dass wir es \u00fcberhaupt noch \u00e4ndern <em>k\u00f6nnten<\/em>.<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Unser \u201eMind Set\u201c? Gleicht dem eines frisch gefeuerten US-Familienvaters, der verzweifelt wei\u00df, dass er seine Familie nicht mehr wird ern\u00e4hren k\u00f6nnen. Der wei\u00df, dass seine Frau ihn verlassen wird. Der wei\u00df, dass seine Kinder nicht werden studieren k\u00f6nnen. Dass ihn alle hassen werden, f\u00fcr immer. Der wei\u00df, dass man h\u00f6chstens noch auf sein Grab spucken wird, und der verzweifelt nach Hause f\u00e4hrt, die Waffe im Handschuhfach, und konsequent in seiner schweren schwarzen St\u00f6rung tut, was so ein Mann eben tun muss: Ehe der so was zul\u00e4sst, nimmt er die ganze Familie doch lieber mit.<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Der Fachmann nennt das \u201eerweiterten Suizid\u201c, und solltet ihr das Bild allzu drastisch finden, m\u00fcsstet ihr euch die Frage beantworten, uns betreffend: <em>Wieso haben diese Leute nicht gehandelt?<\/em><\/address>\n<address><em><br \/>\n<\/em><\/address>\n<p>Also. Bitte. Das geh\u00f6rt er doch eher in ein k\u00fchnes, wahlweise naives Buch wie unseres als in einen Popcorn-Film, denn man kann den Leuten (unserer Generation) doch nicht ernsthaft im Kino sagen, dass sie sterben <em>wollen<\/em>. Andererseits &#8230; wenn ich dr\u00fcben bei meinem <a href=\"http:\/\/www.broeckers.com\" target=\"_blank\">Co-Autor<\/a> in den tats\u00e4chlich sehr respektvollen <a href=\"http:\/\/www.broeckers.com\/2016\/02\/03\/nationen-und-nationalismus\/#comments\" target=\"_blank\">Kommentaren<\/a> lese \u201e<em>Ich bin ein Tr\u00e4umer, klar, zumal ich den Menschen an sich f\u00fcr hoffnungslos verbl\u00f6det halte, und mich am leichtesten damit tr\u00f6ste, dass ich nicht mehr so sehr lange zu leben habe<\/em>\u201c, scheint sowohl unsere Analyse als auch das pathetische \u201eTomorrowland\u201c-Ende einen Taschenlampenstrahl in die richtige Richtung zu werfen. Einen naiven, meinetwegen: \u201eWe are looking for dreamers.\u201c<\/p>\n<p>Weshalb im unweigerlichen dritten Schritt unserer thematischen Dreis\u00e4tze unter <em>Zukunft<\/em> auch, aber nicht nur steht, unter dem \u201eIhr\u201c, das ausdr\u00fccklich <em>nicht<\/em> unsere traumlose Generation meint:<\/p>\n<address><span style=\"text-decoration: underline;\">Was ihr daraus machen werdet<\/span>: Ihr werdet die Zukunft restaurieren, in eurem Jetzt: als positive Vision; die Zukunft f\u00fcr euch zur\u00fcckerobern und sie wieder gestalten, statt sie nur geschehen zu lassen. Ihr werdet euch erinnern, wie \u201eZukunft\u201c vor uns gemeint war, dass das vorausschauende Handeln uns Menschen von Am\u00f6ben unterscheidet. (Und ihr werdet allenfalls am Philosophenstammtisch diskutieren, ob denn die \u201eGestaltbarkeit\u201c des Morgen tats\u00e4chlich ist oder tats\u00e4chlich blo\u00df eine Illusion und \u2013 falls \u2013 eine nur n\u00fctzliche oder eine notwendige).<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Dabei werdet ihr \u2013 durchaus mitentscheidend &#8211; wissen, dass ihr uns nichts schuldet. Ob ihr uns vergebt? Almosen verteilt? Oder uns alle in den Fluss werft? Ihr k\u00f6nnt sicher sein, dass wir gespannt sind auf eure Antwort. In den Fluss werfen w\u00e4re gerecht, Almosen w\u00e4ren nett. Aber verdient haben wir die nicht. Und sollte einer von uns euch eine solche Pflicht einreden wollen, bleibt ihr sehr entspannt, mit freiem Hinweis auf die wahren Revolution\u00e4re: \u201eProbleme oder Schulden sind nicht \u00fcbertragbar von einer Generation auf die n\u00e4chste\u201c (Thomas Jefferson).<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Ihr werdet die Ungerechtigkeit beenden, denn nur sie steht eurem Frieden im Paradies im Weg. Ihr werdet umverteilen. 0,001-10% von euch wird das nicht gefallen, insbesondere den 80 Menschen nicht, denen derzeit der halbe Reichtum des Planeten geh\u00f6rt (-&gt; Verteilung). Vermutlich werden die k\u00e4mpfen wollen, aber vergesst nicht: Ihr seid denen zahlenm\u00e4\u00dfig nicht nur ein bisschen \u00fcberlegen, und so werdet ihr siegen, fast ohne Blutvergie\u00dfen, Teddy Roosevelt im Sinn: \u201eZu f\u00fcrchten habt ihr nichts au\u00dfer der Furcht selbst.\u201c<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Ihr werdet wissen: Es ist besser, Fehler zu machen als gar nichts. Besser, beim Versuch zu scheitern als beim Aussitzen. \u201eTrotzdem!\u201c ist das neue \u201eAlternativlos\u201c.<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Ihr werdet drei, vier Fragen immer im Kopf haben, als Leitsterne: Ihr werdet wissen wollen: \u201eWozu mache ich das eigentlich (das, was ich gerade mache), in jedem Moment?\u201c, \u201eWas will ich, was wollen wir <em>sein<\/em>?\u201c; \u201eWas will ich, \u00fcber das Jetzt hinaus, <em>gewesen sein<\/em>?\u201c<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Und zuletzt, am Anfang von allem: \u201eWas wollen wir wollen?\u201c<\/address>\n<address> <\/address>\n<address> <\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ungeheuer leicht, an Brad Birds &#8222;Tomorrowland&#8220; (dt., sonderbar: A World Beyond) herumzun\u00f6rgeln: zu platt, zu laut, zu naiv, zu amerikanisch, zu unlogisch, zu irgendwas, jedenfalls nicht Arthaus. 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