Der betrogene Patient

Meine Entscheidung von 2008, die Schulmedizin und deren dringende Tysabri-Empfehlung abzulehnen, habe ich gelegentlich öffentlich begründet, nämlich mit dem damaligen Entschluss: „Wenn ich schon sterben muss, dann doch lieber an meiner Krankheit als an der Behandlung“. Das Publikum des Kölner Treff war danach sehr still, aber während ich mitten drin weiter Auskunft geben durfte, murrte und murmelte es leise um uns herum. Denn offenkundig war dieser gedankliche Selbstgänger für viele der Anwesenden ein Affront. Man muss doch den Empfehlungen der Ärzte folgen. Die helfen einem doch. Die wissen, was sie tun. Und haben wirksame Medikamente, gründlich getestet und von Behörden zugelassen. Medikamente, die in jedem Fall den Zustand des Patienten verbessern. Wie kann einer da so unvernünftig sein, nichts zu tun? Oder besser, nichts hinzuzufügen, sondern alles wegzulassen, was den Körper bei der Heilung stört. Und dann behauptet dieser Vollkranke auch noch, der Körper wolle nichts anderes als heil sein. Man dürfe sich ihm nur nicht in den Weg stellen, sondern müsse ihn dabei unterstützen, so gut es eben geht. Eben, durchs Weglassen von allem, was ihm schadet, was ihn irritiert, was ihn stört. (Murmelnd aus dem off: „Verrückt, der Böttcher. Hirnverbrannt. Muss an seiner MS liegen. Case closed.“)

Dass der Schulmediziner Dr. Gerd Reuther eben diese Maxime des Weglassens kennt und in seinem Buch „Der betrogene Patient“ immer wieder unterstreicht, reicht eigentlich schon aus für seine Disqualifikation als systemkonformer Arzt. Denn wer als Mediziner so denkt – oder gar so handelt – dessen Karriere ist schlicht beendet (oder fängt gar nicht erst an). „Weglassen“ ist im Gesundheitssystem keine Option, denn „Weglassen“ verheißt ja Entsetzliches: Umsatzeinbrüche für Ärzte, Behandler und Krankenhäuser, obendrein auf natürlichem Weg gesundende Patienten, die nicht dauerbehandelt werden müssen, sondern einfach wieder auf die Beine kommen. Das kann niemand wollen. Außer den Patienten, klar, aber was die wollen, kann nicht von Bedeutung sein in einem System, das inzwischen, wasserdicht gestaltet, 12% des BIP generiert und Unmengen Arbeitsplätze sichert.

Wie präzis alles in diesem System verzahnt ist und unheilvoll zum Schaden des Patienten zusammenhängt, hat Reuther in seinem Buch zusammengetragen, knattertrocken formuliert und mit einem kleingedruckten 60-Seiten-Quellenapparat belegt – sein Buch findet daher seinen angemessenen Ehrenplatz zwischen denen von Goetzsche, Angell, Goldacre und Kassirer – als Pflichtlektüre für jeden, der sich zumindest vorstellen kann, jemals krank zu werden und zum Arzt zu gehen. Erst recht natürlich für alle, die sich bereits „in Behandlung“ befinden, also dem System dienen, indem sie sich kostenpflichtig chronisch kaputttherapieren lassen.

Wer das Thema kennt, wird natürlich gelegentlich bloß nicken und weiterblättern, weil wir ja längst alle wissen, dass man in Krankenhäusern stirbt, weil unsere stolzen Ärzte sich das Händeschütteln nicht abgewöhnen können („Das haben wir schon immer so gemacht“), aber Reuthers trockener und faktenreicher Vortrag erhellt weit mehr als die meisten Berichte über das Gesundheitssystem, dass das System eben nicht krank ist, sondern sich äußerst gesund und vital selbst dient.

Natürlich ist diese systematische Selbstbedienung unmoralisch und gemeingefährlich für jeden Patienten, aber die Gestaltung des „Gesundheitssystems“ ist so grundsätzlich konsequent und richtig im Sinn des übergeordneten Systems, also unserer gesamten Lebens- und Wirtschaftsorganisation, dass sich gar nichts ändern kann – solange wir nicht fundamental umdenken. (Save the date: Wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen). Der Patient ist indes gut beraten, sich dies klarzumachen: Alles, was medizinisch vernünftig wäre, rasche Gesundung beförderte und chronische Krankheit vermiede, ist schlicht geschäftsschädigend – und schlecht für´s BIP.

Reuthers Buch dient mithin bei allem Faktenreichtum vor allem der Aufklärung des Patienten, der bislang irrglaubte, das Gesundheitssystem versuche ihm zu dienen – ihn also gesunden zu lassen. Das ist nicht der Fall, denn gesunde Menschen sind Gift für die Bilanz. Gesunde Menschen brauchen keine Medikamente und keine Ärzte. Welches Interesse sollten also Pharmahersteller, Krankenhausbetreiber und Ärzte an gesunden Menschen haben? (Am Rande: Weshalb selbst die Krankenkassen kein Interesse mehr an nicht chronisch kranken Menschen haben, wird jedem klar, der sich mal spaßeshalber zum „Morbi-RSA“ durchgoogelt; man betrachte diesen als finalen genialen Coup der Gesundheitsindustrielobby, um den gesundungswilligen Patienten endgültig abzuservieren).

Kurz: Sich all dies mittels Lektüre des Reuther-Berichts vor dem Arztbesuch klarzumachen, ist zwar äußerst deprimierend, aber auch äußerst hilfreich, denn es bewahrt jeden, der sich temporär unwohl fühlt, so oder so vor Schaden. Entweder, weil er auf den Arztbesuch gleich verzichtet, oder weil er die Therapievorschläge seines Arztes richtig versteht. Als dienlich, aber nicht dem Patientenwohl, sondern dem eigenen.

Dr. med. Gerd Reuther, Der betrogene Patient. riva, 400 S., 19.99 €

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